Turbulente Hauptversammlung

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Schön , aber teuer: Die Chiemgau Thermen in Bad Endor

Bad Endorf - Erst kurz nach Mitternacht und im Eklat endete die turbulente 37. ordentliche Hauptversammlung der Gesundheitswelt Chiemgau (GWC) AG im Kultursaal am Park in Bad Endorf.

Vorstand und Ausichtsrat der GWC wurden nach heftiger Generaldebatte von der Mehrheit der Aktionäre nicht entlastet. Auch eine Anfechtungsklage steht im Raum.

Oliver Wiederhold, ein Aktionär aus dem hessischen Usingen, erklärte gegenüber dem Oberbayerischen Volksblatt, dass er es sich noch vorbehalte, ob er gegen die gesamte Hauptversammlung oder nur gegen den in seinen Augen sinnlosen und nur kostspieligen Sonderprüfungsantrag des Hauptaktionärs, nämlich der Marktgemeinde Bad Endorf, gerichtlich einschreiten werde. "Aber eine Klage kommt ganz sicher. Hier wird gegen das Aktienrecht verstoßen und nicht im Sinne der Aktionäre gehandelt. Die Motivation der Gemeinde scheint rein politisch begründet", so Wiederhold.

Von "politischer Abrechnung" bis "völlige Überforderung der Gemeinde" lauteten die teils heftigen Vorwürfe in der Generaldebatte. Einzelne Aktionäre, die bis von Hamburg und Frankfurt angereist waren, machten ihren Standpunkt immer wieder deutlich und ernteten dafür Applaus der zunächst 163 Aktionäre. Zur Belustigung aller schlitterte die Hauptversammlung stellenweise hart an einer kabarettreifen Aufführung entlang. So kanzelte Zweiter Bürgermeister Martin Lauber einen Aktionär ab: "Stellen Sie sich nicht dümmer, als sie sowieso schon sind." Aber auch Aktionäre machten ihrem Unmut Luft: "Frau Bürgermeisterin, als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und Vertreterin des Mehrheitsaktionärs Marktgemeinde, sagen Sie halt mal etwas. Jetzt haben Sie die Gelegenheit. Und bringen Sie Sachargumente."

Durchaus ernst gemeint waren viele weitere Aussagen: "Ich bin schockiert: Das hier ist eine Politposse und hat mit einer Aktionärsversammlung nichts mehr zu tun." Immer wieder wurden auch Entscheidungen des Versammlungsleiters Günter Harm durch Aktionäre in Zweifel gezogen.

Vorstand Dietolf Hämel

Doch was sich für die Mehrheit zunächst als lustiges Schauspiel darstellte, war für den neuen Vorstand Dietolf Hämel bitterer Ernst. Mehrfach hatte er in seinem sehr umfangreich vorgetragenen Geschäftsbericht darum gebeten, das "Vergangene ruhen zu lassen und sich auf die Zukunft zu konzentrieren". Doch sein Fazit gegen Mitternacht: "Schade, heute ging es offensichtlich nur um die Vergangenheit." Als Nachfolger des umstrittenen Otmar Steßl habe er einen Vertrauen schaffenden Neuanfang wagen wollen. Eloquent und ausführlich hatte er deshalb die wirtschaftlichen Rahmendaten des GWC-Konzerns und den Jahresabschluss 2008 vorgestellt. Doch seine Bemühungen waren zumindest an diesem Abend nicht von Erfolg gekrönt.

Noch im Rahmen seiner Ausführungen hatte er vor dem Sonderprüfantrag, den die Gemeinde als Mehrheitsaktionärin (76 Prozent der Aktien) stellen wollte, gewarnt. "Die Kosten für eine neuerliche Prüfung können sich schnell auf 50000 Euro belaufen. Das schmerzt", so Hämel. Auch Aufsichtsratsmitglieder sprachen sich gegen eine erneute Prüfung aus: "Die Dinge wurden doch bereits in aller Ausführlichkeit genau geprüft." Ebenso sahen zahlreiche Aktionäre keinen Sinn darin, den Vorgang noch einmal unter die Lupe zu nehmen. "Das verschwendet nur unser Geld und widerspricht dem Aktienrecht."

Hintergrund dieses heftigen Streits um den Sonderprüfungsantrag sind ein Pachtvertrag und Abwasserzahlungen. Seit dem Umbau und der Modernisierung der Chiemgau Thermen besteht zwischen der Marktgemeinde und den Thermen ein Pachtvertrag. So werden die Schulden der Gemeinde von rund zehn Millionen Euro durch Pachtzahlungen der Chiemgau Thermen an die Gemeinde abgetragen. Nun hieß es seitens der Gemeinde, dass 1,16 Millionen Euro nicht durch den Pachtvertrag gedeckt seien. Ein neuer Pachtvertrag wurde deshalb aufgesetzt, um den nun gestritten wird. Laut Aussage von Günter Harm ist das Unternehmen durchaus bereit, für den Fehlbetrag einzustehen, indem man die Pachtzahlungen erhöhe und die Laufzeit verlängere. Doch dazu sagt die Marktgemeinde "nein". Laut Bürgermeisterin Unverdorben müsse dieser fehlende Betrag in der Bilanz des Unternehmens festgeschrieben werden, damit die Marktgemeinde sicher an ihr Geld komme. Doch der Eintrag in die Bilanz verschlechtere nur das Rating des Unternehmens, koste höhere Zinsen, bringe letztlich nicht mehr Sicherheit und bereite obendrein dem Unternehmen hohe Kosten für den Eintrag, so Harm. Otmar Steßl, der im Sommer diesen neuen Pachtvertrag nicht unterschrieb, musste gehen. Aber auch der neue Vorstand Dietolf Hämel hat bisher seine Unterschrift nicht geleistet. "Damit würde ich nur gegen die Interessen des Unternehmens handeln." Auch über die Unstimmigkeiten bei den Abwassermengen, die durch die GWC entdeckt wurden, konnte man sich bisher nicht einigen.

Für weitere Brisanz dürfte eine Aussage von Gudrun Unverdorben sorgen. Sie hatte auf der Hauptversammlung erklärt, ein anonymes Schreiben mit Vorwürfen gegen Otmar Steßl erhalten und dieses an die Polizei weitergeleitet zu haben. "Bisher war davon nie die Rede. Dem Aufsichtsrat sagte sie nichts über diese Schreiben. Das ist eine schwere Pflichtverletzung", so einige CSU-Gemeinderäte aufgebracht. Völlig unter ging an diesem Abend die Kündigung der drei Aufsichtsratsmitglieder Günther Harm, Dr. Manfred Jansen und Michael Unterreitmeier und die ausführliche Vorstellung der Geschäftszahlen durch den Vorstand Hämel. Insgesamt sei der Gesamtumsatz 2008 gegenüber dem Vorjahr leicht auf 39,8 Millionen Euro gestiegen. Das negative Jahresergebnis von 1,16 Millionen ergebe sich durch "periodenfremde Aufwendungen für Pachtnachforderungen und Abwassergebühren der Marktgemeinde". Im ganzen sei aber das Unternehmens auf einem guten Weg, so Hämel. "Ich möchte in die Zukunft blicken."

Sigrid Knothe/Oberbayerisches Volksblatt

So schön sind die Chiemgau-Thermen:

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