Schnauferl, Holzvergaser, Fend-Flitzer

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Ließen die Motorisierung Rosenheims Revue passieren (von links): Fahrschulbesitzer Günter Pongratz, Hans Nickl, Moderator Werner Krämer und der ehemalige Rennleiter Ernst Pauer.

Rosenheim - Bereits 1901 fuhr das erste Automobil über den Max-Josefs-Platz. Besitzer war Dr. Lechleutner, der mit seinem Wartburg durch die Stadt kurvte und für Aufmerksamkeit sorgte. **Video**

"Das Kennzeichen des Fahrzeugs lautete IIB - 901. Die II stand dabei für Oberbayern und 901 für die Anzahl der Automobile, die in Oberbayern zugelassen waren", erklärte Stadtarchivar Tobias Teyke. Am 1. Oktober 2009 waren allein in der Stadt Rosenheim nach Auskunft von Sonja Schotten, Leiterin der Kfz-Zulassungsstelle, 39.931 Fahrzeuge angemeldet, darunter 30.648 Autos.

Ließen die Motorisierung Rosenheims Revue passieren (von links): Fahrschulbesitzer Günter Pongratz, Hans Nickl, Moderator Werner Krämer und der ehemalige Rennleiter Ernst Pauer.

Diese rasante Entwicklung beleuchtete Heimatkundler Werner Krämer bei den 22. Plaudereien im Stadtarchiv. Unter dem Motto "Stinkende Schnauferl und Motorkutschen - Geschichte der Motorisierung in Rosenheim" unterhielt er sich mit seinen Gesprächspartnern Hans Nickl senior, dessen Eltern 1912 mit zu den Automobilpionieren Rosenheims gehörten, Fahrlehrer Günter Pongratz, dessen Vater 1936 die gleichnamige Fahrschule in der Herzog-Heinrich-Straße eröffnete, Fred Neumaier, Urenkel des ersten Rosenheimer Taxiunternehmers, sowie mit Ernst Pauer, ehemaliger Rennleiter des Motorsportclubs Rosenheim.

Schnell wurde deutlich: Rosenheim übernahm in Sachen Motorsport und Motorisierung eine Vorreiterrolle. Während Dr. Lechleutner mit seinem Automobil unterwegs war, düste Ilse Hamberger Anfang des 20. Jahrhunderts als Rosenheims erste Frau mit einem Motorrad durch die Stadt, und Karl Neumaier, auch "Taxi-Charly" genannt, startete 1909 seine Karriere. "Mein Urgroßvater wurde vom Lohndroschkenbesitzer zum Taxiunternehmer. Die Rosenheimer sind aber damals nicht in das Gefährt eingestiegen. Es war ihnen zu teuer. Erst als sich Beamte von einem Termin zum nächsten fahren ließen, wurde das Taxi gesellschaftsfähig", erinnerte sich Neumaier an Berichte seines Opas, der ebenfalls als Taxiunternehmer tätig war.

1912 bekam der Vater von Hans Nickl seinen ersten Daimler-Benz. "Allerdings währte die Freude an dem Fahrzeug nicht lange. 1914 wurde der Wagen von der Armee konfisziert, und angeblich ist er 1916 in Frankreich explodiert", so Nickl. Ihm selbst machten seine Fahr- und Englischkenntnisse seine US-amerikanische Kriegsgefangenschaft "erträglich": "Die Herren Offiziere hatten damals einen Fahrer gesucht, der sie im Jeep zu den Damen im Raum Düsseldorf kutschieren durfte. Das war recht interessant".

Das erste Auto von Werner Krämer war ein Goliath "mit 700er-Motor und 23 PS". Noch gut erinnert sich Krämer an eine abenteuerliche Fahrt mit Braut und Schwiegermutter über den Brenner. Voll beladen hatte der Wagen plötzlich einen Platten - ein Problem, das für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich war. "Das Problem war nie der Motor, sondern immer die Reifen. Damals war der Gummi noch nicht so robust, und die Nägel der Pferdefuhrwerke durchbohrten regelmäßig die Pneus. Daher war bei Fahrten der Kofferraum immer voll mit Reservereifen. Die wurden bei Bedarf schnell aufgezogen."

Bei den zahlreichen Rennen, die im Landkreis Rosenheim stattfanden, war eine Streckenwerkstatt unverzichtbar. Einer der Streckenposten während eines Sudelfeldrennens war Alfred Dickert, damals Lehrling und "Testfahrer" beim Rosenheimer Ingenieur und Erfinder Fritz Fend. Dessen Kabinenroller "Fend-Flitzer", auch bekannt als "Schneewittchensarg", wurde viele Jahre in Rosenheim gefertigt, bevor die Produktion von Messerschmitt übernommen und nach Regensburg verlagert wurde. Dieser Fend-Flitzer war so solide, dass die Streckenwerkstatt nicht benötigt und Dickert auf seinem Posten vergessen wurde. Die Rettung nahte in Person von Günter Pongratz, der den jungen Mann nach Hause brachte.

"Während man sich früher bei kleinen Dingen selber helfen konnte, wird heute bei der Fahrprüfung fast kein Wort mehr über Technik verloren. Das Verhältnis zwischen Fahrzeug und Fahrer hat sich gravierend verändert", bedauert der Fahrschulbesitzer und Autoliebhaber, der Generationen von Rosenheimern durch die Führerscheinprüfung gebracht hat.

Weitere Gesprächsthemen waren Autos und Lastwagen mit Holzvergaser, die, mit kleinen Holzstücken befeuert, nach dem Krieg das Straßenbild prägten. "War das Holz allerdings nicht ganz trocken, hat der Motor fürchterlich gequalmt, und man sah aus wie ein Schornsteinfeger", erinnert sich Krämer.

Besonders begehrt bei den jungen Männern waren natürlich die Schnauferl, Motorräder unterschiedlichster Kubikzahl und Ausstattung. "Ich hab mir schon bald an meine BMW einen Beiwagen anbringen lassen, damit ich die Mädchen zum Tanzen mitnehmen konnte", so Nickl, der mit seiner Maschine nach dem Krieg ohne Nummerntaferl durch Rosenheim gefahren ist. "Die Polizisten hatten damals nur Fahrräder - die haben uns nie erwischt."

csi/Oberbayerisches Volksblatt

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