Große Übung: Wasserrettung mit Hubschrauber

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Bad Reichenhall – Spannende Szenen spielten sich auf dem Thumsee ab: Die BRK-Wasserwacht und die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft haben mit den „Christoph 14“-Luftrettern die hubschraubergestützte Wasserrettung trainiert.

Im Jahr 2009 sind über 470 Menschen in Deutschland ertrunken und die Tendenz ist steigend, da immer weniger Kinder Schwimmen lernen. Neben der Präventionsarbeit in Schwimmkursen setzen BRK-Wasserwacht und die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft bei der Rettung Ertrinkender auch auf neue Konzepte wie die hubschraubergestützte Wasserrettung. Jeweils zehn Wasserretter aus den fünf Landkreisen rund um die Traunsteiner Rettungshubschrauber-Station sind nach dem Konzept geschult worden. Alle 50 Einsatzkräfte der BRK-Wasserwacht und der DLRG aus den Landkreisen Altötting, Berchtesgadener Land, Mühldorf, Rosenheim und Traunstein wurden theoretisch vorbereitet und im Hangar auf den Hubschrauber eingewiesen. Am Thumsee konnten sie die Wasserrettung vom Hubschrauber aus schließlich unter realistischen Bedingungen üben. „Aufgrund der begrenzten Flugzeiten durften jeweils nur zwei Teilnehmer pro Landkreis fliegen. Es werden nun jährlich eine theoretische Nachschulung und ein Praxisteil stattfinden, um das Personal für echte Einsätze fit zu halten“, berichtet der Technische Leiter der Kreis-Wasserwacht Berchtesgadener Land, Siegfried Hauber.

„Droht ein Mensch zu ertrinken, dann zählt für die Retter jede Minute, denn umso länger er im kalten Wasser aushalten muss, desto stärker wird seine Muskulatur gelähmt; er kann sich nach nur kurzer Zeit selbst nicht mehr an der Oberfläche halten und geht unter“, erklärt Hauber. Im Ernstfall ist der Hubschrauber bei der Rettung Ertrinkender ein wertvolles und schnelles Einsatzmittel, das von der Leitstelle zusätzlich zu Fahrzeugen und Booten losgeschickt wird. „Das gilt vor allem in exponierten Lagen, die mehr als fünf Kilometer von der nächsten Schnell-Einsatz-Gruppe (SEG) Wasserrettung entfernt sind. Aus der Luft können wir Flussläufe und große Wasserflächen zudem dank der guten Übersicht meist wesentlich schneller als mit Booten und Fußtrupps absuchen“, weiß der Leiter der Traunsteiner Rettungshubschrauber-Station, Robert Portenkirchner aus Erfahrung.

Das Konzept zur hubschraubergestützten Wasserrettung kommt in seiner einfachsten Form mit sehr wenig Material und ohne einen zusätzlichen Wasserretter aus. Auf allen zwölf Zivilschutzhubschraubern des Bundes - einer davon ist „Christoph 14“ - und auf allen Bundespolizei-Hubschraubern ohne Rettungswinde wird seit rund einem Jahr ein Tau mit einer Rettungsschlinge mitgeführt. Befindet sich der Hubschrauber zufällig in der Nähe eines Ertrinkenden, so kann die Besatzung ohne Zwischenlandung sofort Hilfe leisten: Im Schwebeflugwird die am Tau befestigte Schlinge vom Luftrettungsassistenten in Richtung des Patienten abgeworfen. Auf Anweisung lässt der Pilot den Hubschrauber steigen und schleppt den zu Rettenden ans Ufer. Der als „HEMS-Crew-Member“ (HCM) ausgebildete Luftrettungsassistent steht dabei auf der linken Kufe des Hubschraubers und weist den Piloten ein. Das Fixtau ist am Boden der Hubschrauberzelle befestigt und kann dank einer Sicherheitskupplung (TOST-Kupplung) bei Zwischenfällen sofort abgetrennt werden. Portenkirchner: „Diese Variante funktioniert aber nur, wenn die Person im Wasser noch genug Kraft hat, um sich selbst an der Schlinge festzuhalten.“

Wird der Hubschrauber von der Station in Traunstein aus losgeschickt, so werden parallel Wasserretter mit entsprechender Zusatzausbildung und Spezialausrüstung alarmiert, die bei einer Zwischenlandung aufgenommen werden. „Wenn wir den Ertrinkenden im Anflug sichten, kann der Wasserretter über die Kufe aussteigen und abspringen und die Person im Wasser mit der Rettungsschlinge sichern“, erklärt Portenkirchner. Abhängig von Wellengang, Wetter und Entfernung zum Ufer werden Retter und Geretteter dann in einem zweiten Anflug mit dem Fixtau per Hubschrauber zum Ufer geschleppt; alternativ kann der Wasserretter den Patienten auch selbst an Land schwimmen.

„Jeder Wasserrettungseinsatz ist anders und in seiner Dynamik oft kaum vorhersehbar. Entsprechend variabel ist auch unser Konzept gestaltet“, erklärt Alfons Vorderauer von der Traunsteiner DLRG, der den Hubschrauber als notarztbesetztes Rettungsmittel auch zur weiteren Versorgung und für den raschen Abtransport des Geretteten schätzt. Dank der kurzen Anflugstrecken ist der Traunsteiner Rettungshubschrauber in exponierten Lagen des Chiemsees, des Waginger Sees und der Tiroler Achen oft schneller als Fahrzeuge oder Boote. Auch für Franz Kurz von der Berchtesgadener Wasserwacht ergeben sich durch den Hubschrauber neue Möglichkeiten: Abgelegene oder weit vom Straßennetz entfernte Einsatzstellen wie am Obersee sind teilweise nur über den Luftweg erreichbar.

Alle am Konzept beteiligten Wasserretter sind zugleich Strömungsretter sowie Rettungs- und Bergungstaucher. Siegfried Hauber von der BRK-Wasserwacht erklärt: „70 Prozent der regionalen Einsätze finden in Fließgewässern statt. Durch die strengen Gesundheitsuntersuchungen für die Taucher stellen wir die körperliche Fitness der Einsatzkräfte sicher, die nach dem Absprung vom Hubschrauber bei Strömung und Wellengang auf sich allein gestellt sind.“ Zur Ausrüstung gehören je nach Indikation neben Neoprenanzug, Spezialhelm, Sicherungsgurt, Schwimmweste mit Panikverschluss und Kaper-Messer oder -schere bei Bedarf auch Flossen für längere Schwimmstrecken, ein Wurfleinensack und eine Taucherbrille. Das optimierte Konzept zur hubschraubergestützten Wasserrettung basiert auf einer Verfahrensbeschreibung der Bundespolizei-Fliegergruppe in St. Augustin bei Bonn und wurde in enger Zusammenarbeit mit der Rettungshubschrauber-Station in Traunstein entwickelt. Unter anderem sind auch jahrelange praktische Einsatzerfahrungen regionaler Experten eingeflossen. Die Luftretter von „Christoph 14“ haben zusammen mit den Rettungs- und Bergungstauchern der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) im Landkreis Traunstein während der vergangenen elf Jahre rund 65 Wasserrettungseinsätze per Hubschrauber absolviert und das Verfahren nach und nach entwickelt und stetig verbessert. Für die Landkreise Altötting, Berchtesgadener Land, Mühldorf, Rosenheim und Traunstein ist primär der am Klinikum Traunstein stationierte Rettungshubschrauber „Christoph 14“ zuständig. Die Station wird vom der Landesgeschäftsstelle des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) betrieben; denmodernen Hubschrauber vom Typ EC135T2i stellt das Bundesinnenministerium über das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zur Verfügung. Beamte der Bundespolizei-Fliegergruppe kommen als Piloten zum Einsatz. Die Luftrettungsassistenten werden vom BRK, die Notärzte vom Klinikum Traunstein gestellt. Der Traunsteiner Rettungshubschrauber wird rund 1.300-mal im Jahr von der Leitstelle Traunstein alarmiert, um in Not geratenen Menschen zu helfen.

(Pressemeldung BRK BGL)

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