Der lange Weg zur Zugfahrkarte

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Großkarolinenfeld - Für Rollstuhlfahrer unüberwindbar ist am Bahnhof in Großkaro der Weg von einem Gleis zum anderen. Die Bahn rät den Betroffenen daher zu einem eineinhalb Kilometer langen Umweg - auf Schotter... ** Video **

Alles andere als behindertengerecht ist der Bahnhof in Großkarolinenfeld an der Bahnstrecke München-Rosenheim. Will ein Rollstuhlfahrer von einem Gleis zum anderen gelangen, muss er einen Umweg von rund 1500 Metern auf holpriger Straße in Kauf nehmen.

Wer eine Fahrkarte kaufen will, kann das am Großkarolinenfelder Bahnhof nur am Automaten an Gleis eins auf der Seite des Bahnhofsgebäudes. Ein Gehbehinderter, der nach Rosenheim möchte, wird allerdings auf der anderen Seite parken. Alle Züge in diese Richtung halten dort. Das Problem: Im Moment führt der Weg von einem Gleis zum anderen durch eine Unterführung mit steilen Treppen - für einen Rollstuhlfahrer unüberwindbar.

Die Deutsche Bahn rät in diesem Fall, zum Fahrkartenkauf den Weg über den 400 Meter vom Bahnhof entfernten beschrankten Bahnübergang in Kauf zu nehmen. Das heißt: ein weiter Umweg durch die mit Schlaglöchern übersäte Bahnhofstraße. Hin und zurück sind das 1,5 Kilometer extra für den Ticketkauf. „Selbst für Menschen ohne Gehbehinderung ist das eine Zumutung“, findet Ingrid Wittner, Beauftragte der Gemeinde Großkarolinenfeld für den öffentlichen Personennahverkehr. Sie kämpft seit vielen Jahren für einen behindertengerechten Ausbau des Bahnhofs. Unterstützt wird sie dabei von Bürgermeister Bernd Fessler und Anita Read, der Behindertenbeauftragten im Landkreis Rosenheim. Tatsächlich ist auch der Zeitaufwand für diesen Weg enorm: Zu Fuß benötigt ein körperlich gesunder Mensch mehr als zehn Minuten für die einfache Strecke – ein Rollstuhlfahrer wesentlich mehr.

„Eine Zumutung“: Will ein Rollstuhlfahrer am Bahnhof Großkarolinenfeld von einem Gleis zum anderen, muss er diesen Umweg (gelbe Linien) in Kauf nehmen. Hin und zurück sind es eineinhalb Kilometer.

Das Problem wäre mit einer Rampe oder einem Aufzug zu lösen. Besonders ärgerlich findet Wittner, dass die Bahnunterführung zwar erst im Jahr 2000 neu gebaut, aber an Rollstuhlfahrer trotzdem nicht gedacht wurde. Laut Bürgermeister Fessler hatte die Gemeinde Großkarolinenfeld bereits während der Planungsphase auf einen behindertengerechten Neubau gedrängt.

Die Bahn verweist hingegen auf die begrenzten finanziellen Mittel des Unternehmens. Bei einem behindertengerechten Ausbau hätten große Bahnhöfe wie Augsburg oder Rosenheim Vorrang, so eine Sprecherin. Zudem würden diese Maßnahmen vom Bund und nicht von der Deutschen Bahn selbst bezahlt. Mit nur rund 600 Fahrgästen täglich stünden für Großkarolinenfeld in den nächsten Jahren keine Fördermittel zur Verfügung. Ein zusätzlicher Ticketschalter an Gleis zwei könne ebenso wenig bereitgestellt werden.

Ein weiteres Manko: Der nur 36 Zentimeter hohe Bahnsteig am Gleis eins in Richtung München erschwert das Einsteigen. Moderner Standard sind 75 Zentimeter, wie am Gleis zwei vorhanden. Bei einer Gleiserneuerung 2008 wurde Bahnsteig eins entfernt - und in derselben Höhe wieder aufgebaut. „Das ist doch ein Schildbürgerstreich“, ärgert sich Wittner. Sie sieht immer wieder Menschen, die Probleme haben, in den Zug zu gelangen. Vor allem ältere Menschen oder Mütter mit Kinderwägen seien betroffen. Auch hier weist die Bahn jegliche Schuld von sich. Man habe lediglich den östlichen Teil des ersten Bahnsteigs umgebaut, keinesfalls den ganzen, rechtfertigt sich ein Bahnsprecher. Laut Gemeinde ist das falsch, da in der Nähe des Bahngebäudes noch jetzt die Fräskanten sichtbar sind. Der ganze Bahnsteig wurde also komplett neu geteert.

Für die Landesgartenschau 2010 soll in Großkarolinenfeld ein Park-and-ride-System errichtet werden. Besucher haben dann die Möglichkeit, ihr Auto am Bahnhof abzustellen und mit dem Zug nach Rosenheim zu fahren. Der Bürgermeister und die ÖPNV-Beauftragte bedauern es sehr, dass bis dahin wohl kein behindertengerechter Umbau erfolgt sein wird.

Beate Winterer/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © re

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