Rassistisches Rosenheim: Wallraff rudert zurück

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Rosenheim - In seinem neuen Film „Schwarz auf Weiß“ kommt Rosenheim nicht gut weg: „Fremdenfeindlich!“ Jetzt rudert Enthüllungs-Jounalist Günter Wallraff im Gespräch mit dem OVB zurück.

Lesen Sie hier den Bericht aus dem Oberbayerischen Volksblatt:

Zivilcourage am Tresen

Für den Film "Schwarz auf Weiß" und sein neues Buch schlüpfte Günter Wallraff in die Rolle von "Kwami Ogonno". Als Einwanderer aus Somalia testete er die Fremdenfreundlichkeit der Deutschen - auch in Rosenheim. Die Manipulationsvorwürfe, die im Zusammenhang mit zwei Rosenheimer Szenen erhoben wurden (wir berichteten), wies der Enthüllungsreporter jetzt im Gespräch mit unserer Zeitung zurück. Außerdem komme Rosenheim in dem Film gar nicht so schlecht weg, betont er.

Die Bilder und Worte, die Wallraff in Rosenheim vor einem Nachtlokal und im Ordnungsamt mit versteckter Videokamera einfängt, sind beschämend. "Afrika den Affen, Europa für Weiße", rüffelt der Mann vor dem Lokaleingang Kwami Ogonno, als der Mann aus Somalia wissen will, warum ihm der der Zutritt zur Bar verweigert wird. Und im Ordnungsamt wird dem Afrikaner beim Rauswurf sogar mit der Polizei gedroht, nur weil er sich nach einem Jagdschein erkundigt. Doch die Szenen seien aus dem Zusammenhang gerissen und geschickt manipuliert worden, beteuern die direkt und indirekt Betroffenen. Bei der Lokal-Szene handele es sich gar nicht um den Türsteher, sondern um ein bekanntes Mitglied der rechten Szene, die in der Kneipe Lokalverbot habe, klärt der Wirt auf. Gleichzeitig erklärt der Mitarbeiter der Stadt, er habe lediglich so schroff reagiert und das Beratungsgespräch abgebrochen, weil ihn der unbekannte Mann bestechen und sich den Jagdschein erkaufen wollte.

Wallraff weist die Vorwürfe zurück. Im Film behaupte niemand, dass es sich beim Mann vor der Bar um den Türsteher handelt. Wenn jemand diesen Eindruck habe, wie etwa die Kritikerin von BR online ("der Türsteher in Rosenheim sagt in der ersten Szene knallhart, was Sache ist in Rosenheim"), sei dies nicht beabsichtigt. In der Behörde habe er lediglich wissen wollen, wieviel die Lizenz zum Jagen kostet: "Von Beamtenbestechung kann keine Rede sein." Gleichzeitig verweist Deutschlands bekanntester Undercover-Journalist auf zwei positive Erfahrungen, die er auf seiner Deutschland-Reise in Rosenheim beziehungsweise mit Rosenheimern gemacht hat. Als es eng wird für Kwami Ogonno im Fan-Zug von Dresden nach Cottbus, in dem es vor ausländerfeindlichen und nationalistischen Fußballanhängern nur so wimmelt, befreit den Afrikaner eine junge Polizistin aus Rosenheim aus seiner bedrohlichen Lage. "Mutig", schreibt Wallraff in seinem Buch "Aus der schönen neuen Welt", "denn sie schlägt sich auf meine Seite - sehr bestimmt und mit lauter Stimme." Er müsse zugeben, dass er noch nie so innige Gefühle für Polizeibeamte gehegt habe.

Eine erfreuliche Wendung, die im Film ebenfalls berücksichtigt wird, habe auch ein Kneipenbesuch in Rosenheim genommen. Wallraff: "Ich werde von mehreren Leuten angepöbelt, dann geschieht etwas, womit ich nicht mehr gerechnet habe: Ein Kneipenbesucher weist den Schubser zurecht, und ein zweiter Gast blafft den anderen Krakeeler an, er solle jetzt Ruhe geben, ,aber ganz schnell!' - und dann ist tatsächlich Ruhe. Zivilcourage am Tresen." Danach entwickelt sich ein nettes Gespräch unter Kneipenbesuchern. So etwas habe er in diesem Jahr geliehener schwarzer Identität nur ganz selten erlebt, so Wallraff, der sich gerne mit den Beteiligten in Rosenheim treffen würde. Die Kritik an seiner mangelnden Verwandlungskunst ("eine lächerliche Maskerade") und am klischeehaften Auftreten mit schwarzer Schminke, Afroperücke und braunen Kontaktlinsen, lässt der Pendler zwischen den Welten ebenfalls nicht gelten. Er sei zwölf Monate unterwegs gewesen - und bis auf eine Ausnahme nie erkannt worden

Film kommt bald in die Kinos

Hat die Hauptfigur auf der Suche nach Fremdenfeindlichkeit mit Tricks nachgeholfen (wie von einigen Betroffenen unterstellt), um Stoff für einen sehenswerten Film zu bekommen? Wallraff: "Hätte ich mehr positive Erfahrungen gemacht, wäre es trotzdem ein interessanter, aber anderer Film geworden - mit vielen komischen, überraschenden und menschlich erfrischenden Situationen." Der Film, der in München schon läuft, ist demnächst in den Kinos der Region zu sehen.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

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