Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Ich experimentiere gern“

Jürgen Halder über exotische und problematische Bäume in Kolbermoor

Gezeichnete Bilder seiner Enkel, eine Landkarte und Vogeltafel – Jürgen Halder von der Stadt Kolbermoor vor seiner Bürowand. Dass er die Natur liebt und sich täglich damit beschäftigt, sieht jeder, der den Raum betritt.
+
Gezeichnete Bilder seiner Enkel, eine Landkarte und Vogeltafel – Jürgen Halder von der Stadt Kolbermoor vor seiner Bürowand. Dass er die Natur liebt und sich täglich damit beschäftigt, sieht jeder, der den Raum betritt.

Jürgen Halder ist für den Bau-, Straßen- und Gewässerunterhalt der Stadt Kolbermoor zuständig. Er kümmert sich um den Stadtforst und den Naturschutz. Wer mit ihm darüber spricht, merkt sofort, dass sein Beruf auch sein Hobby ist. Ein Gespräch über besondere Bäume, schwierige Entscheidungen und die Aufgabe der Gemeinde.

Kolbermoor – Im Stadtgebiet gibt es 3000 bis 4000 Bäume, ohne die im Forst. Zwei Mal im Jahr führt die Stadtgärtnerei Kontrollen durch und prüft, ob alles in Ordnung ist. Ein Baumkataster, in dem die Pflanzen verwaltet werden, gibt es aber nicht. Die Stadtgärtnerei hat ihr eigenes System. „Ich kriege eigentlich nur Bescheid bei markanten Sachen“, sagt Halder. Damit meint er Fällungen.

Die Stadt hat eine Vorbildfunktion

Die Gründe dafür kommuniziert er zuvor an die Presse und stimmt sich mit dem Landratsamt Rosenheim ab – als „Rückendeckung“. Die Stadt habe schließlich eine Vorbildfunktion und ohne Anmeldung beschweren sich Bürger oder stellen Grablichter an die Stelle. Nachdem ein kranker Baum gefällt wurde, legen sie deshalb das schlechteste Stück auf den Stumpf. „Damit die Leute sehen, dass wir keinen Blödsinn machen“, sagt der 50-Jährige.

Diskussion im Stadtrat

Ein schwieriger Fall sei die große Trauerweide am Edmund-Bergmann-Platz gewesen. Sie war womöglich 100 Jahre alt und hat sich gegen die Windrichtung geneigt. Ein Ingenieurbüro für Baumstatik und das Landratsamt haben der Stadt empfohlen, den Baum zu fällen oder so stark zurückzuschneiden, dass er danach nicht mehr zu erkennen gewesen wäre. „Dann hätten sie ihm eine Lebenserwartung von zehn Jahren gegeben“, sagt Halder. Es wurde sogar im Stadtrat diskutiert, was zu tun ist.

Lesen Sie auch: Kolbermoor: Stört die zunehmende Zahl der Ausflügler die Natur?

Die Mitglieder haben einstimmig entschieden, den Baum zu entfernen. „Das hat sich aber keiner leicht gemacht. Des war a traurige Sach“, sagt Halder. Die Trauerweide sei ein Wahrzeichen der Stadt, „malerisch“ und ein „Koloss an Baum“ gewesen. Es sei aber wie bei Menschen und Tieren: „Irgendwann ist das Zeitliche gesegnet.“ Viele Bürger hätten gedacht, dass die Stadt wieder eine Weide pflanzt. Davon hat Halder abgeraten, denn der Boden war ausgelaugt. Eine neue Weide hätte nicht genug Wasser bekommen. Deshalb wollte er einen Tulpenbaum pflanzen, der Stadtrat stimmte zu. Es sei ein „besonders schönes Exemplar“ mit der Astverteilung, Krone und den Tulpenblüten.

Halder ist stolz auf seine „Sammlung“

Kolbermoor ist ein dicht besiedeltes Gebiet mit vielen versiegelten Flächen. Bäume, die nicht viel Wasser brauchen, seien dafür besonders geeignet. Deshalb pflanzt Halder oft „Exoten“ wie den Tulpenbaum, Ginkgobaum, den Götterbaum, den Taschentuchbaum, den Schurbaum oder den Christdornenbaum. „Ich experimentiere gern.“ Die repräsentativen Blüten gefallen ihm besonders.

Auch vier Maronibäume hat er gepflanzt. Drei sind erfroren, nur einer hat den Winter überlebt. Manche Bäume wachsen eben „prächtig“, andere schaffen es nicht. Dennoch ist er sichtlich stolz auf seine „Sammlung“. Einen einzigen besonderen Baum gebe es in Kolbermoor aber nicht. „Das sind einzelne Baumgruppen“, sagt Halder. Eine „markante“ gebe es in Schlarbhofen. Dort sei ein richtiges „Baumtor an Eichen“. Auch die drei Linden an der Filzenstraße oder die großen Eichen an der Ganghoferstraße und Aiblinger Straße kommen ihm in den Sinn.

Baumführung am 14. Mai 2022

Wenn einer die Bäume in Kolbermoor kennt, dann jedenfalls Halder. Manchmal hält er sogar Vorträge, auch Baumführungen hat er bereits gegeben. „Es waren so viele Leute da“, erinnert sich der 50-Jährige. Er hat maximal 15 Personen erwartet, über 70 sind gekommen. Aufgrund der Corona-Pandemie musste er die Führung bereits zwei Mal verschieben. Der nächste Termin ist am 14 Mai 2022. „Da ist es am besten von der Blüte“, weiß Halder. Bürger müssen sich weder anmelden, noch zahlen.

Das könnte Sie auch interessieren: Tonwerkweiher Kolbermoor: Neues Baumleben nach Borkenkäfer-Aus

Auf die Frage, was jeder Einzelne für die Natur tun kann, hat er eine klare Antwort: „Bäume pflanzen“. Je nach Möglichkeit, denn die Hausgärten seien nicht mehr so groß wie früher. Das „meiste Potenzial“ liege deshalb in der öffentlichen Hand. Die Stadt habe den Auftrag zum Klimaschutz. Dennoch findet Halder: „Der Klimaschutz geht im Kleinen und im Grünen an.“

Dürfen Bürger auf ihrem Privatgrund Bäume fällen?

„Das darf man nicht so einfach“, sagt Jürgen Halder von der Stadt Kolbermoor. Seit 1996 gibt es dort eine Baumschutzverordnung. Nur in Rosenheim und Bad Aibling gibt es eine solche Regelung noch im Landkreis. Aber was bedeutet die Verordnung überhaupt? Wollen Grundbesitzer einen Baum fällen, müssen sie eine Genehmigung von der Stadt einholen. Bäume, deren Stamm weniger als 80 Zentimeter in 100 Zentimeter Höhe über dem Erdboden messen, sind von dem Verbot ausgenommen. Auch Tannen, Fichten, Kiefern, Lärchen, Pappeln, Erlen, Weiden, Birken, Thujen und nicht-heimische Nadelhölzer sowie Obstbäume dürfen Bürger entfernen. Wenn ein Baum abgestorben ist oder eine Gefahr von ihm ausgeht, dürfen sie ihn ebenfalls fällen. Alle anderen Bäume sind geschützt. Will ein Grundbesitzer einen geschützten Baum fällen, begutachtet Halder die Pflanze und wägt ab, ob das gerechtfertigt ist.

„Da brauchst a Gfui“, sagt der 50-Jährige. Wenn er zu streng sei, bringe die Politik nichts. Wenn er zu „flapsig“ mit der Entscheidung umgehe, werde er nicht ernst genommen. „Was für einen Wert hat der Baum?“, sei deshalb die wichtigste Frage. Es komme darauf an, was es für eine Art ist, wo er steht, wie er gewachsen ist und wie befallen er ist. Während der Vogelbrutzeit, von 1. März bis 30. September, sollen keine Bäume abgesägt werden. Das bestimmt das Landratsamt. Fällt eine Person einen Baum ohne Erlaubnis „kommt der Hammer“.

Damit meint Halder die Rechnung für einen Baumsachverständigen, plus Strafe und Nachpflanzung. Die Strafen können bis zu 50.000 Euro betragen. Realistisch seien es ein paar Tausend Euro. Für jeden gefällten Baum müssen Bürger einen neuen pflanzen oder 450 Euro Ausgleichszahlung leisten. Von diesem Geld kauft die Stadt zwei neue Bäume. „Der Sinn der Baumschutzverordnung ist der Erhalt der alten Bäume, die schon viele Jahrzehnte da stehen und die schon viel erlebt und gesehen haben“, erklärt Halder. Sie regelt aber auch, dass Privatpersonen nur einheimische Laubbäume wie Birken, Ahorn oder Linden pflanzen dürfen.

Kommentare