Baustopp am "Kick": Rätsel um Kosten

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Die Arbeiten am neuen Jugendzentrum im Westend ruhen vorerst bis Ende Juli: Dann hat der Stadtrat über das weitere Vorgehen und Einsparmaßnahmen zu entscheiden.

Bad Aibling - Noch vor kurzem wurde der neue Jugendtreff "Kick" am Westend gefeiert, der Baufortschritt gelobt - jetzt herrscht Stillstand auf der Baustelle.

Der Grund: Zwischen den tatsächlichen Kosten und den im städtischen Haushalt eingeplanten Geldern klafft eine große Lücke. Vorgesehen waren 600.000 Euro, nun wird wohl rund eine Million für das Jugendzentrum auflaufen, abzüglich von Zuschüssen. Im Bauausschuss wurde diese Entwicklung höchst irritiert entgegengenommen. Die Frage, ob von Anfang an mit entsprechend hohen Kosten gerechnet hätte werden müssen, blieb offen.

In einem Zahlenwirrwarr endete die Diskussion über die Kostenentwicklung beim Jugendzentrum in jüngster Sitzung des Bauausschusses, die dann doch öffentlich abgehalten wurde - ursprünglich war das Thema im nicht öffentlichen Teil vorgesehen, was auf Hinterfragen von SPD-Stadtrat Richard Lechner allerdings revidiert wurde.

Das Bauamt sieht erhebliche Mehrkosten, Architekt Jörg Blaesig nur eine geringe Mehrung von wenigen Prozent. Denn: mit aktuell 919.500 Euro liege er nur geringfügig über dem Ansatz von 890000 Euro, erläuterte der Planer vor dem Gremium. Das Bauamt sieht dies anders: Es sei vereinbart gewesen, die Kosten auf maximal 600.000 Euro zu reduzieren, so Bauamtsleiter Andreas Krämer - dies allerdings ohne Freianlagen und Eigenleistungen. Für die Außenanlagen, zu erstellen vom Bauhof, werden nun zusätzliche 100.000 Euro angesetzt, die Eigenleistungen des Trägers (Fokus-Familiennetzwerk) und der Jugendlichen waren mit rund 156000 Euro (unter Mithilfe des Bauhofs) berechnet worden. Hinzu kommen Baunebenkosten (Planung etc.) in Höhe von 162.000 Euro.

Rückblick: Im Oktober 2008 hatte der Stadtrat den Bau des Jugendzentrums beschlossen, basierend auf einer Kostenschätzung von 890000 Euro. Auch damals waren bereits Eigenleistungen gefordert worden - anvisiert waren jene 156000 Euro, wodurch sich die Gesamtkosten auf rund 626000 Euro reduziert hätten, wiederum ohne Planungskosten. Ziel des Bauamtes waren 600.000 Euro, eine Summe, die dann auch in die Haushaltsdebatte gegeben wurde. Genehmigt wurden letztlich 500.000 Euro für 2010 und weitere 100.000 Euro in 2011.

Ausschreibung sorgte für Klarheit

Mit der Ausschreibung im Frühjahr dieses Jahres kam dann das bittere Erwachen: summa summarum werden 757.000 Euro fällig, wobei sämtliche Gewerke samt Zusatzausgaben von 51.000 Euro im Bereich Elektro vom Planer vorgeschlagen und von Bauamt wie auch Stadtrat bei der Vergabe abgesegnet wurden. Hinzu kommen nun die bekannten Planungskosten von 162.000 Euro sowie ein Ansatz von 100.000 Euro für die Außenanlagen (Bauhof), was nun Gesamtausgaben von über einer Million Euro aufs Papier bringt. Gemildert werden die Kosten durch einen staatlichen Zuschuss in Höhe von 227.000 Euro.

Wer hätte wann die Notbremse ziehen müssen? Diese Frage ließ sich im Ausschuss, dem Bauamtsleiter Krämer und Architekt Blaesig Rede und Antwort standen, nicht klären. Der Planer betonte, stets auf die Gesamtkosten von 890.000 Euro verwiesen zu haben, das reine Baupaket von 626.000 Euro sei zuzüglich der Eigenleistungen, Planungskosten und den Geldern für die Außenanlage zu verstehen gewesen. Vonseiten des Bauamtes wiederum kam der Vorwurf, dass der Architekt bereits vor der Vergabe über die Kostenentwicklung hätte informieren müssen.

Eine Woche nach der Vergabe hatte bereits ein Gespräch im Bauamt stattgefunden, in dem offenbar erste Einsparmaßnahmen beschlossen wurden: einfache Rauchmelder statt teure Brandmeldeanlage und keine Möblierung mehr, was die Summe um 50.000 Euro reduzierte. Dann wurde der Startschuss gegeben, Mitte April der Spatenstich gefeiert - und gut zwei Monate später folgte der Baustopp, angeordnet vom Bauamt. Er, Krämer, hätte zu diesem Zeitpunkt nachgerechnet - und dabei die "erhebliche Kostenmehrung" entdeckt, die nun haushaltstechnisch zu überplanmäßigen Ausgaben führt. Höhe: über 400.000 Euro, wenn alle Kosten, auch die Eigenleistungen von Bauhof und Nebenkosten, bezahlt werden wollen. "Preise, die mit dem Rathausneubau vergleichbar sind", bemerkte Krämer.

Förderrichtlinien sind einzuhalten

Blaesig wiederum verweist auf eine kostengünstige Bauausführung bei dem rund 400 Quadratmeter großen Jugendzentrum - einen entsprechenden Energiestandard habe man jedoch einhalten müssen (25 Prozent unter den Werten der Energieeinsparverordnung), da man ansonsten keine Zuschüsse vonseiten des Bayerischen Jugendrings erhalten hätte (227.000 Euro).

"Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte", schloss Bürgermeister Felix Schwaller die Ausführungen beider Parteien. "Vielleicht war zu viel an Eigenleistung gewollt, was man von den Jugendlichen aber nicht verlangen kann." Er drängte auf Einsparungen.

Irritiert zeigten sich die Ausschussmitglieder ob der Zahlenflut und CSU-Stadtrat Thomas Höllmüller bemerkte: "Für mich als Laie ist das eine Bretterbude, mir erschließen sich die hohen Kosten nicht." SPD-Stadtrat Armin Niedermeyr griff die vorgesehenen Eigenleistungen in Höhe von 156.000 Euro auf: "Sind die einfach unter den Tisch gefallen?" Verwundert zeigte sich auch Jugendreferent Stefan Roßteuscher (ÜWG): Natürlich sei die Kostenentwicklung schlimm, er gehe aber auch davon aus, dass das Büro Blaesig sorgfältig arbeite. Wie bereits Richard Lechner hinterfragte auch er die jetzt vorgelegten Sparvorschläge für den weiteren Bauverlauf in den Bereichen Holzbau, Estrich, Elektro, Heizung, Sanitär und Lüftung (83.500 Euro), die als mehr oder wenig sinnvoll erachtet wurden.

Letztere sollen nun vom Stadtrat beschieden werden, ebenso die Genehmigung der dann verbleibenden überplanmäßigen Ausgaben in Höhe von 336.000 Euro. Der Baustopp soll bis dahin (29. Juli) aufrecht erhalten werden.

von Rosi Gantner/Mangfall-Bote

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