Neonazis zerstören Schuhmann-Denkmal

Kolbermoor - "Keine normale bayerische Kleinstadt"

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Kolbermoor - Am Mittwochabend rief die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Erinnerung, was 1918/19 in Kolbermoor geschah, wie die Stadt mit diesbezüglicher Erinnerungskultur umgeht und bekräftigte ihren Willen, die Erinnerungsarbeit fortzusetzen.

Bereits zum vierten Mal ist das Denkmal für den am 4. Mai 1919 ermordeten Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Genossen Alois Lahn Ziel eines Anschlags. Die brachiale Gewalt, mit der diesmal die Marmortafel zerstört wurde, zeigt, dass Farbattacken nicht mehr ausreichen, dass jegliche Erinnerung an die Rätezeit ausgelöscht werden soll.

Deswegen lud Andreas Salomon von der GEW Kreisverband Rosenheim zu einer Veranstaltung in das Gasthaus „Milano zum Mareis“ ein, in der in Erinnerung gerufen wurde, was damals eigentlich passiert ist. Es wurde die Bedeutung der Rätezeit eingeschätzt und untersucht, wie eine entsprechende Erinnerungskultur in Kolbermoor bisher betrieben wurde.

Erinnerung muss aufrecht erhalten werden

Salomon eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: "Wir können das, was passiert ist, nicht einfach geschehen lassen."

Georg Schuhmann und sein Sekretär Alois Lahn wurden am 4. Mai 1919 von Weißgardisten an der Kolbermoorer Tonwerksunterführung brutal ermordet.

Im Anschluss hielt er einen Vortrag, in dem er die Rätezeit und die Zeit Georg Schuhmanns beleuchtete. Salomon verurteilte auch die bisherigen Anschläge auf das Denkmal. Zu den Beschmierungen im letzten Jahr - Unbekannte schrieben mit Schwarzer Farbe auf die Tafel "Noske do it again" und hinterließen zwei Hakenkreuze - fand er die Worte: "Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen."

Salomon ging es in seiner Rede auch vor allem darum, "das bewusst Verdrängte wieder sichtbar zu machen". Er monierte unter anderem, dass die Gedenktafel eigentlich Aufgabe der Stadt sei und bereits zwei Anträge scheiterten.

Abschließend betonte Salomon: "Unsere Aufgabe muss es sein, die Erinnerung an die Rätezeit aufrecht zu erhalten und die Auslöschung durch die Nazis nicht zuzulassen."

Was tun wir heute?

Prof. Dr. Klaus Weber schloss mit seiner Rede an den Vortrag Salomons an: "Neonazis haben gehandelt, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Wasser ist sehr kalt." Er missbilligte, dass "wir so tun, als wäre Kolbermoor eine normale bayerische Kleinstadt." Das sei sie auf Grund ihrer Geschichte, vor allem in der Rätezeit nicht. Kolbermoor war die letzte rote Bastion in Bayern. Weber setzte sich auch für ein Denkmal für Zwangsarbeiterinnen ein, was jedoch vom Stadtrat nicht angenommen worden sei. Weber monierte in seinem Vortrag ebenfalls, dass in Kolbermoor keine Straße nach einem Antifaschisten benannt sei.

Den Anschlag 2014 sieht er als "Aufruf zur Vernichtung von linken Menschen". Er stellte die Frage in den Raum, ob das ewige Verschweigen eventuell zu einem Anstieg der Neonazis in Kolbermoor geführt habe.

Diskussion

Im Anschluss an die Vorträge gab es Zeit für Statements und Fragen. Die dritte Bürgermeisterin von Kolbermoor, Dagmar Levin-Feltz, betonte: "Ich finde es schlimm, dass die GEW und private Spender die Kosten für das Denkmal tragen müssen."  Laut ihrer Aussage, komme das in der Weihnachtssitzung auf die Agenda der Stadtratssitzung.

Die Vorsitzende der SPD Kolbermoor, Sigrid Kumberger, meldete sich ebenfalls zu Wort und betonte dass es so nicht stimme, dass man in der Erinnerungsarbeit nichts gemacht habe. Es habe z.B. vor zwei Jahren im Harrer-Haus in Kolbermoor eine Ausstellung zur Geschichte nach 1945 gegeben. Auch verfolge sie die Aktivitäten der Rechten in Kolbermoor intensiv und erklärte: "Die Rechten sind in Kolbermoor zur Zeit nicht aktiver als beispielsweise in Bad Aibling oder Rosenheim."

Mit den Worten: "Eins ist sicher, ein neues Denkmal wird kommen" beendete Andreas Salomon die Veranstaltung.

jb

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