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Ein Besuch in der Schneiderstube

Die Retterin der Lederhosen: Anita Weiß aus Kolbermoor repariert alte und kaputte Tracht

Seit 44 Jahren ist Anita Weiß Schneiderin, vor rund 15 Jahren hat sie sich auf Lederhosen spezialisiert.
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Seit 44 Jahren ist Anita Weiß Schneiderin, vor rund 15 Jahren hat sie sich auf Lederhosen spezialisiert.

Mit 15 Jahren hat Anita Weiß eine Ausbildung zur Herrenschneiderin bei ihrem Onkel Herbert Auanger gemacht. Bevor er starb, lehrte er sie Lederhosen zu ändern, zu reparieren und zu pflegen – ein Handwerk, das nicht mehr viele Menschen beherrschen.

Kolbermoor – An den Wänden hängen Familienfotos und Schnittmuster. Garnrollen in allen Farben und Größen stehen neben den Nähmaschinen – fünf hat Weiß insgesamt. Die Älteste ist eine Industrienähmaschine und über 100 Jahre alt – ein Erbstück von ihrem Onkel. Ihm gehörte das Trachtengeschäft Auanger in der Aisingerwies. Als er an einem Gehirntumor erkrankte, lehrte er seine Nichte in sechs Monaten alles, was er wusste. Der Säcklermeister fertigte Lederhosen und reparierte sie. Ein Handwerk, das heute nur noch wenige Menschen beherrschen.

„Die ersten Monate alleine waren hart“

Deshalb sollte Weiß die aussterbende Kunst lernen. Er brachte ihr bei, wie sie Lederhosen kürzt, die Beine enger macht oder Taschen einnäht. Rund 15 Jahre ist das her. Mit dem dicken Leder zu arbeiten ist Weiß nicht schwergefallen – im Gegenteil. Sie habe immer schon Probleme gehabt mit „Fusseligem“, also feinen Kleidungsstücken wie Blusen. „Des kann i ned, mog i ned und bin i ned“, sagt die 59-Jährige. Sie brauche etwas „Gscheides“ in der Hand. Festes Leder ist also genau das Richtige für sie.

Sind die Lederhosen zu hart, klopft sie mit einem Holzhammer darauf – damit sie weich werden. Oft muss sie die ganze Hose zerlegen, Nähte auftrennen, das Leder zuschneiden und Beinlängen ändern. Dann baut sie die Hosen wieder zusammen. Keine einfache Aufgabe.

Fünf Nähmaschinen, Garnrollen und bunte Bänder für die Lederhosen – Weiß ist bestens ausgestattet.

„Die ersten Monate alleine waren hart“, erinnert sich Weiß an die Zeit nach dem Tod ihres Onkels. Plötzlich stand er ihr nicht mehr zur Seite mit seinem Rat und Können. Gemeistert hat sie die Aufgabe dennoch und setzt seine Arbeit bis heute fort. „Man wächst in die Sache rein.“

„Schrecklich, wenn die Leute ihren Job nicht mögen“

In einem „normalen“ Jahr repariert sie 160 Lederhosen, also drei in einer Woche. Manche ihrer Kunden kommen sogar aus Holland, Österreich und der Schweiz. Während der Corona-Pandemie sind ihre Aufträge auf zehn Prozent zurückgegangen. „Es gab ja keine Festl, Hochzeiten oder Familienfeiern“, sagt Weiß. Dennoch sei die Situation für sie nicht schlimm gewesen, sie habe ein Haus von ihrer Großmutter geerbt.

Der Golden Retriever Gizmo ist immer dabei in der Änderungsstube.

Trotzdem hofft sie, dass ihre Kunden im nächsten Jahr wieder Feste feiern dürfen. Denn die Reparaturen machen ihr Spaß, sind mehr Hobby als Arbeit. „Es ist schrecklich, wenn die Leute ihren Job nicht mögen“, sagt die Schneiderin. Schließlich verbringe jeder die meiste Zeit im Leben mit Arbeit. Deshalb schätze sie ihre umso mehr.

Lederhosen vor Änderungen waschen lassen

Wie lange eine Reparatur dauert, ist unterschiedlich und von dem Zustand der Lederhose abhängig. Manche seien nur noch „Fetzn“, die zu reparieren sei schwierig. Die Alten haben außerdem einen anderen Schnitt als die Neuen: Einen hohen Bund und weite Beine. Heute trägt Mann oder Frau die Lederhose enger an den Beinen. Oft passt sie die Hosen an moderne Schnitte an. Für die Reparaturen nimmt sie Rehleder. „Das ist schön dünn, strapazierfähig und fuselt nicht“, weiß die Schneiderin. Vor Änderungen sollten Kunden ihre Lederhosen waschen lassen. Nicht wegen dem Dreck, sondern weil sie sonst zu hart seien – „wie ein Brett“. Die Gerberei Scherer in Bad Aibling reinigt die Lederhosen. Auch in Fischtran werden sie dort eingelegt, damit das Leder wieder weich wird.

Ihr Großvater hat der Kolbermoorerin diese gebrauchte Nähmaschine geschenkt, als sie 16 Jahre alt war.

Reparaturen bedeuten ein Risiko

Für ihren Beruf muss Weiß nicht nur gut mit Leder, sondern auch mit Menschen arbeiten können. Ihre Kunden seien oft verunsichert und bezweifeln, dass die Schneiderin die Lederhosen reparieren kann. Bei einem Stück für 800 Euro hätten viele Männer Angst, dass die Hose kaputt geht.

„Ich habe aber noch nie eine so versaut, dass sie nicht mehr zu retten war“, sagt Weiß. Zum Glück, denn versichern kann sie ihr Geschäft nicht. Die Versicherung würde nicht zahlen, wenn sie eine Hose ruinert. Die Schneiderin geht also mit jeder Reparatur ein Risiko ein, besonders bei den kostspieligen Lederhosen. Die Teuerste, die sie je repariert hat, kostete 5 000 Euro – eine alte Meindl, dreifarbig bestickt. Die habe sie sehr vorsichtig angefasst.

Nicht nur teure Lederhosen finden den Weg in die Schneiderei, sondern auch viele alte Raritäten, die es heute nicht mehr im Laden zu kaufen gibt. Richtige Sammler gebe es, die 20 oder 30 von den „alten Teilen“ haben. Nur selten seien das Erbstücke oder Fundstücke vom Flohmarkt. Die meisten werden auf Online-Plattformen gehandelt. Es gebe einen „riesen Hype um alte Lederhosen“.

Viele neue Exemplare seien im Gegensatz zu den alten, nicht mehr von der besten Qualität. „Das Leder ist wie Gummi“, sagt Weiß. Es gebe zu viel nach. Produziert werden sie oft in Indien, mit Ziegenleder. Das „mit Abstand beste Leder“ sei vom Hirsch – dicker, sämisch gegerbt und somit nachhaltiger. Darauf achtet die Schneiderin. „Ich schmeiß auch nix weg, nur wenn es gar nicht anders geht“, sagt Weiß. Es gebe tausend Möglichkeiten aus einem Kleidungsstück ein neues Teil zu schaffen.

Gibt ihr Wissen weiter, wie ihr Onkel

Steinnuss, Hirschhorn oder Perlmutt – rund 30 Dosen voller Knöpfe für die Lederhosen hat die Schneiderin.

Sie näht auch Requisiten für Filme wie etwa Vorhänge oder Hundeleinen. Sogar Pferdehalfter mit Blumen- oder Schlangenmuster fertigt die 59-Jährige für Freunde. Einem Jäger hat sie gerade erst ein Kissen aus einem Fuchsfell genäht. Es scheint, als gäbe es nichts, das die Schneiderin nicht zaubern könnte. Weiß gibt auch Kurse an der Rosenheimer Volkshochschule. Sie bringt den Teilnehmern bei Dirndl, Jacken, Blusen und Schürzen zu nähen – gibt ihr Wissen weiter, wie ihr Onkel damals.

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