Geplantes Krematorium in Kolbermoor

Quecksilber, Radioaktivität, Bedarf - Experten stehen Rede und Antwort

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Die Gegner des Krematoriums haben Protestplakate an ihren Häusern angebracht
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Kolbermoor - Die geplante Feuerbestattungsanlage am Neuen Friedhof am Rothbachl spaltet nach wie vor die Kolbermoorer Gesellschaft. Es gibt noch viele offene Fragen, die Experten in zwei Infoveranstaltungen beantworteten.

Bürgerinitiative und Stadt hielten in Sachen geplantes Krematorium auf dem neuen Friedhof am Rothbachl in Kolbermoor jeweils eine eigene Informationsveranstaltung ab. Am 17. September informierten Bürgermeister Peter Kloo, Thomas Engmann, geschäftsführender Gesellschafter der EHG Dienstleistung GmbH über das Vorhaben.

Zudem waren zwei Experten anwesend, die den Bürgerinnen und Bürgern Rede und Antwort standen: 

Dr. Jörg Bachmann, promovierter Diplomchemiker und seit 30 Jahren in der Umweltanalytik tätig. Seit ca. 20 Jahren ist die Umweltanalytik im Bereich Kremationstechnik sein Spezialgebiet. Des Weiteren ist er Geschäftsführer der Institut für Umweltplanung und Raumentwicklung IFU GmbH in Heitersheim und Messstellenleiter mit Sitz in Leutenberg. 

Heiko Friederichs, geschäftsführender Gesellschafter der H.R. Heinicke GmbH aus Verden. Er ist langjährig verantwortlich für den Anlagenbau von Feuerbestattungsanlagen mit modernstem Standard und Dozent für die Ausbildung zum Geprüften Krematoriumstechniker.

Infoveranstaltung der Initiative gegen das Krematorium

Auch die Bürgerinitiative (BIK), die sich gegen den Bau der Feuerbestattungsanlage ausspricht, veranstaltete eine Informationsveranstaltung am 13. September. Knapp 300 Bürger waren der Einladung der Sprecher der BIK, Klaus Zirngast und Robert Gerhard König gefolgt. Auch die Bürgerinitiative hatte Experten eingeladen: Dipl.-Ing. Andreas Morgenroth aus Hamburg sowie den Umweltexperten Markus Raschke.

Raschke ging auf den Klimawandel ein und sei der Meinung, dass unnötiger CO2-Ausstoss verhindert werden muss: „Ich finde es nicht mehr zeitgemäß, Krematorien zu errichten, die etwas verbrennen, das zu 70 Prozent aus Wasser besteht und weiteres CO2 in die Luft blasen.“

Morgenroth ging auf die städtebaulichen und landschaftsplanerischen Aspekte ein. Auf dem bestehenden Friedhof sei der avisierte Standort unabhängig von der grundsätzlichen Sinnlosigkeit ungeeignet: „Etwa 30 % der vorhandenen Fläche sollen überplant und größtenteils versiegelt werden. Das wäre ein erheblicher Eingriff in das Stadtbild und speziell den Friedhof. Eine schöne Grünanlage mit einem Industriebetrieb zu verschandeln, das geht nicht. Das ist absolut außerhalb der Verhältnismäßigkeit. Das Krematorium ist für Kolbermoor überdimensioniert, für den Friedhof überdimensioniert und würde nicht in das Klimaschutzleitbild der Stadt Kolbermoor passen!“

Alle Infos zum Krematorium von Seiten der Stadt finden Sie hier,

von Seiten der Bürgerinitiative hier.

Morgenroth verwies in seiner Rede zudem darauf, dass Abgase eines Krematoriums auch gesundheitsgefährdende Schwermetalle wie Quecksilber, Chrom, Nickel und auch radioaktive Rückstände ausstoßen können. Gerade Radioaktivität nehme deswegen zu, da bei der Krebsbehandlung von Patienten immer mehr Radiologie eingesetzt werde. Ebenso seien laut Morgenroth die Aschen mit Chrom belastet. 

Er ging zudem auf die Frage nach dem Bedarf von Krematorien ein: „In NRW leben 18 Millionen Einwohner, dort gibt es 20 Krematorien. In Bayern mit lediglich 13 Millionen Einwohnern stehen 22 Krematorien gegenüber.“ Er könne sich das u.a. mit dem sogenannten Leichenimport aus anderen Bundesländern erklären.

Fragen und Antworten

Auf der Infoveranstaltung der Stadt konnten die Bürger Fragen stellen, die die Experten beantworteten. Hier kamen auch einige Themen auf, die die Experten der BIK in ihrem Vortrag ansprachen. Wir haben die Fragen und Antworten für Sie zusammengetragen:

Frage: Wenn keine Chrom/Nickel beschichtete Schamottsteine bei der Ofenauskleidung verwendet werden, was wird dann verwendet?

Heiko Friederichs: Mich stört an der Fragestellung das Wort "Beschichtung". Die Schamotte sind nicht mit irgendetwas überzogen sondern die sind durch und durch aus einem Material. Die Beständigkeit gegen das Feuer wird vornehmlich durch Aluminiumoxid eins, zwei und drei hergestellt. Je mehr eins zwei und drei da drin ist, umso beständiger sind die Steine gegen die Temperatur. Des Weiteren ist Sand darin. Es gibt hoch chromhaltige Schamotte, die haben wir früher auch eingesetzt, das machen wir aber seit ca. fünf, sechs Jahren nicht mehr.

Frage: Ist wirklich der Bedarf für bis zu 7.000 Bestattungen im Jahr da? Vergangene Woche wurde ja veröffentlicht, dass die Anlagen in Salzburg und München nicht ausgelastet sind.

Thomas Engmann: Für ein oder zwei Feuerbestattungen am Tag nimmt man eine Feuerbestattungsanlage nicht in Betrieb, weil das energetischer Wahnsinn wäre. Mit einer Ofenlinie führt man ca. 10  bis 14 Feuerbestattungen am Tag durch. Um den Angehörigen eine akzeptable Zeit zwischen dem Tod und der Feuerbestattung zu ermöglichen ist eine ausreichende Kapazität erforderlich. Wir garantieren hier 48 Stunden. Ich weiß nicht wie die Auslastung anderer Feuerbestattungsanlagen ist, das liegt auch nicht in meinem Ermessen darüber zu urteilen. Wir haben in absehbarer Zeit keine ausreichenden Kapazitäten mehr, von daher kann ich die Frage nach dem Bedarf nur eindeutig mit Ja beantworten. Der Bedarf ist da, der Bedarf wird weiter steigen. Dass andere Anlagen nicht ausgelastet sind, kann womöglich mit Angebot und Nachfrage oder mit der Qualität zusammenhängen. 

Frage: Was wird alles durch diese Feuerbestattungsanlage in die Luft gepustet?

Dr. Jörg Bachmann: Bei einer Einäscherungsanlage handelt es sich um einen Verbrennungsprozess. Und im Gegensatz zu jedem anderen Verbrennungsprozess den wir kennen, wie z.B. die Heinzungsanlage, das Auto, das Osterfeuer, haben wir es hier mit einer nachgelagerten Abgasreinigung zu tun. Die Grenzwerte sind zwingend einzuhalten, die sind politisch bewusst so niedrig gesetzt worden, damit hier die Anlagen so betrieben werden müssen, dass sie diese Grenzwerte einhalten. Durch diese nachgelagerte Abgasreinigung wird erreicht, dass die Schadstoffe Dioxine und Furane, Quecksilber, organische Komponenten und metallische Bestandteile wie Chrom an den Filtern aus Sorbalit adsorbiert werden. Die Filter mit den an ihnen anhaftenden Schadstoffe werden dann vorschriftsmäßig entsorgt. Das Abgas, das den Filter passiert hat enthält dann nachweisbar keine Schadstoffe mehr. Durch diese Art der Abgasreinigung werden die gesetzlich vorgegebenen Grenzwerte sicher eingehalten.

Frage: Es wird immer wieder über den Austritt von Radioaktivität gesprochen. Wie viele Einäscherungen aus onkologischen Kliniken nehmen Sie im Jahr vor?

Thomas Engmann: Es fällt mir schwer darauf zu antworten. Letztendlich erfolgt ein möglicher Eintrag von Radioaktivität über einen Verstorbenen, der mit einer Strahlentherapie behandelt wurde. Mir persönlich ist nicht bekannt dass es durch die Einäscherung von Krebspatienten zum Austritt von Radioaktivität oder zu irgendwelchen Belastungen gekommen ist. Mir ist eine Untersuchung aus Arizona bekannt, wo man Mitarbeiter eines Krematoriums auf eine höhere Strahlenbelastung der sie ausgesetzt sind, wenn sie Strahlenpatienten eingeäschert haben, untersucht hat. Man hat tatsächlich eine geringfügig höhere Strahlenbelastung festgestellt, aber unter der Nachweisgrenze und weit unter den festgelegten Grenzwerten. Eine mögliche Radioaktivität ist nach der Filterung nicht mehr nachweisbar.

Dr. Jörg Bachmann: Man kann auch eine Strahlenbehandlung nicht mit der Radioaktivität eines Kernkraftwerkes vergleichen. Das Abgas passiert die Abgasreinigung. Im Abgas sind radioaktive Stoffe nicht mehr nachweisbar. 

Frage: Wie schädlich ist eine Erdbestattung?

Dr. Jörg Bachmann: Es gibt Studien über Erdbestattungen, die sind aber noch nicht abgeschlossen. Aus Pietätsgründen verbietet es sich aber die eine Bestattungsmethode gegen die andere aufzuwiegen. 

Frage: Was verstehen Sie unter Störfällen und ist die Öffnung eines Bypasses für Sie ein Störfall?

Thomas Engmann: Ein Störfall tritt dann auf, wenn eine Anlage emissionsschutzrechtlich der Störfallverordnung unterliegt. Eine Feuerbestattungsanlage unterliegt der Störfallverordnung nicht. Es gibt in Einzelfällen bei Anlagen Störungen, sogenannte Bypassgänge. Beispielsweise wenn es zu unerwarteten Temperaturschwankungen oder zu Ausfällen des Abgaskühlers kommt. Der Bypassgang ist dann erforderlich, um ein Abbrennen der gesamten Anlage zu verhindern, das ist technisch nicht anders möglich. In den letzten Jahren hatten wir in Traunstein keine Bypassgänge. 

Frage: Wer entscheidet, wo man eingeäschert wird?

Thomas Engmann: Grundsätzlich legt der Angehörige und der Verstorbene die Form der Beisetzung fest. Sie können heute schon mit einem Bestatter festlegen, wo sie eingeäschert werden. Im Regelfall wird die Frage nicht gestellt. Dann entscheidet der Bestatter mit seinem Krematoriumpartner, wo er eine Feuerbestattung durchführt. 

Frage: Wie glaubwürdig sind Sie, Herr Engmann? Vom Bayerischen Landesamt für Umwelt aus Augsburg wurde Ihnen untersagt mit dem Begriff "Referenzanlage" zu werben. Sie haben daraufhin ihre Internetseite vom Netz genommen bzw. geändert.

Thomas Engmann: Ich habe 2001 die dritte privatbetriebene Vollbestattungsanlage gebaut. Viele weitere Anlagen, die später gebaut worden sind, haben sich am Traunsteiner Vorbild orientiert. Das ist nicht ohne Grund passiert. Wir haben nichts zu verstecken, wir haben auch keine Internetseite, die vom Netz genommen wurde. Ich weiß nicht, was für Gerüchte im Umlauf sind und was kolportiert wird. Wir haben eine fantastische Technik um einen fantastischen Job zu machen und würdevoll mit den Verstorbenen und Angehörigen umgehen zu können.

Frage: Wer kontrolliert, dass die stark kontaminierte Restasche ordnungsgemäß entsorgt wird?

Dr. Jörg Bachmann: Die Asche muss als Sondermüll entsorgt werden. Da gibt es dann Verträge mit bestimmten Sondermüllunternehmen und das muss alles dokumentiert werden. 

Thomas Engmann: Es handelt sich beim Filterstaub tatsächlich um gefährliche Abfälle, die in zugelassenen Fässern untertage in zugelassenen Deponien deponiert werden müssen. Alle etwa eineinhalb Jahre fahren wir etwa vier Tonnen Sondermüll in eine Deponie nach Hessen. Das passiert unter strengen Kriterien, die behördlich überwacht sind. Das Bundesemissionsschutzgesetz schreibt vor, wie die Überwachung aussieht, was zu tun ist. Würden wir das nicht entsprechend kontrolliert tun, würde der Betrieb sofort geschlossen werden.

Frage: Müssen für den Bau Gräber umgesiedelt werden?

Bürgermeister Kloo: Nein, es muss kein Grab umgesiedelt werden.

Frage: Was passiert mit den Wertgegenständen und wertvollen Materialien wie beispielsweise Zahngold oder Titan?

Thomas Engmann: Grundsätzlich gilt in Deutschland das Gesetz, dass die Asche unteilbar ist. D.h. wenn sie der Asche etwas entnehmen, verstoßen Sie gegen das Gesetz. Wir entnehmen der Asche nichts, wir fügen der Asche nichts hinzu.

Frage: Wie oft werden Emissionsmessungen durchgeführt? Sind die gesetzlich vorgeschrieben und werden die angekündigt?

Dr. Jörg Bachmann: Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei Arten von Messungen. Das eine ist die kontinuierliche Messung. Das heißt immer wenn die Anlage in Betrieb ist wird das Kohlenmonoxid, der Sauerstoff dazu und die Emission an Staub überwacht. Am Jahresende wird da automatisch ein Bericht erstellt, auf den weder der Herr Engmann noch wir als Messtelle Einfluss haben. Dieser Bericht geht dann an die untere Emissionsschutzbehörde. Diese Messwerte müssen jährlich überprüft und alle fünf Jahre neu kalibriert werden. Darüber hinaus gibt es Emissionsmessungen, die im Rhythmus von drei Jahren durchgeführt werden. Dieser Rhythmus ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben.

Zuspruch für die Feuerbestattungsanlage

Neben den vielen kritischen Stimmen gab es auch Zuspruch. Eine Bürgerin, die nach eigener Angabe mit Leib und Seele Kolbermoorerin ist sagte: "Hier geht es nur um Störungen und Probleme, mir fehlt die Pietät. Hier wird keine Müllverbrennungsanlage oder gar ein Atomkraftwerk gebaut. Ich finde das sehr schön, wenn ich als Kolbermoorerin auch noch in meiner Heimatstadt eingeäschert werden kann." Ein anderer Bürger findet: "Wenn man hier gelebt hat, ist es doch gut zu wissen, dass man hinterher nicht weit durch die Gegend gefahren wird und dass auch den Angehörigen keine weiten Wege zugemutet werden, wenn sie bei der Übergabe ans Feuer dabei sein wollen.”

Am Ende des Infoabend, hatte Bürgermeister Kloo das Schlusswort, mit dem er auf die vielen negativen Stimmen aus dem Publikum reagierte: „Man kann immer Worst-Case-Szenarien beschreiben und scheinbar ist es derzeit auch üblich, Ängste zu schüren. Doch man kann sich seinen Ängsten auch stellen, sich informieren und mit ihnen umgehen lernen.”

Er forderte er die Bürger noch einmal auf, am 20. Oktober beim Bürgerentscheid zur Wahl zur gehen. Sein Appell: „Demokratie braucht Demokraten!”

Quelle: mangfall24.de

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