Petö: Einmaliges Schulmodell

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Rohrdorf - Nicht nur die Sonne lachte, auch Kinder, Eltern und Lehrer strahlten in der Grundschule Am Turner Hölzl in Rohrdorf um die Wette. Seit vier Jahren werden dort gesunde und behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet.

"Dieses Integrationsmodell ist deutschlandweit einzigartig", schwärmen Schulrätin Gabriele Maierbacher und Barbara Schall-Pätzholz von der Regierung von Oberbayern. In einem gelungenen Festakt, der die Schüler miteinbezog, wurde jetzt Rückblick auf den Modellversuch "Konduktive Außenklassen des Förderzentrums Aschau in der Grundschule am Turner Hölzl, Rohrdorf" - so der offizielle Projekttitel - gehalten. Und die Bilanz kann sich sehen lassen: "Rohrdorf ist ein einmaliges Projekt, eine Sternstunde", lobt Professor Dr. Reinhard Lelgemann vom Institut für Sonderpädagogik der Universität Würzburg.

Über vier Jahre, von 2005 bis 2009, hatte Lelgemann zusammen mit einigen Studenten das Modellprojekt wissenschaftlich begleitet und bewertet. "Dieses Modell ist ein Erfolg. Es belegt auf beeindruckende Weise, wie es hier gelang, konduktive Praxis innerhalb einer allgemeinen Grundschule zu etablieren", bescheinigt der Fachmann die hohe Kompetenz und gute Zusammenarbeit von Lehrern, Sonderpädagogen und Konduktoren. Mit der "Konduktiven Förderung" werden bei Menschen, die in Folge von Hirnschädigungen an Bewegungsstörungen leiden, bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Entwickelt wurde die Intensiv-Therapie (von lateinisch "conducere" - "zusammenführen" ) vom ungarischen Neurologen Andras Petö.

Auf vehementen Druck betroffener Eltern und dank des Engagements des Fördervereins "Fortschritt" sowie der Bundestagsabgeordneten Daniela Raab, die sich seit der ersten Stunde für das Projekt einsetzt, wurde nach langem bürokratischen Hürdenlauf im Schuljahr 2005/06 die erste Außenklasse in Rohrdorf eingerichtet. Heute werden in der jahrgangsübergreifenden Klasse eins/zwei acht Kinder nach der Petö-Methode gefördert, und in der Kooperationsklasse insgesamt 23 Schüler beschult. In der Klasse drei/vier sind zehn Petö-Kinder, die Kooperationsklasse besuchen 24 Schüler. "Unsere Petö-Kinder haben einen stark rhythmisierten Tag, gemeinsame Schuleinheiten wechseln mit speziellem Bewegungstraining", erklärt Josef Eberl, Sonderschulrektor für Rohrdorf und Aschau. Eine Tageseinrichtung, dessen Träger der Verein "Fortschritt" ist, macht dies möglich.

Auch auf das andere Lerntempo werde Rücksicht genommen. "In einem Schonraum können die Kinder mit Hilfe von Sonderpädagoginnen und Konduktorinnen in Ruhe ihre sprachlichen, kognitiven, motorischen und emotionalen Fähigkeiten trainieren", ergänzt Elmar Kuhn, Geschäftsführer des Förderzentrums Aschau.

Jedes Kind profitiert davon

In den Fächern Musik, Sport, Kunst und vielen freien Projekten werden alle Schüler gemeinsam unterrichtet. "Jedes Kind profitiert davon", betont Schulleiterin Beate Erle. Begeistert seien die Kinder gerade von einer gemeinsamen Lesenacht und einem Aufenthalt im Schullandheim zurückgekehrt. "Alle gehen völlig normal miteinander um", erzählt sie. Dass die Chemie in den kombinierten Klassen stimmt, zeigte auch das vorbereitete Interview, das Behinderte und nicht Behinderte zusammen mit einigen Festgästen führten. Da wurde eifrig nachgefragt und notiert, aber auch gelacht oder es gab einen kleinen Rempler, wenn ein Mitschüler aus der Spur kam. "Das zeigt, dass die Petö-Kinder keinen Sonderstatus genießen und von den anderen aus der Klasse nicht in Watte gepackt werden. Sie gehen vertrauensvoll miteinander um", so Erle.

Gerade dies bewertet auch Lelgemann im Forschungsbericht sehr positiv. "Die soziale Interaktion funktioniert hier, sie ist nichts Aufgesetztes." Behinderte könnten sich so früh an der Wirklichkeit und dem menschlichen Miteinander schulen, machte der Sonderpädagoge deutlich. "Auf diese Weise finden wir am besten den Weg fort vom klassischen Denken, das sich orientiert an einem ausschließlich defizitären Verständnis von Behinderung."

Besonders vorteilhaft bewertet die Studie die enormen Fortschritte, die durch die Konduktive Förderung nach Petö gemacht werden. Die Kinder verbesserten ihre Fein- und Grobmotorik, wobei der schulische Unterricht nicht zu kurz kam. Durch die selbstständige Nutzung von motorischen Hilfsmitteln wie Rollstuhl oder Taxi würden die Kinder schon früh geübt, für sich passende Hilfsmittel selbstverständlich einzusetzen. "Behinderte werden so emotional und sozial sehr selbstständig. Ein riesiger Pluspunkt." Das Lernen im Klassenverband und die Teilnahme am Unterrichtsprozess helfe, sie zu selbstbewussten Menschen, zu "gleichwertigen Partnern" zu machen.

Modell bald auch in der Hauptschule? Dass dies auch weiterhin so bleibt, dafür setzen sich die Eltern ein. "Wir denken bereits über die Grundschule hinaus. Jetzt suchen wir die Kooperation mit einer Hauptschule", so Bettina Brühl vom Elternbeirat "Fortschritt".

Sigrid Knothe/Oberbayerisches Volksblatt 

Nützliche Links zum Thema Petö:

Die Petö-Therapie

Konduktive Therapie durch Petö

Wikipedia: Infantile Zerebralparese

Zusammenfassender Bericht des Unterausschusses "Heil- und Hilfsmittel"

Rubriklistenbild: © dpa

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