Freisprüche nach Streit im Wohnheim

Bad Aibling - Mit Freisprüchen endeten vor Gericht Verhandlungen gegen eine rabiate 44-jährige Leiharbeiterin und einen Vorarbeiter.

Gezielte Attacken konnten den Angeklagten nicht nachgewiesen werden. Aufgrund von sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten gestalteten sich die Vehandlungen alles andere als einfach.

Ihre liebe Not hatte nicht nur Richterin Isabella Hubert mit der Angeklagten. Ein ständiger Wortschwall überforderte auch die anwesende Dolmetscherin. Die redefreudige Ungarin soll laut Anklage am 4. Juni des letzten Jahres versucht haben, ihren Vorarbeiter mit einem Tellerwurf gefährlich zu verletzen. Auch zu schlagen habe sie versucht und ihm dabei sein T-Shirt zerrissen.

Zunächst war es schwierig, die jeweiligen Betroffenen zu definieren. Weil die 44-Jährige entlassen worden war, hatte sie sich echauffiert und war auf den Vorarbeiter losgegangen. Weil es davon jedoch mehrere gibt, musste zunächst zugeordnet werden. Es stellte sich heraus, dass die Angeklagte über eine Leiharbeitsfirma in dem Betrieb beschäftigt war. Nicht der Betrieb, sondern die Leiharbeitsfirma hatte gekündigt. Das wollte sie nicht akzeptieren. Zumal der Betrieb bestätigte, dass ihre Arbeitsleistung ganz hervorragend sei.

Das Problem war ein anderes. In Ungarn war die Frau Polizistin. Allerdings - wie sie sagte - in Rente, was mit diesem Alter auch in Ungarn ungewöhnlich ist. Auf Nachfrage wurde deutlich, dass sie "ein manisch-depressiver Psychopath" ist. Diese Erkrankung erklärt auch, warum sie in Ungarn nicht mehr im Polizeidienst sein konnte.

Dass die Angeklagte in einem Wohnheim mit etwa 50 Personen, die aus acht verschiedenen Nationen stammen und die alle verschiedene, wechselnde Schichtdienste verrichten, ein erheblicher Störfaktor war, war unschwer nachzuvollziehen. Zumal sie auch keineswegs regelmäßig ihre Medikamente einnahm. Die Zeugen berichteten, dass ihre Wutanfälle und ihre Streitsüchtigkeit gefürchtet waren. Das war letztlich auch der wahre Grund für ihre Entlassung.

Die 44-Jährige berichtete, sie habe, als sie mit dem Vorarbeiter konfrontiert war, zwei Tüten im Arm gehabt. Auf einer davon habe sich ein Teller befunden, der im Zuge des Streites auf die Treppe hinunter gefallen sei. Niemals habe sie den Teller werfen wollen. "Hätte ich das gewollt, so hätte ich auch getroffen", ließ sie übersetzen. Das schien allen im Gericht glaubhaft.

Merkwürdig erschien, dass in der polizeilichen Vernehmung eine Zeugin explizit angegeben hatte, dass dieser ominöse Teller geworfen worden sei. Es stellte sich heraus, dass die Zeugin kaum Deutsch verstand, ohne Dolmetscher einvernommen worden war und eine Zeugenaussage unterschrieben hatte, die sie selber nicht lesen konnte: "Hab' ich gemacht, weil Polizei so wollte." Nachdem niemand - auch der Betroffene nicht - bestätigen konnte, dass der Teller wirklich geworfen worden war und nachdem sich die "Schläge" mehr als ein "Gefuchtel" mit den Händen herausstellten und der Geschädigte wegen des zerrissenen T-Shirts keinen Strafantrag gestellt hatte, beantragte die Staatsanwältin Freispruch.

Das Gericht entsprach diesem Antrag und niemand war erstaunter als die Angeklagte, die dem Gericht mehrmals vorgehalten hatte, es gebe hier keine Gerechtigkeit. Schmunzelnd erklärte ihr geduldig die Richterin: "Auch wenn Sie es nicht glauben wollten: Deutschland ist ein Rechtsstaat."

Nur zwei Wochen später stand der 30-jährige Vorarbeiter selber als Angeklagter vor der Richterin. Er habe, so die Anklage, einen vietnamesischen Mitarbeiter mit der Faust derart rabiat auf das linke Ohr geschlagen, dass dessen Trommelfell geplatzt war. Der Mann, ein albanischstämmiger Mazedonier, berichtete ganz anders über den Vorfall. In selbigen Wohnhaus für die Leiharbeiter seien sich ein Vietnamese und ein Kurde aus dem Irak prügelnd in die Haare geraten. Er sei, so der Angeklagte, dazu gerufen worden, habe die beiden getrennt, der Vietnamese sei davon gerannt. Er selbst habe lediglich eine Rauferei beendet und dabei keinen von den Streithähnen geschlagen. Wie so häufig sei es um Lärmbelästigung gegangen, weil eine Gruppenschicht der Belegschaft schlafen wollte, während andere das Fernsehgerät übermäßig laut einstellten.

Die Zeugeneinvernahme war erneut ein Härtetest für die Richterin. Mit viel Geduld und einem Dolmetscher, der kein Meister seiner Zunft war, kristallisierte sich heraus, dass außer dem Tatopfer kein Zeuge wirklich einen Schlag gesehen hatte. Die Schlichtung durch den Vorarbeiter wurde von allen Zeugen bestätigt. Selbst Zeugen, die noch bei der Einvernahme durch die Polizei "fraglos einen Schlag" registriert haben wollten, konnten sich nun nicht mehr daran erinnern. Eine nachträgliche Einflussnahme des Angeklagten, der immerhin Vorgesetzter der Zeugen war, konnte nicht nachgewiesen werden. Deshalb war der Albaner schließlich freizusprechen.

Das fragliche Wohnhaus wird inzwischen modernisiert und ausgebaut, so dass sich in Zukunft die Reibungsflächen reduzieren sollten und allmählich Friede dort einkehren könnte.

au/Mangfall-Bote

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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