Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

9000 Gräber ausgeschaufelt

Seitenweise Kolbermoorer Geschichten: Das erzählt Siegfried Weber aus seinem Leben als Totengräber

Dieses Bild entstand 1962: Siegfried Weber trat den Dienst als Totengräber an und sprach mit der Leichenfrau Bertha Brunner.
+
Dieses Bild entstand 1962: Siegfried Weber trat den Dienst als Totengräber an und sprach mit der Leichenfrau Bertha Brunner.

Seitenweise Kolbermoorer Erinnerungen: Siegfried Weber war das Gesicht des Kolbermoorer Friedhofs. Was er in seiner Tätigkeit alles erlebt hat, wurde jetzt in einem Buch festgehalten.

Kolbermoor – Als Siegfried Weber (85) das kleine Büchlein in seinen riesigen, abgearbeiteten Händen hält, glänzen seine Augen. Es ist sein Leben, welches er in den Händen hält – zumindest ein kleiner Teil davon. Denn das 38-seitige Büchlein „Verdienstvolle Leich’ – Friedhofsgeschichten aus Kolbermoor“ beinhaltet Erzählungen, die er als Totengräber in der Mangfallstadt erlebt hat. Er entstammt quasi eine Totengräber-Dynastie: Denn schon der Großvater seiner Frau Hilde war in Kolbermoor Totengräber.

9 000 Gräber ausgeschaufelt

40 Jahre hat der Kolbermoorer auf dem Friedhof gearbeitet, hat 9000 Gräber ausgeschaufelt. In der Dreizimmerwohnung neben dem Leichenschauhaus hat er mit seiner Frau Hilde und den Kindern gelebt. 2002 war Schluss. Da ging er in Rente und als Senner auf die Alm – das war sein Traum.

Das Friedhofsgebäude auf dem Alten Friedhof im Jahre 1962.

Jetzt hat er seine Friedhofsgeschichten erzählt. Sein Sohn Klaus hat sie aufgeschrieben. Anschließend hat Siegfried Weber noch einmal darüber gelesen, ob es auch so passt. Passt. „Ich finde es schön“, sagt der einstige Totengräber.

Fußnägel in Weihrauch geschnitten

Es sind kleine Geschichtchen, die zum Schmunzeln sind: Der zum Glühen gebrachte Weihrauch stank, weil der Pfarrer den billigen genommen habe, heißt es. Einmal schnitt Weber einen Fußnagel und Skiwachs hinein – der Rauch stank so abscheulich, dass die Trauergäste samt Pfarrer empört die Leichenhalle verließen. Spricht man Weber auf diese Geschichte an, lacht er laut und erzählt, dass der Pfarrer daraufhin immer den teuren bestellte.

Verstorbener kann nicht mehr fort

Eine weitere Geschichte erzählt von einer Kolbermoorerin des bereits toten Sepp. Sie wollte unbedingt, dass ihr bereits toter Mann noch eine Nacht bei ihr liegen dürfe: „Der war so selten bei mir, sein Leben lang war er unterwegs mit anderen Weibern, lass ihn mir noch eine Nacht liegen, jetzt kann er nicht mehr abhauen“, heißt es in dem Büchlein. Der Weber Sigg ließ in ihr noch eine Nacht.

Benno Krieg war von 1887 bis 1927 Totengräber in Kolbermoor . Er war der Großvater von Hilde Weber.

Lesen Sie auch: Brenner-Nordzulauf: Kolbermoor atmet auf, Bürgerinitiative kämpft aber weiter (Plus-Artikel OVB-Online)

Eine andere Friedhofs-Geschichte ist die eines Verunglückten auf der Staatsstraße: Weber wollte zum Kolbermoorer Faschingsball, er hatte schon sein Kostüm an und stand in den Startlöchern. Da klingelte das Telefon: Er solle eine Leiche von der Staatsstraße abholen.

Die Leiche und der Faschingsball

Vor Ort waren Mediziner und Staatsanwalt, der unbedingt Feierabend machen wollte. Er drängte darauf, die Todesursache festzustellen. Aber der Mediziner tat sich unter Druck schwer. Erneut drängelte der Staatsanwalt. Weber wurde das zu viel: Er nahm den Kopf der Leiche und drehte ihn – „dem ist der siebte Halswirbel gebrochen“, sagte er. Der Staatsanwalt war zufrieden, der Mediziner verdutzt und Siegfried Weber ging zum Faschingsball.

Hier erhält man das Buch

Wer ein Büchlein möchte – sie sind kostenlos – wendet sich an Klaus Weber per E-Maildr.k.weber@t-online.de

So geht es Weber heute

Siegfried Weber könnte noch viele Geschichten aus der Mangfallstadt erzählen. Aber er freut sich über die, die aufgeschrieben wurden. Er ist heute 85 Jahre alt, wohnt an der Friedenstraße. Er hatte einen Schlaganfall, sitzt im Rollstuhl. Dennoch lebt er zuhause – das ist sein Wunsch. Da will er auch sterben, erzählt sein Sohn.

Täglich kommt eine Pflegekraft, Siegfried Weber bekommt Besuch und bei Sonnenschein sitzt er vor seinem Haus an der Friedenstraße. Und wenn er an seine Zeit als Totengräber denkt, lächelt er. „Es war harte Arbeit“, sagt Weber heute. Aber gefüllt mit Kolbermoorer Geschichtchen.

Lesen Sie auch: Kolbermoor: Darum werden jetzt Rohre im Erdreich der Stadt verlegt

Kolbermoorer erinnern sich an den einstigen Friedhofs-Chef

Klaus Schiffmann (85): „Der Weber Sigg und ich kennen uns unser Leben lang und haben uns nie aus dem Augen verloren. Bis heute sind wir befreundet. Als Buben waren wir zusammen in der Schule. Und bis heute haben wir jedes Jahr unser Schülertreffen – im letzten Jahr haben wir es auch gehabt. Da war der Siggi aber nicht dabei. Wir haben zusammen Fußball gespielt und sind Ski gefahren. Als er in Rente gegangen ist, ging er als Senner auf die Alm. Da habe bin ich mit dem Mountainbike zu ihm gefahren und habe ihn dort oben besucht.“

Ludwig Reimeier (88): „Der Siggi war in Kolbermoor eine angesehene Persönlichkeit. Er war ein sehr freundlicher Mensch. Seine Stärke war die Psychologie. Er konnte mit den Menschen umgehen und verstand es, die Hinterbliebenen zu begleiten und zu trösten. Ja, das konnte er.“

Anton Hamberger (85): „Der Weber Sigg war sehr bekannt und ich kenne ihn schon ewig. Wir sind zusammen zur Knabenschule gegangen und auf dem Pausenhof, da wo heute die Feuerwehr ist, haben wir Ballspiele gespielt – die Bäume waren unser Tor. Einen richtigen Fußball gab es ja damals gar nicht. Er war gut im Sport. Einmal in der Woche hatten wir Sportunterricht und da haben wir Völkerball und Schlagball gespielt.“

Kommentare