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Welttag des Stotterns am 22. Oktober

Wenn Worte nicht flüssig kommen: Diese Tipps hat Logopädin Ulrike Lehradt aus dem Mangfalltal

Logopädin Ulrike Lehradt.
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Logopädin Ulrike Lehradt.

Für Betroffene ist es nicht nur unangenehm, sondern kann auch zu psychischer Belastung führen: In Deutschland sind rund 1 Prozent der Menschen vom Stottern betroffen. Wie ihnen geholfen werden kann, verrät eine Logopädin aus dem Mangfalltal.

Feldkirchen-Westerham/Bruckmühl – Sänger Ed Sheeran, Schauspielerin Emily Blunt oder oder 60er-Jahre-Ikone Marilyn Monroe – sie alle haben das Phänomen des Stotterns – wenn die Worte nicht so kommen, wie sie sollen – am eigenen Leib erfahren. Und es dennoch zu Weltruhm gebracht. Logopädin Ulrike Lehradt, die zwei Logopädie-Praxen in Bruckmühl und Feldkirchen-Westerham betreibt, erklärt im Interview mit dem Mangfall-Boten, welche Stotter-Arten es gibt, welche Schritte Eltern stotternder Kinder einleiten sollten und welche Fortschritte hinsichtlich Therapien gemacht werden.

Gibt es unterschiedliche Arten des Stotterns?

Ulrike Lehradt: In der Logopädie sprechen wir übergeordnet von Redeflussstörungen und hier unterscheidet man zwischen Poltern und Stottern. Letzteres überwiegt deutlich und betrifft circa 830.000 Menschen in Deutschland. Männer sind dabei im Schnitt häufiger betroffen als Frauen. Als Stottern bezeichnet man Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen während des Sprechens, wie beispielsweise „I-i-i-ich hätte ge-eeee-rne drei S-emmeln“.

Unterscheidet sich das Stottern bei Kindern vom Stottern bei Erwachsenen?

Lehradt: Die Symptome des Stotterns sind sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenalter sehr ähnlich. Jedoch bildet sich das Stottern bei Kindern zu circa 70 bis 80 Prozent noch in der Kindheit zurück.

Wie gut sind die Behandlungsmöglichkeiten? Gibt es hier regelmäßige Fortschritte und neue Herangehensweisen?

Lehradt: Inzwischen gibt es für alle Altersgruppen gute Therapieansätze, um die Patienten bestmöglich unterstützen zu können. Hierzu werden gerne altbewährte Methoden wie die nach Hartmut Zückner und Charles van Riper genommen. In dieser geht es hauptsächlich darum, Sprechtechniken zu erlernen, um sie einzusetzen, wenn der Stotterer merkt, dass er das nächste Wort gleich stottern wird. Bei Kindern gibt es inzwischen auch gute Therapiekonzepte, wie beispielsweise „KIDS – Kinder dürfen Stottern“, die zusätzlich das soziale Umfeld des stotternden Kindes in die Behandlung mit einbeziehen. Wichtig ist es aber auch, die Faktoren, die sich zusätzlich negativ auf das Stottern auswirken, wie beispielsweise psychische und soziale Einflüsse, herauszufinden und möglichst abzubauen.

Konnten Sie durch Corona negative Auswirkungen in Bezug auf das Stottern feststellen oder größere Defizite bei den Behandlungsfortschritten beobachten?

Lehradt: Im Zusammenhang mit Corona zeigt sich bei uns im Praxisalltag, dass vermehrt stotternde Kinder angemeldet werden. Wir persönlich konnten beobachten, dass sich durch Corona in vielen Familien der Stress sowie Stressfaktoren wie beispielsweise Homeschooling und Homeoffice erhöht haben und somit beispielsweise die Entstehung des Stotterns bei den Kindern begünstigt hat, wenn die Veranlagung dazu bereits vorhanden war.

Eltern stellen fest, dass ihr Kind stottert. Was sind die ersten drei Schritte, die sie unternehmen sollten?

Lehradt: Zunächst ist zu sagen, dass 80 Prozent der drei- bis vierjährigen Kinder normale Unflüssigkeiten im Rahmen der Sprachentwicklung zeigen. Sollten die Eltern jedoch in zu großer Sorge darüber sein, dann empfiehlt es sich, den Kinderarzt zu kontaktieren und eventuell um eine Diagnostik beim Logopäden zu bitten. Grundsätzlich helfen die Eltern ihrem Kind am besten, indem sie sich bewusst Zeit nehmen und Geduld mitbringen, wenn das Kind etwas zu sagen hat und aktiv zuhören. Falls es Geschwisterkinder gibt, ist es unbedingt notwendig, dass sich alle Familienmitglieder an die gängigen Gesprächsregeln – beispielsweise das „ausreden lassen“ – halten. Sehr wichtig ist es auch, das Kind weiterhin als „normal“ anzusehen und wertschätzend darauf einzugehen.

Der Welttag des Stotterns, der jährlich am 22. Oktober begangen wird, soll das Phänomen und dessen Behandlungsmöglichkeiten in den Blick der Öffentlichkeit rücken.

Wer ist ungeduldiger, wenn es um Fortschritte bei der Behandlung geht? Kinder oder Erwachsene?

Lehradt: Die Ungeduld und vor allem die Sorge und die damit verbundenen Ängste dürfen in der Regel den Erwachsenen zugeschrieben werden. Mit den Inhalten einer Stottertherapie sind auch immer Veränderungen – beispielsweise in der Persönlichkeit oder im Alltag – verbunden. Kinder tun sich meistens deutlich leichter, Veränderungen anzunehmen und umzusetzen als Erwachsene.

Früher galt Stottern als großer Makel und hat Betroffene, beispielsweise aufgrund der Reaktionen ihrer Mitmenschen, massiv psychisch belastet. Hat sich da Ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahrzehnten etwas geändert?

Lehradt: Ja, früher galt es als ein großer Makel. Und obwohl sich die gesellschaftliche Akzeptanz bereits verbessert hat, haben Stotterer häufig immer noch Schwierigkeiten, unbefangen damit umzugehen. Jedoch bedarf es nach wie vor an Aufklärung und Toleranz in der Gesellschaft.

Wie wichtig ist ein Aktionstag wie der Welttag des Stotterns, um die Menschen für eine Thematik zu sensibilisieren?

Lehradt: Wir erleben es in unserem persönlichen Alltag immer wieder gefragt zu werden, was Stottern genau ist. Daher sehen wir den Welttag des Stotterns als sehr wichtig an, um die Gesellschaft noch intensiver über das Thema Stottern aufzuklären. Idealistischer Weise kann hierbei vermittelt werden, wie man auf stotternde Menschen in einer Kommunikation eingehen und ihnen die innere Anspannung während des Gesprächs nehmen kann, beispielsweise durch Blickkontakt halten und ausreden lassen.

Factbox: Therapien versprechen sehr gute Erfolge

Am Welttag des Stotterns, der 1998 ins Leben gerufen worden war und der jährlich am 22. Oktober begangen wird, versuchen verschiedene Organisationen wie die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. mit unterschiedlichen Aktionen, für mehr Verständnis und Akzeptanz gegenüber Betroffenen zu werben. Vieles über das Phänomen ist auch heute noch unklar, mitverantwortlich ist nach Angaben von Experten oftmals eine Schwäche der Faserbahnen in der linken Gehirnhälfte. So misslingt die Vorbereitung auf die anstehende Sprechaufgabe. Therapien, die das Stottern verschwinden lassen sollen, seien sehr erfolgreich – sollten aber schnell nach dem ersten Auftreten in Anspruch genommen werden. Rund fünf Prozent aller Kinder stottern – aber nur ein Prozent hat auch im Erwachsenenalter noch damit zu kämpfen.

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