Spielsucht wird für immer mehr zum Problem

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Kolbermoor - Spielen und Sucht, gehört das zusammen? Können Glücksspiele süchtig machen? Ja, behauptete die Referentin Angelika Schmedding von der Fachambulanz für Suchterkrankungen des Diakonischen Werks Rosenheim.

Sie war auf Einladung der Kolbermoorer Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (afa) in der Evangelischen Kirche ins örtliche Gemeindehaus gekommen um zum Thema "Glücksspiel-Sucht - gibt es Auswege?" zu informieren.

Eingangs nannte Angelika Schmedding die Zahl von rund 50.000 in Bayern lebenden Menschen, welche sich als glücksspielabhängig bezeichneten. Jedoch sei eine stark ansteigende Tendenz dieser Gruppe derzeit festzustellen, was durch zunehmenden Gesprächsbedarf auch in der Rosenheimer Fachambulanz auffalle. Dem immer dichter werdenden Netz von Spielotheken und Spielhallen stehe sie deshalb sehr kritisch gegenüber.

In diesem Zusammenhang verwies die Referentin auf die seit Februar 2010 laufende Kampagne der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern "Verspiel nicht dein Leben", an der auch das Diakonische Werk Rosenheim beteiligt sei. Dort könnten sich Betroffene anonym und kostenfrei beraten lassen.

Angelika Schmedding sprach frei und ihre Erläuterungen waren spannende Erfahrungsberichte aus mehrjähriger Praxisarbeit. Sie informierte darüber, dass es nicht nur substanzgebundene Suchten wie bei Nikotin, Alkohol, Drogen oder Medikamenten, sondern auch Abhängigkeiten von süchtig machenden Tätigkeiten wie dem "Glücksspiel" gäbe.

Nicht jeder, der spiele, müsse sich jedoch Sorgen machen in ein Suchtverhalten zu gleiten. Manche Spiele jedoch bergen eine ernsthafte Gefahr des Abhängigwerdens in sich. Als Beispiele nannte sie das Spiel an Geldautomaten, Karten- und Würfelspiele oder Wetten, bei denen um Geld gespielt werde und der Erfolg nicht von Geschick und Können abhänge, sondern vom Zufall. So sei für 80 Prozent ihrer Klienten der Einstieg in die Sucht, der Geldspielautomat gewesen.

Nach Meinung der Suchttherapeutin gehe es für die meisten Abhängigen nicht um den finanziellen Gewinn beim Spielen, sondern rein um den emotionalen Kick während des Spielverlaufs. Sei ein Weiterspielen nicht mehr möglich, beginne ein Absturz in Schuldgefühle, Selbstverachtung, Depression und Suizidgedanken, die wiederum suchtverstärkend wirkten. Das soziale und berufliche Umfeld trete dann zusehends in den Hintergrund - mit finanziellen und psychosozialen Folgeschäden.

Als Gründe für Spielsucht nannte die Suchtexpertin erste positive Glücksspielerfahrung (zufälliger hoher Gewinn), Integrationsprobleme, akute Lebenskrisen, emotionale Kälte, Minderwertigkeitskomplexe oder Fremdheitsgefühle. So kämen in ihre Rosenheimer Praxis häufig auch Menschen mit Migrationshintergrund welche über die Spielsucht beispielsweise Kriegserlebnisse, Existenzkrisen und Heimatverlust "überspielen" möchten.

Entsprechend ihrer langjährigen Erfahrung bezeichnete Angelika Schmedding Spielsüchtige als vorwiegend intelligente, temperamentvolle und charismatische Menschen. Vorrangig bei jeder Therapie sei es, die Auslöser der Sucht zu erkennen und zu bearbeiten. Die Therapeutin konnte belegen, dass sie in ihrer Praxis kaum Therapie abbrechende Klienten habe. Die Abbrecher-Quote läge bei 15 Prozent im Gegensatz zu 50 Prozent im Landesdurchschnitt. Sie führt dies zurück auf ein lebhaftes, vielschichtiges und vertrauensvolles Teamwork von Spielsüchtigen, deren Angehörigen und einer nachhaltigen Selbsthilfegruppenarbeit.

Ingrid Herberholz, die souverän durch den Diskussionsabend geführt hatte, bedankte sich bei Angelika Schmedding mit einem Präsent für die aufschlussreichen Informationen.

ale/Mangfall-Bote

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