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Flutopfer brauchen immer noch Hilfe

Ein Jahr nach der Katastrophe im Ahrtal: Warum gespendete Möbel noch in Bad Aibling festhängen

Vor einem Jahr startete der Bad Aiblinger Uwe Hecht mit einem Transporter voller Hilfsgüter nach Ahrweiler.
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Vor einem Jahr startete der Bad Aiblinger Uwe Hecht mit einem Transporter voller Hilfsgüter nach Ahrweiler.

Lebensmittel haben sie gespendet, Kleidung und Geld: Viele Menschen aus unserer Region unterstützten die Hilfsaktion des Aiblingers Uwe Hecht für Flutopfer im Ahrtal im vergangenen Jahr. Auf einer Menge Möbel indes bleiben die Helfer im Moment immer noch sitzen. Denn es gibt ein Problem.

Bad Aibling – In diesen Tagen jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum ersten Mal. Was sich bis heute getan hat und wie es den Menschen in Ahrweiler geht, darüber haben wir mit dem Bad Aiblinger Uwe Hecht gesprochen, der sich Unterstützung für die Bewohner der Stadt auf die Fahne geschrieben hat.

Herr Hecht, Sie haben enge Beziehungen zu Ahrweiler, waren nach der Flutkatastrophe vor Ort, haben auch Spenden für Flutopfer gesammelt. Wie geht es den Menschen Ihren Eindrücken nach heute?

Uwe Hecht: Natürlich ist die Flut bei den Menschen noch allgegenwärtig und das dürfte besonders jetzt, da sich die Katastrophe jährt, wieder in den Vordergrund rücken. Ich habe aber erlebt, dass die Ereignisse keinesfalls verdrängt werden. Man geht offen damit um und ich hatte den Eindruck, es tut vielen gut, wenn sie ungezwungen über die Ereignisse sprechen können. Keiner davon trägt das aber vor sich her, nach dem Motto: „Sieh her ich bin auch von der Flut betroffen“, man muss da schon explizit ansprechen.

Ahrweilers Zentrum nach der Flut.

Von welchen positiven Entwicklungen können Sie berichten?

Uwe Hecht: Ich kann hauptsächlich von Ahrweiler und Umgebung sprechen, aber am positivsten ist sicher die Einstellung der Menschen, zumindest der „alteingesessenen“, die ich schon seit Jahrzehnten kenne. Äußerlich stellt man fest, dass in Zentrum bereits Gastronomen ihre Betriebe wieder geöffnet haben. Die einzige Metzgerei hat seit 1. Juni wieder auf, zwei Bäckereien sorgen wieder für die Versorgung und auch der sonstige Einzelhandel öffnet nach und nach. Seitens der Stadtverwaltung wird auch alles getan, um der Stadt einen optisch schönen Eindruck zu verleihen.

Was haben die Spenden der Menschen aus unserer Region dort bewirkt?

Uwe Hecht: Aus unserer Region gab es Lebensmittel-, Sach- und Geldspenden. Es gab ja kein einziges Lebensmittelgeschäft, welches nicht von der Flut betroffen war. So waren die Menschen dankbar für alles Ess- und Trinkbare. Mein Transporter, der bei der ersten Fahrt hauptsächlich mit Wasser und Grundnahrungsmitteln beladen war, wurde in nicht mal einer Stunde komplett leergeräumt. Die nächste Fahrt brachte dann Kleidung und Haushaltswaren und wieder hatte ich keine Mühe, all das loszuwerden.

Der Marktplatz von Ahrweiler vor der Flut.

Und woran fehlt es heute noch am meisten?

Uwe Hecht: So einfach wie banal: Es fehlt am Geld. Diejenigen, die keine oder unzureichende Versicherungen hatten, haben die meisten Probleme. Die zugesagten Hilfen fließen teils spärlich und wenn, dann nur mit hohem bürokratischem Aufwand. Beispiel: Eine mir sehr gut bekannte Familie hat ihre komplette Wohnungseinrichtung verloren, auch die Küche. Nachdem nun alles wieder beschafft war, stellten die Handwerker fest, dass zusätzlich zu den bisher installierten Steckdosen (das Mietshaus

wurde in den 60er Jahren erbaut) noch eine weitere sein müsse, auch Sicherheitsgründen. Die vorhanden hat die Versicherung ersetzt, die neue wurde „gestrichen“ und musste samt Installation (Kosten etwa 600 Euro) selbst bezahlt werden.

„Noch nie so viele Leute dort gesehen“

Haben Sie Beispiele dafür, was die Menschen froh/optimistisch stimmt?

Es darf auch wieder gefeiert werden: Uwe Hecht und Jürgen Schmitz gemeinsam beim großen Schützenfest in Ahweiler in diesem Jahr.

Uwe Hecht: Das Paradebeispiel ist wohl die Schützenfest-Woche, die ich miterleben durfte. Weltlicher Höhepunkt ist das „Vogelschießen“ der Bürgerschützen und der Junggesellenschützen mit anschließendem historischen Trinkzug. Das Fronleichnamsfest, das darin eingebettet ist, ist der geistliche Höhepunkt. Ich habe beides schon unzählige Male miterlebt, aber so viele Menschen habe ich beim Einzug der Schützenkönige in der Stadt noch nie zuvor gesehen. Der Ortspfarrer hatte die an sich gesperrte Kirche geöffnet und das Mittelschiff war nutzbar, trotz Baustelle und Trocknungsarbeiten. Auch wenn ich kaum zuvor so viele Leute- darunter auch viele Männer- mit Tränen in den Augen gesehen habe, als sie die das Gotteshaus betraten, auch das ein Zeichen, dass es aufwärts geht. Beim Trinkzug wurde den Schützen der Wein auch mal aus dem Fenster kredenzt, wenn Hauseingang oder Vorgarten noch eine Baustelle waren, die Menschen wollten feiern.

Und Beispiele für etwaigen „Galgenhumor“?

Uwe Hecht: Auch den gab es: ein alter Bekannter meinte, als ich ihn auf die Flut angesprochen habe: „Als Kinder wurden wir in St. Laurentius (Pfarrkirche in Ahrweiler) mit Ahrwasser getauft, nun ein zweites Mal und gleich so intensiv, dass wir ganz sicher alle in den Himmel kommen müssen.“

Wie erleben Sie die Art und Weise, wie die Menschen dort mit den zum Teil sehr tragischen Verlusten umgehen?

Uwe Hecht: Diese ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Viele möchten gerne darüber reden und sind dankbar für jeden Zuhörer, andere eher introvertiert und versuchen, das „mit sich selbst auszumachen“. Besonders da, wo Angehörige umgekommen sind, ist es schwer, Zugang zu den Menschen zu finden.

Der Ahrweiler Marktplatz nach der Flut.

Werden Sie hier in Bad Aibling ein Jahr nach der Katastrophe noch auf die Menschen und die Situation im Ahrtal angesprochen?

Uwe Hecht: Sehr oft sogar, und die Hilfsbereitschaft ist ungebrochen. Ich habe derzeit noch sehr viele Sachspenden, die ich in nächster Zeit vermutlich mit Paketdiensten direkt zu Betroffenen schicke. Ganz großes Problem: Ein eifriger Sammler hat sehr viel Möbelspenden aufgetrieben, die noch bei einem Freund von ihm lagern. Derjenige, der sie mit einem Lkw ins Ahrtal bringen wollte, hat uns nun hängen lassen. Hier suche ich noch nach einer Transportmöglichkeit.

Wie geht es Ihrem Freund Jürgen Schmitz und seiner Familie heute?

Uwe Hecht: Jürgen Schmitz ist ein großer Kämpfer und vor allem ein „Ahrweiler Jong“ (so nennt man alle männlichen „Eingeborenen“ in Ahrweiler), für ihn war aufgeben zu keiner Zeit eine Option. Zusammen mit seiner Familie und Freunden hat er sofort wieder angepackt und heute sind Bäckerei und Laden wieder geöffnet. Sogar der Teig für seine legendären „Printen“ den die Flut weggeschwemmt hatte und der bei Schmitz 6 Monate ruhen muss, bevor er final verarbeitet wird, ist wieder angesetzt und dürfte pünktlich zur Adventszeit in das süße Backwerk verwandelt werden.

Uwe Hecht: Was den Jürgen noch so besonders macht: Knapp ein Jahr nach der Flut ist er nun der neue Schützenkönig in Ahrweiler. Schon in „normalen Zeiten“ kein leichtes Amt. Er wollte aber damit auch ein Zeichen setzen und seinen Optimismus weitergeben. Und ehrlich: als er als neue Majestät von seinen Schützenbrüdern auf den Platz getragen wurde, standen mir Tränen der Freude und Rührung in den Augen. Für ihn selbst ging damit ein Traum in Erfüllung, den wohl jeder „Ahrweiler Jong“ hat. Unglaublich, was er in nicht mal einem Jahr alles geschafft hat.

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