Gitter und Ausweise sollen es richten

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Gewohntes Bild an den Haltestellen: Von allen Seiten drücken die Schüler, um in den Bus zu gelangen.

Bad Aibling - Große Betroffenheit beim Verkehrsforum im Schulzentrum Bad Aibling: Der Schüler, dessen Fuß im Gedränge von einem Schulbus überfahren worden war, wird lebenslang unter den Folgen leiden.

Das gab Realschulleiterin Ursula Endler-Höhne bekannt. Jetzt soll alles daran gesetzt werden, dass so etwas nicht mehr vorkommt und die Situation an den Haltestellen entschärft wird.

Zuwenig Sitzplätze in zuwenigen Bussen und ungünstige Abfahrtszeiten sowie Disziplinlosigkeit der Schüler und mangelnde Mitwirkung der Eltern waren für die Forumsteilnehmer die Hauptprobleme des täglichen Gedrängels an den Buseinstiegen. Das Geschubse war Ende Oktober auch einem Elfjährigen in Tuntenhauses zum Verhängnis geworden - er war von hinten so stark gegen den Bus gedrückt worden, dass sein Fuß unter einen der Reifen geriet. Laut Endler-Höhne liegt der schwer verletzte Realschüler derzeit auf der Intensivstation der Unfallklinik in Murnau.

Doch dass die Drängelei durch Disziplinierungsmaßnahmen in den Griff zu bekommen sei, bezweifelten die besonnen, aber engagiert argumentierenden Schülervertreter von Gymnasium, Real- und Wirtschaftsschule stark. "Keine Chance", konterten sie jeden diesbezüglichen Vorschlag der Elternbeiräte, Busunternehmer und Lehrer. Zu stark sei die Gruppendynamik, die sich entwickle, wenn der erste Schüler von hinten gegen die vor ihm stehende Menschentraube drücke - da helfe der Verstand gar nichts mehr.

Dennoch soll - so das Ergebnis der zweistündigen Diskussion - noch mehr Aufklärungs- und Präventionsarbeit betrieben werden, darin waren sich die Schulleiter einig. Heuer besuchen rund 3700 Jugendliche das Schulzentrum - der Großteil nutzt die Schulbusse.

Prekäre Situation für Busfahrer bei der Anfahrt: Im unübersichtlichen Pulk warten die Schüler direkt an der Gehsteigkante. Ein Schubser hätte fatale Folgen.

Zwei Lager gibt es offensichtlich, was die vor kurzem montierte sogenannte Einstiegshilfe an einer der Haltestellen im Schulzentrum betrifft: Die Schüler mögen sie überhaupt nicht. Nicht nur, dass die Größeren einfach darüberkletterten - es werde nach wie vor trotzdem gedrängelt, kleinere Kinder würden zu Boden fallen, es entstehe ein Dominoeffekt. "Die Schüler sind sauer, durch das Gitter zu müssen, die Aggressionen werden noch größer", haben die Schülervertreter festgestellt.

Busunternehmer und Lehrer halten die Einstiegshilfen dagegen für eine "Superlösung", durch die sich die Situation "gravierend" gebessert habe. Sie wünschen sich weitere beziehungsweise erheblich längere Gitter: "Das sieht zwar nicht schön aus, aber es dient der Sicherheit."

Dringend verbessert werden müsse jedoch die Ausführung: Runde Bauteile anstelle der derzeit kantigen Stangen, an denen sich bereits Kinder verletzt hätten. Dem Vertreter des Landratsamtes Hans Zagler gab das Forum den dringenden Wunsch nach einem zweiten Gitter in anderer Ausführung zu Testzwecken mit auf den Weg. Dieser versprach sich darum zu kümmern.

Zagler erklärte ebenso wie die Busunternehmer und Franz Polland vom Regionalverkehr Oberbayern (RVO), dass es aus organisatorischen und finanziellen Gründen utopisch sei, für jeden Schüler (für 10.000 ist der Landkreis zuständig) einen Sitzplatz bereitzustellen. Gefordert hatte dies Werner Fiebig, Direktor des Gymnasiums, mit Blick auf andere Länder, in denen das üblich sei.

Busunternehmer Lossinger meldete zudem erhebliche Zweifel an, dass sich dadurch etwas ändere. Wenn er morgens mit leerem Bus eine Haltestelle anfahre, sei das Gedränge ebenfalls massiv - "obwohl jeder Schüler weiß, dass er sicher einen Sitzplatz bekommt." Sein Kollege Max Hollinger wies darauf hin, dass man ohnehin schon Vestärkerbusse einsetze, wo immer es möglich sei.

Einen Lösungsansatz formulierte der Moderator des Gesprächs, Lehrer Guido Hüsgen, bezugnehmend auf Vorschläge aus der Runde. Die Schülervertreter wünschten sich, dass einige Busse bereits vor Schulschluss an den Haltepunkten stehen, damit die Schüler nach und nach einsteigen könnten. Dies sei weniger problematisch als wenn eine ganze Menschentraube auf einen einfahrenden Bus warte.

Werner Fiebig schlug am Beispiel der insgesamt drei nach Kolbermoor fahrenden Busse eine weitere Entzerrung vor: Jeder Bus solle nur an bestimmten Haltestellen stoppen. Wenn der erste Bus also beispielsweise an der Haltestelle Kolbermoorer Königsseestraße vorbeifahre, der zweite jedoch prinzipiell dort halte, würden sich die Schüler automatisch auf die für sie "praktischsten" Busse aufteilen.

Ursula Endler-Höhne konnte sich auch vorstellen, die Fahrausweise der Schüler prinzipiell mit Aufklebern zu markieren, die nur zur Mitfahrt in einem bestimmten Bus berechtigten. Beide Möglichkeiten sollen bis zum nächsten Treffen des Forums abgeklärt werden.

Deutlicher in die Pflicht nehmen wollen alle Beteiligten die Eltern. Vor allem aus Reihen der Schüler wurde der Wunsch laut, dass mehr Mütter und Väter vor allem morgens an den Haltestellen nach dem Rechten sehen. Sie haben das Gefühl, dass dann - ebenso wie mittags, wenn Lehrer die Aufsicht übernehmen - alles geordneter über die Bühne gehe.

Hier sicherten die Vertreter der Elternbeiräte zu, abzuklären, ob seitens der Eltern eine Bereitschaft dazu bestehe. "Wenn die Eltern da nicht konsequent mitmachen, dann sollen sie nichts mehr zu diesem Thema sagen dürfen", verliehen die Schülersprecher der Forderung Nachdruck. Und auch wenn die Zuständigen wenig Hoffnung machten: Schüler, Eltern und Lehrer baten dringend noch einmal zu prüfen, ob nicht doch mehr Busse eingesetzt werden könnten. "Auch wenn es viel kostet, die Sicherheit der Kinder muss Vorrang haben."

Statistik der Schulwegunfälle

Zahlen zu Schulwegunfällen hatte Bad Aiblings stellvertretender Polizeichef Thomas Adami parat. 2007 verzeichnete die Inspektion zehn, 2008 neun und 2009 sechs Unfälle, davon keiner an einer Schulbushaltestelle. In diesem Jahr waren es bisher acht Unfälle, darunter der Besagte in Tuntenhausen an der Bushaltestelle. Die Ermittlungen dazu dauern noch an. Sechs der anderen Unfälle hätten die Schüler selbst verschuldet. Beim siebten sei ein Schüler hinter einem Bus auf die Straße und dort in ein Auto gelaufen, das zu schnell am Bus vorbei gefahren war.

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