"Falscher Reflex": Geldstrafe

Bad Aibling - Kuriose Verhandlung vor dem Aiblinger Amtsgericht: Ein Stiefvater war der Körperverletzung angeklagt, er hatte seiner Stieftochter im Streit das Nasenbein gebrochen

Die Hintergründe stimmten jedoch nachdenklich, auch das Gericht zeigte sich bei seiner Strafe milde.

Das Paar kennt sich seit 20 Jahren. Aber erst vor drei Jahren haben sie - nach einer missglückten ersten Beziehung - zueinander gefunden. Nun hätte eine glückliche Zweisamkeit beginnen können. Wäre in diese Partnerschaft nicht eine pubertierende 15-jährige Tochter mit eingezogen, die den neuen Vater konsequent ablehnte. Keine Probleme gibt es mit dem damals elfjährigen Sohn.

Der Mann, ein gutsituierter Kaufmann mit ansehnlichem Einkommen, mietete für seine neue Familie ein großzügiges Anwesen in Bad Aibling und bot jeden vernünftigen Komfort. Mit der Tochter kam es jedoch ständig zu Reibereien und Querelen, die auch von der Mutter nicht mit Vernunftgründen erklärt werden konnten, wie sich vor Gericht herausstellte.

Aberwitzige Ansprüche wie: mit 16 in eigener Wohnung, allerdings auf Kosten des abgelehnten "Stiefvaters" zu leben; absolute Freizügigkeit des eigenen Freizeitmanagements und ähnliche pubertäre Vorstellungen wurden unentwegt gefordert und schufen ständig steigende Spannungen innerhalb der Familie.

Die Situation geriet im Oktober 2009 außer Kontrolle, als die nun 17-Jährige auf ihren "Stiefvater" einschlug. Der schlug im Affekt zurück und traf sie mit der Hand so unglücklich im Gesicht, dass deren Nasenbein gebrochen war. Die Tochter verließ noch am gleichen Abend das Haus und wohnte fortan bei der Familie einer Freundin. Diese bewog die Tochter, Strafanzeige zu stellen.

Inzwischen bewohnt die Tochter ein eigenes Appartement, während sie im kommenden Jahr die Abiturklasse des Gymnasiums besucht. Die Kosten für Wohnung und Unterhalt trägt weiterhin der "Stiefvater", so der Sachverhalt vor Gericht, obwohl er dazu keineswegs verpflichtet wäre. Er ist weder mit der Mutter verheiratet, noch hatte er die Tochter adoptiert. Einzig wegen seiner Zuneigung zu der Mutter fühle er sich moralisch dazu ver-pflichtet, wie er erklärte.

So ist die Situation belegt. Die Tochter, die als Zeugin auftrat, beschrieb sich als unterdrückt und schikaniert in der damaligen Situation. Dass der Mann nach wie vor für ihren Unterhalt aufkomme, wisse sie nicht.

Der Angeklagte fühlt sich keiner Schuld bewusst. Er habe bis heute - und darüber hinaus - alles getan, was für einen heranwachsenden Menschen getan werden könne. Dass jugendlichen Wünschen Grenzen gesetzt werden müssten, halte er für normal und angemessen. Niemals vorher und nachher habe er überhaupt gegen einen anderen Menschen die Hand erhoben. Es sei damals ein - wie er meinte - wenn auch falscher, so doch ein verständlicher Reflex gewesen. Er ist auch ohne jeglichen Eintrag im Vorstrafenregister.

Die Staatsanwältin verdeutlichte, dass dieser eine Schlag unangemessen und eben ein Schlag zuviel gewesen wäre. Deshalb sei eine Geldstrafe geboten. Wegen des erheblichen Einkommens des Angeklagten seien 8000 Euro angemessen.

Der Angeklagte verwies nochmals auf seine Einlassungen und bat vor der Urteilsverkündung um Verständnis für seine Situation.

Die Vorsitzende Richterin Dr. Stefanie Oberländer erklärte, dass ihr bei dieser Sachlage keine Wahl bleibe. Eine Einstellung des Verfahrens könne nur die Staatsanwaltschaft beantragen und so seien ihr die Hände gebunden. Sie senkte in ihrem Urteil jedoch die Anzahl der Tagessätze deutlich, so dass eine Geldstrafe von 5000 Euro ausgesprochen wurde.

au/Mangfall-Bote

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Mangfalltal

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT