Bahnhof: Behinderte sind entsetzt

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Ausprobiert und als zu schmal empfunden. "Ich würde mich nie trauen", sagt Rollstuhlfahrerin Elisabeth Waller. "Unverantwortlich", urteilt Sepp Höck.

Rosenheim - Den behindertengerechten Ausbau des Rosenheimer Bahnhofs hat die Bahn versprochen. Aber bei einem ersten Test stellten die Betroffenen fest: Versprochen wurde viel, gehalten längst nicht alles.

Einige Behinderte haben regelrecht Angst, den engen Bahnsteig 1 zu benutzen, und das Leitsystem für Blinde fehlt ganz. Die für Rosenheim zuständige Behindertenbeauftragte, Christine Mayer, fasst zusammen: "Wir sind schockiert und entsetzt."

"Da würde ich mich nie trauen entlangzufahren, wenn mehr Menschen unterwegs sind." So urteilt die Behindertenbeauftragte aus Oberaudorf und Rollstuhlfahrerin Elisabeth Waller über den Bahnsteig 1. "Unverantwortlich!" meint auch der Behindertenbeauftragte aus Eggstätt, Sepp Höck: " Da braucht mich nur einer ein bisschen an stupsen, und schon fahre ich mit dem Vorderrad über die Bahnsteigkante und falle raus." Ganze 2,03 Meter breit ist der Bereich zwischen Geländer und Bahnsteigkante. Bis zum Sicherheitsstreifen, der eigentlich nicht überschritten oder überrollt werden sollte, sind es sogar nur 93 Zentimeter. Fährt dort ein Rollstuhl, ist dieser Bereich komplett ausgefüllt. Wer entgegenkommt oder den Rollstuhlfahrer überholen möchte, überschreitet automatisch den Sicherheitsstreifen.

Es gab Projektgruppe "Barrierefreies Bauen"

Die Behindertenbeauftragte der Stadt, Christine Mayer, kann es nicht fassen. Eine Projektgruppe "Barrierefreies Bauen", der sie selbst angehört, sei in die Planungen der Bahn mit einbezogen worden. Dass der Bahnsteig so eng wird, sei für sie jedoch nicht ersichtlich gewesen.

"Etwas seltsam" finden es die Behinderten auch, dass die Rollstuhlrampe so versteckt angebracht und die zweite, die im Plan stand, erst gar nicht gebaut wurde. Gerade am Bahnhof, wo auch viele Menschen mit Trollis unterwegs sind, wäre doch eine Rampe direkt am Eingang angebracht, meint Mayer.

Bauarbeiten am Bahnhof dauern an

Die Wege über die gebaute Rampe seien zudem sehr weit: Wer über die lange Rampe hochrollt, steht direkt vor dem Reisezentrum, kann aber dort nicht hinein. Die Rollstuhlfahrer müssen erst wieder bis zum Haupteingang fahren und dann den ganzen Weg zurück. Wer die Toilette benutzen will, muss wieder durch das gesamte Gebäude rollen. "Pressieren darf es dir da nicht!", so die Meinung der Projektgruppe.

Der Gruppe gehören auch Menschen mit Sehbehinderung, Blinde und Gehörlose an. Auch sie stellten Mängel fest. "Im Zug wird durchgesagt, auf welchen Gleisen die Anschlusszüge abfahren. Aber die Gehörlosen können nicht hören. Sie brauchen eine Anzeigetafel für alle Gleise", so Rainer Meisel vom Hörgeschädigtenverein.

Knut Junge, Ingenieur und Mitglied im Normenausschuss, vertritt die Menschen mit Sehbehinderung und Blinde. Es gebe einiges zu verbessern, meint er. Was ihn aber richtiggehend ärgert, ist: "Zwei Jahre lang sind wir mit der Bahn zusammengesessen, haben alle Normen durchgearbeitet, und dann vergessen sie einfach das Taktile Leitsystem vom Haupteingang bis zum Reisezentrum und bauen Aufmerksamkeitsfelder an falschen Stellen ein. Das darf es einfach nicht geben!" Natürlich könne die Bahn nachbessern, aber das koste dann mehr. Und zahlen müsse es letztendlich der Steuerzahler.

Ausweichende Antwort der Bahn

Auf Anfrage erklärte eine Bahnsprecherin, bei den Planungen für den Umbau des Hausbahnsteiges seien alle sicherheitsrelevanten Belange berücksichtigt worden. Die zuständige Aufsichtsbehörde habe die Pläne geprüft und die Baugenehmigung erteilt. So lautete auch schon die Antwort, als der Rosenheimer CSU-Fraktionsvorsitzende Herbert Borrmann kürzlich der Bahn vorwarf, die Sicherheit ihrer Kunden der Gewinnmaximierung zu opfern - der Bahnsteig ist deshalb so schmal geworden, weil im Bahnhofsgebäude neue Ladenflächen entstehen, die die Bahn vermietet.

Eine behindertengerechte Rollstuhlrampe, so die Bahnsprecherin, habe vor allem wegen des zu überwindenden Höhenunterschieds leider nur im linken Zugangsbereich gebaut werden können. Die Rampe dürfe aus Sicherheitsgründen nur eine Steigung von maximal sechs Prozent aufweisen.

Zu den Vorwürfen des vergessenen Leitsystems gab die Bahnsprecherin keine Stellungnahme ab. Am Sonntag, 17. Oktober, zum Tag des "Weißen Stocks", wird sich herausstellen, ob Blinde bis dahin den Bahnhof als behindertenfreundlich empfinden. Sie werden an diesem Tag ab 13.30 Uhr den Bahnhof erkunden und ihr Urteil abgeben.

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