Die Magie des Kinos

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Auch beim Popcorn- und Ticketverkauf packt Kinobetreiber Robert Siersch zwischendurch mit an. Foto Langwieder

Bad Aibling - Heiligabend selbst verbringt Robert Siersch ausnahmsweise nicht zwischen Filmprojektoren, Popcornmaschine und Kinosaal. Der Aiblinger Kinobetreiber legt bis Samstag um 14.30 Uhr eine Sendepause ein.

Seine "Gästeliste" liest sich wie das Who is Who des internationalen Show-Business. Gestern waren Angelina Jolie, Johnny Depp und Harry Potter zu Besuch, heute Nachmittag haben sich Robert de Niro und Ben Stiller auf den Leinwänden des Aibvision-Filmtheaters angekündigt.  Kinofreie Zeit ist eine Seltenheit im Leben von Robert Siersch. Mit 15 Jahren packte ihn die Leidenschaft für alles, was sich vor und hinter der Leinwand abspielt. Er wollte alles wissen: Wie entstehen Filme, wer arbeitet dort, wie funktionieren Tricks, wie sind Drehbücher und Dramaturgie aufgebaut? So dienten seine häufigen Kinobesuche - bis zu 52 pro Jahr - auch "Fortbildungszwecken". Gleichzeitig avancierte er zum wandelnden Kinolexikon für seine Mitschüler, wie jüngst bei der Verleihung des Wirtschaftspreises zu erfahren war (wir berichteten).

Zwar kann er sich an seinen ersten Kinofilm gar nicht mehr richtig erinnern - "es könnte Momo gewesen sein" - doch der zündende Funke ist dem heute 36-Jährigen noch gut im Gedächtnis. Er sprang beim Film "Die Verurteilten" auf ihn über.

Da war er bereits Stammgast im Aiblinger Kino und fing an bei Vorführungen auszuhelfen. Zuhause las er Bücher über das Drehbuchschreiben und ließ sich sogar Unterlagen von der Hochschule für Film und Fernsehen zukommen. Sein Abitur hatte er als Jahrgangsbester abgeschlossen, ein Betriebswirtschaftsstudium begonnen. "Letztlich bin ich dann aber doch am Ende der Verwertungskette - im wirtschaftlichen Sektor - angekommen", schmunzelt Siersch. Denn bereits im ersten Semester bot sich eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen ließ: die Übernahme des Linden-Filmtheaters, die im Neubau des Aibvision-Filmtheaters 2006 gipfelte. Zwischenzeitlich hatte er überdies ein Fernstudium zum Filmtheater-Kaufmann abgeschlossen. Der Weg zum eigenen Kino war bereitet.

Von Anfang an ging Siersch bewusst seinen Weg, hatte doch seinen Beobachtungen zufolge beim früheren Betreiber "irgendwie der Draht zum Publikum gefehlt". Das ist der Grund, warum sich Siersch heute noch gerne zu Vorführungsbeginn unter die Kinogäste mischt und deren Reaktionen auf die Filmvorschauen beobachtet: "Das ist ein wertvolles Feedback, aus dem ich viel rausziehen kann."

Dass er einen Film die ganze Länge über genießen kann, kommt im eigenen Kino allerdings nicht häufig vor, denn "irgendwas ist immer zu tun, wo man schnell mal einspringen oder hinlangen muss."

Die Details sind ihm wichtig. So gab er sich auch beim Neubau des Aibvision-Filmtheaters nicht mit Standard-anfertigungen zufrieden: "Wir haben gesagt, wir machen alles so, wie es uns selbst gefällt." Dies bedeute eben auch, ein Kinoerlebnis zu schaffen, wie man es von früher her kenne. Dazu gehören für den Kinobetreiber der Vorhang vor der Leinwand, ein wohnlicher Saal und Unikate als Blickfang - von den Lampen über Getränkekastenhalter bis zur Wanddekoration, die allesamt ein befreundeter Kunstschmied gefertigt hat.

Ob beim Popcorn- oder Eintrittskartenverkauf, bei technischen Problemen oder Fragen der Besucher, Siersch ist überall zu finden. Auch seine Familie hat ihn bei dem Projekt Kino stets unterstützt; seine Mutter betreut bis heute die Kasse im Lindenkino, das bei vielen Besuchern vor allem aus nostalgischen Gründen sehr beliebt ist. Das halbe Mangfalltal ist dort "filmisch groß geworden", hatte dort die ersten Verabredungen und genoss Hollywood hautnah.

Eine von Kunden geschätzte Seltenheit in den Kinosälen sind die kurz gehaltenen Werbeeinspielungen. Ende der 90er-Jahre verzichtete das Lindenkino sogar komplett auf Werbung mit Ausnahme von Vorschauen. Mit der Eröffnung des Aibvision-Filmtheaters 2006 begann man, es im beschränkten Maß wieder mit Werbung zu probieren.

Im Digitalzeitalter erschien vieles einfacher als früher, als man noch mühselig die wöchentliche Werbefilmrolle selbst "zusammenbauen" musste. Heute seien es zwar nur noch einige Klicks am PC, dennoch wägt der Betreiber ab: "Ist das den Arbeits- und den Zeitaufwand wert? Braucht man es unbedingt?" Vor allem aber sagt Siersch: "Im Prinzip nervt's uns" - weswegen er die Verträge nun auch auslaufen lässt.

Eine Vorreiterrolle übernahm das Aiblinger Kino sogar mit der Einführung der digitalen Technik. Diese beschere ein ganz neues Kinoerlebnis. "Besonders deutlich war die Entwicklung der Filmwelt bei Avatar zu sehen", so Siersch, der jeden technischen Fortschritt und Veränderungen mit Spannung verfolgt und gerne so schnell wie möglich umsetzt. So will er am Puls der Zeit und des Publikums bleiben.

Dafür hat er auch schon einige Ideen für die Zukunft: Er baut darauf, dass sich das Verhältnis zwischen Kinobetreibern und Filmverleihern verändern wird und durch individuellere Vertragsgestaltungen eine größere Vielfalt im Filmprogramm möglich wird. Denn neben Blockbustern, den großen Filmen aus Hollywood, will er auch schneller kleinere Produktionen zeigen. "Ein bis zwei zusätzliche Säle würden der Programmvielfalt gut tun", meint Siersch, der sich über dieses Thema auch Gedanken macht, jedoch noch keine konkreten Pläne dazu hat.

Zukunftssorgen für das Kino hat er jedenfalls nicht. Es sei schon tausend Mal totgesagt worden und sei doch in den letzten Jahren so stark wie noch nie gewesen. "Das Erlebnis Kino mit Filmen auf einer 40-Quadratmeter-Leinwand kann die schönste Technik zuhause nicht hinbekommen - das hat einfach etwas Magisches."

Mangfall-Bote

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