Badeunfall: Opfer nicht schuld

Bad Aibling - Die Stadt Bad Aibling muss einem Badegast eine Entschädigung zahlen. Das hat das Landgericht Traunstein entschieden.

Der Rosenheimer war am 22. Juni 2008 im Schwimmbad Harthausen schwer verunglückt, als er von einem "1-Meter-Brett" ins Wasser gesprungen und dabei mit dem Kopf auf den Beckenboden aufgeschlagen war. Ausschlaggebend für das Urteil: Die nicht ausreichende Wassertiefe im Schwimmbecken. Die Kosten des Verfahrens trägt die Stadt.

Bad Aibling - Das Urteil des Landgerichts ist rechtskräftig, die Stadt Bad Aibling hat die Einspruchsfrist (19. April) verstreichen lassen. So muss nun die Kommune dem Kläger allen materiellen und immateriellen Schaden ersetzen, der aus dem Badeunfall vom 22. Juni 2008 im Schwimmbad Harthausen resultiert und noch entstehen wird.

Der jetzt 42-jährige Rosenheimer hatte nach einem Hechtsprung vom "1-Meter-Brett" einen Genickbruch erlitten, als er mit dem Kopf auf den Beckenboden aufgekommen war. Ärzte mussten mit Titanschrauben den zweiten Halswirbel fixieren.

Die Gründe für den Unfall sah das Landgericht in der mangelhaften Wassertiefe. Es berief sich dabei auf ein Gutachten. Der Sachverständige hatte für die Richter überzeugend dargelegt, dass bei einem 1-Meter-Sprungbrett das Sprungbecken eine Mindestwassertiefe von 3,40 Metern über dem Brettende aufweisen muss. In einer Entfernung von sechs Metern zur Absprungstelle muss das Wasser immer noch mindestens 3,30 Meter tief sein.

Diese Werte wurden laut Gutachter in den seit 1977 gültigen Richtlinien der Sportverbände für 1-Meter-Sprunganlagen festgelegt. Sie gelten auch für starre Bretter - im konkreten Fall war das Brett vorne arretiert und nicht federnd. Bei den Richtlinien hatte man schon die neue "Sprungbrett-Generation" berücksichtigt - statt Holz verwendete man Kunststoff, das größere Absprunghöhen ermöglichte, da schwingender (vor 1977: Mindestwassertiefe 3 Meter).

Die tatsächliche Wassertiefe im Schwimmbad Harthausen erfüllt diese Vorschriften nach den Ausführungen des Gerichtes nicht - bei 2,34 Metern und einer Bretthöhe von 0,63 Metern.

Ist ein 0,63-Meter-Brett ein 1-Meter-Brett?

Dieser Umstand war zwischen den beiden Parteien - Kläger und Stadt Bad Aibling als Beklagte - im Verfahren streitig. Das Brett habe sich nicht klar als 1-Meter-Brett einordnen lassen, da nur 63 Zentimeter über der Wasseroberfläche, erklärte der städtische Anwalt Christian Keck (Traunstein) auf Anfrage unserer Zeitung. Das Problem an der Sache sei, dass es keine einschlägige DIN-Norm über die Wassertiefe zum Unfallzeitpunkt gegeben habe. Deshalb sei ein Sachverständiger gehört worden (Februar 2010).

Dies führte zwar das Gericht in seiner Entscheidungsbegründung ebenfalls an; dennoch machte es deutlich, dass man trotz damals nicht vorhandener Regelwerke (für Sprungbretter unter 1 Meter) folgende "Milchmädchenrechnung" nicht aufmachen kann: bei 1 Meter Sprunghöhe eine Wassertiefe von 3,40 Meter und bei 0,63 Meter Sprungbrett von 2,14 Metern. Bei diesem Rechenverfahren "wäre bei einem Sprung vom Beckenrand aus eine Wassertiefe von 0 ausreichend." Dass dies nicht funktionieren könne, müsse jedem einleuchten.

Seit Juni 2009 gibt es eine neue Richtlinie von Haftpflichtversicherern, die auch für Sprunganlagen unter 1 Meter eine Mindestwassertiefe von 3,40 Metern empfehlen. Dies bestätigt nach Auffassung des Gerichtes seine Bewertung: Die Stadt Bad Aibling hätte erkennen müssen, dass bei dieser geringen Wassertiefe das Sprungbrett von einem Erwachsenen oder einem groß gewachsenen Jugendlichen nicht sicher benutzt werden kann.

War das nach dem Unfall entfernte Brett einem Startblock (Maximalhöhe 75 Zentimeter über der Wasseroberfläche, notwendige Wassertiefe nur 1,80 Meter) gleich zu setzen? Nein, urteilte der Richter - weil von einem Startblock der Absprung mit flachem Eintauchen erfolge und auch ein arretiertes Brett sich bei einem Sprung aus dem Stand nach unten durchbiege und beim Zurückfedern des Springenden einen Impuls vermittle.

Beim Umbau des Schwimmbads 1988/89 hatte die Stadt die Sicherheit der Sprunganlage laut Gericht nicht überprüfen lassen - dies wurde als Pflichtverletzung beurteilt. Auch habe der von der Stadt angebrachte Hinweis auf die Wassertiefe (2,40 Meter) keine ausreichende Warnfunktion (für ortsunkundige Gäste, da an den Beckenseiten in der Anpflanzung angebracht).

Eine Mitverantwortlichkeit des Rosenheimers am Unfallgeschehen wurde im Feststellungsurteil ausdrücklich ausgeschlossen. Dies bestätigte der Anwalt des Geschädigten, Dr. Werner Schropp (Rosenheim).

Über den Schadensersatz - für die Stadt springt die Bayerische Versicherungskammer ein - müssen sich die Parteien in einem nächsten Schritt einigen.

Von Elke Wrede-Knopp/Mangfall-Bote

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