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Sportanlage für 5,7 Millionen Euro

Nicht nur für Menschen mit Handicap: Erste Inklusions-Kletterhalle öffnet in Bad Aibling

Die Vorständin der Alpenvereins-Sektion „Stützpunkt Inntal“ Natascha Haug unterstützt Ian (14) in einer Kletterhalle in Rosenheim.
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Die Vorständin der Alpenvereins-Sektion „Stützpunkt Inntal“ Natascha Haug unterstützt Ian (14) in einer Kletterhalle in Rosenheim.

Im Herbst öffnet in Aibling die erste Inklusionskletterhalle. Menschen mit und ohne Handicap sollen hier Sport treiben und Selbstvertrauen tanken. Wie es zu dem außergewöhnlichen Projekt kam und worauf sich die Besucher – mit und ohne Handicap – freuen können.

Von Susanne Schröder

Bad Aibling – 535 Kletterhallen gibt es bundesweit, bald ist es eine mehr: Im Herbst öffnet in Aibling die erste Inklusionskletterhalle. Menschen mit und ohne Handicap sollen hier Sport treiben und Selbstvertrauen tanken.

Der 18-jährige Tobi ist eine „Legende“. So bezeichnet die Alpenvereins-Sektion „Stützpunkt Inntal“ die Jugendlichen, die schon seit Jahren in der Gruppe klettern. Aus eigener Kraft von Klettergriff zu Klettergriff die steile Wand hinauf, sich gegenseitig mit einem Seil sichern – jeder muss sich auf den anderen verlassen. Dass Tobi eine geistige Behinderung hat, ist in der Gruppe kein Problem: Manche Kletterer leben mit einem Handicap, andere ohne.

„Ein ganzheitliches Training“

Gemeinsam ist allen der Spaß am Sport. „Klettern ist ein ganzheitliches Training, bei dem man Mut aufbauen und Selbstwirksamkeit erfahren kann“, sagt Natascha Haug, Vorständin der Sektion. Damit noch mehr Menschen mit und ohne Behinderung diese Erfahrung machen können, baut der Stützpunkt Inntal derzeit die erste Inklusionskletterhalle Deutschlands, das „Basislager“. Im Herbst ist die Eröffnung geplant.

Sie ist als Inklusionsbetrieb angemeldet. Das heißt: Vier der geplanten zehn Vollzeitstellen in Küche, Service, Empfang, Büro und Kursbetrieb müssen von Menschen mit Behinderung besetzt werden. Stützpunkt-„Legende“ Tobi ist einer von ihnen: Seinen Arbeitsvertrag hat er bereits unterschrieben, er wird im Bistro und an der Kasse arbeiten.

„Er gehört dann zu den Personen, die die Besucher der Kletterhalle begrüßen“, sagt Haug. Angefangen hat alles vor 20 Jahren mit den Kinderkletterkursen, die die Ergotherapeutin Haug in ihrer Freizeit leitete. Schnell stellte sie fest, dass es in jeder Gruppe Kinder gab, die besondere Aufmerksamkeit brauchten.

Ergotherapeutin Haug: „Das ist ein fließender Prozess“

„Dann war meist ein Trainer für zwei Kinder da und der andere für die restlichen zehn“, erzählt sie – keine idealen Bedingungen. Also gründeten Haug und ihre Mitstreiter kleine therapeutische Klettergruppen, in denen die Kinder mit Förderbedarf üben und wachsen konnten, bis sie schließlich fit für die große Gruppe waren. „Das ist ein fließender Prozess“, sagt die 45-Jährige. Das Angebot sprach sich herum, und so kamen auch bald Kinder mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung in den Stützpunkt Inntal des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Das Thema Inklusion wurde für Natascha Haug zur Herzensangelegenheit. „Jeder Zehnte hat eine Krankheit oder Behinderung“, sagt die gebürtige Fränkin. Und jeder habe besondere Fähigkeiten. Doch immer wieder spüre sie beim Klettern mit der Gruppe auch misstrauische Blicke, wenn ein Jugendlicher mit Down-Syndrom seinen Freund an der Wand sichere. Ihre Erfahrung: „Jugendliche mit Behinderung müssen in so einem Bereich immer mehr leisten als andere.“

Alle Bereiche barrierefrei zu erreichen

Der DAV listet zwischen Kempten und Hamburg insgesamt 20 inklusive Klettergruppen auf, hinzu kommen Angebote nur für Kinder und Jugendliche. Der Verein sei der Meinung, dass Bergsport, Bergsteigen und Alpinismus auch allen Menschen mit Behinderung offen stehen müssten, heißt es bereits in einem Positionspapier von 2014. Um beim Klettern eine inklusive Mischung hinzubekommen, brauche es aber „einen breiten Zugang zur Bevölkerung“, betont Haug.

Die neue Inklusionskletterhalle in Bad Aibling soll ein Schritt in diese Richtung sein. Alle Bereiche der Schulungs- und der 17 Meter hohen Haupthalle sind barrierefrei zu erreichen, das Bistro liegt im Erdgeschoss, die Behindertentoilette direkt daneben. Die Umkleideräume verfügen jeweils über eine eigene barrierefreie Toilette samt Dusche.

5,7 Millionen Euro sind für den Bau veranschlagt, zu den Großsponsoren gehören der Bayerische Landessportverband und die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Das dreiköpfige Projektteam hat „die komplette Stiftungslandschaft“ abgegrast, so Haug. Regionale Firmen unterstützen mit fünfstelligen Summen.

Platz in der Mitte der Gesellschaft

Für Natascha Haug ist der gemeinsame, von Einschränkungen unbehinderte Freizeitsport aber noch nicht alles. Sie möchte Menschen mit Handicaps auch nach der Schule einen Platz in der Mitte der Gesellschaft geben: „Spätestens bei der freien Berufswahl ist mit Inklusion meistens Schluss.“ Schon für Jugendliche mit Lernbehinderung sei es schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden, für solche mit geistiger Behinderung quasi unmöglich.

Tobi kommt mit seiner Arbeitsstelle in der Kletterhalle seinem Ziel ein Stückchen näher, wie er Haug erzählt hat: Er möchte allein wohnen und nicht in einer Behinderten-Werkstatt arbeiten. Doch ihre Vision geht noch viel weiter: „Ich hoffe, dass uns in fünf Jahren die ersten Mitarbeiter mit Behinderung leider verlassen - weil sie ein anderes Jobangebot haben.“

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