Festnahme auf Ungarisch

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Kaum zu glauben: Auf beiden Fotos ist ein und der selbe Mann zu sehen. Rainer G. will nach seinem Erlebnis mit ungarischen Polizeibehörden derzeit nur noch zurück nach Deutschland.

Bad Aibling - Bis zur Unkenntlichkeit verprügelt, zwei ausgeschlagene Schneidezähne und eine nach drei Tagen immer noch blutende Nase - mit solch einem Ende seines Weihnachtsausfluges hatte der Aiblinger Rainer G. nicht gerechnet.

Das Sprechen fällt dem 54-Jährigen hörbar schwer, als er dem Mangfall-Boten von dem Übergriff durch Polizisten in seiner Wahlheimat Ungarn berichtet, der in einer kalten Arrestzelle bei "Wasser ohne Brot" endete.

Alles begann mit einer, wie Rainer G. selbst einräumt, großen Dummheit. Als er in Baja an der Donau in eine Polizeikontrolle geriet, fuhr er einfach weiter - absichtlich. Denn zuvor war er an der Grenze zu Serbien wieder umgekehrt: "Dort hatte ich meine Papiere vorgezeigt: Doch als man mich immer länger warten ließ, bekam ich es mit der Angst zu tun." Im Nachhinein sei ihm klar, dass er sich durch dieses Verhalten erst recht verdächtig gemacht habe.

Nachdem er dann die Kontrollstelle im Inland ignorierte, nahmen die Polizisten die Verfolgung auf. Als sie ihn nach längerer Fahrt stellten, spielten sich heftige Szenen ab: "Ein Polizist schlug das Fahrerfenster ein - es zerbrach in tausend Stücke, einige davon landeten in meinem Gesicht. Dann schlug bei mir der Blitz ein. Mehr weiß ich nicht."

Als er wieder zu sich gekommen sei, sei er am Straßenrand im Dreck gelegen, erinnert sich der Autor und Musiker, der bis vor einigen Jahren in Bad Aibling lebte. In diesem Moment habe er realisiert, dass er grün und blau geprügelt worden ist.

"Zwei gezielte Schläge auf beide Jochbeine, ein kräftiger Hieb auf die Nasenwurzel, eine Beule am Hinterkopf und ein Schlag auf das Kinn, der mich zwei Schneidezähne gekostet hat. Dazu starke Blutergüsse, die wohl von Fußtritten stammen", zählt G. die Verletzungen auf, die bei der anschließenden ärztlichen Notversorgung dokumentiert wurden. Auch beim Röntgen habe man die Handschellen nicht abgenommen (auch in Deutschland nicht unüblich, wenn von massive Gegenwehr oder Gefahr ausgegangen wird. Anm. d. Red.).

In nasser Kleidung - trockenen Ersatz aus seinem Kofferraum habe man ihm verwehrt - verbrachte er den Rest der Nacht in einer nur mit einer Holzbank ausgestatteten kalten Zelle. "In 14 Stunden bekam ich nichts zu essen und nur zwei Gläser Wasser."

Das Verhör am nächsten Tag beschreibt Rainer G. als ordentlich, Dolmetscher und Verteidigerin seien gestellt worden. Er selbst habe seine Flucht und sein verkehrsgefährdendes Verhalten zugegeben, die Polizisten ihrerseits hätten die weiteren Geschehnisse inklusive der Schläge eingeräumt. Sein (abgeschlepptes) Auto habe man mittels Drogenhund durchsucht. Das Ergebnis sei ebenso negativ ausgefallen wie die Alkohol- und Drogentests bei G. selbst.

"Daraufhin wurde ich wegen verkehrsgefährdenden Verhaltens angeklagt", so der Aiblinger. Ob die massive Gewaltanwendung angesichts der Schwere seiner Tat denn nötig gewesen sei, fragte er den Dolmetscher, der zwar nur mit den Achseln gezuckt, ihn aber zumindest auf die Möglichkeit einer Beschwerde hingewiesen habe.

Diese Beschwerde ersparte Rainer G. immerhin eine weitere Nacht in der Zelle, denn mittags habe ihm der Chef-Ermittler erklärt, die Staatsanwaltschaft habe entschieden, dass er sofort frei zu lassen sei. Gründe seien ihm nicht genannt worden. Keine Rede mehr von der "saftigen Geldstrafe", die ihm laut seiner Verteidigerin drohte, und auch keine Konsequenzen für das verkehrsgefährdende Verhalten, das Rainer G. eingeräumt hatte.

Neben seinem Geld habe man ihm auch Papiere übergeben, mit denen er laut Polizei "legal aus Ungarn ausreisen" dürfe. Man habe ihm noch geholfen, das lädierte Auto zu starten, als es nicht mehr ansprang, bevor er sich langsam zurück zu seinem Haus am Balaton machte.

Dort versucht er, wie er unserer Zeitung gestern am Telefon schilderte, wieder auf die Beine zu kommen und für das zerstörte Fenster seines Autos einen Ersatz zu besorgen. Dann will G. seinem Haus und Ungarn den Rücken kehren: "Ich bleibe keine Sekunde länger als nötig hier."

G.s Schilderungen des Hergangs decken sich weitgehend mit denen der Polizei in Baja, wie Konsulin Dr. Edit Masika vom ungarischen Generalkonsulat in München auf Anfrage mitteilte. Es liege jedoch auf der Hand, dass sich der Deutsche sehr verdächtig gemacht habe, als er ohne seine Papiere von der Grenze davongebraust sei und eine weitere Kontrolle ignoriert habe. Es gebe Fälle, in denen Flüchtige Drogen aus dem Auto werfen würden und so hinterher "sauber" dastünden.

Körperliche Verletzungen wiederum könnten bei einer Festnahme vorkommen, wenn ein Verdächtiger heftige Gegenwehr leiste - sowohl in Deutschland als auch in Ungarn, wie der Rosenheimer Polizeisprecher Franz Sommerauer und Dr. Masika gestern einhellig erklärten. Ob in dem Ausmaß wie bei G. geschehen, vermochten sie ohne nähere Kenntnisse des Falls nicht sagen. Rainer G. beteuert, nicht einmal eine Chance zur Gegenwehr gehabt zu haben.

Warum er letztlich einfach gehen konnte, bleibt vorerst ungeklärt. "Dies bedeutet nicht, dass nicht mehr ermittelt wird", meinte die Konsulin.

Eva Langwieder/Mangfall-Bote

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