Die Stunde der Retter

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Die angehörigen des verstorbenen Ehepaares Melanie und Helmut Hochreiter mit Karin und Horst Seehofer (von links): Melanies Bruder, ihr Vater Willy Riecke, Karin und Horst Seehofer sowie Elisabeth und Vinzenz Hochreiter, die Eltern von Helmut Hochreiter.

München - Es war eine ergreifende Stunde: Dienstagnachmittag ehrte Ministerpräsident Horst Seehofer im Prinz-Carl-Palais in München die acht Retter des Mangfall-Dramas vom Juni. *Video*

Wie sehen Helden aus? Darauf gibt es sicher keine einfache Antwort. Doch eines ist Helden wohl gemeinsam: Es sind auf den ersten Blick ganz normale, freundliche, vielleicht sogar ein bisschen zurückhaltende Persönlichkeiten. Diesen Eindruck erwecken zumindest die Menschen, die am Dienstagnachmittag im Prinz-Carl-Palais zusammenkommen sind.

Ehrung der Mangfall-Retter

Und obwohl der Ausdruck "Helden" nicht fällt, ist klar, dass sie solche sind: "Mutig, tapfer und mit gelebter Nächstenliebe", so formuliert es Ministerpräsident Horst Seehofer in seiner Rede, sind sie füreinander eingestanden, haben sich gegenseitig das Leben gerettet. Obwohl sie sich vorher gar nicht oder bestenfalls vom Sehen kannten. In einer bislang nie da gewesenen Aktion haben diese Menschen erst ein Kind und dann sich gegenseitig aus den Fluten der Mangfall gerettet. Zwei dieser Menschen, Melanie und Helmut Hochreiter, bezahlen für ihre gute Tat mit dem eigenen Leben. Die anderen kamen zum Glück heil davon.

Sie ehrte der Ministerpräsident nun mit der Bayerischen Rettungsmedaille beziehungsweise der Christopherus-Medaille. Zum ersten Mal in der über 50-jährigen Geschichte fand diese Ehrung als Einzel-Akt statt. Normalerweise versammelt die Staatskanzlei die zu Ehrenden aus einem ganzen Jahr an einem gemeinsamen Termin. Für den Bad Aiblinger Fall aber gab es auf Betreiben des Ministerpräsidenten eine Ausnahme. Möglich gemacht hatten dies rund 1700 Leserinnen und Leser von OVB und rosenheim24.de, die mit ihren Unterschriften einen Orden für die Retter des Mangfall-Dramas gefordert hatten.

Am schwersten hatten es die Angehörigen von Melanie und Helmut Hochreiter. Die Auszeichnung für Melanie nahmen ihr Vater Willy Riecke und sein Sohn entgegen. Für Helmut Hochreiter waren seine Eltern Elisabeth und Vinzenz Hochreiter von Erlstätt am Chiemsee nach München gekommen. "Es so schwer, das alles hier", sagte Elisabeth Hochreiter und kämpfte mit den Tränen. Die Freude über die Ehrung für ihren tapferen Sohn und seine ebenso tapfere Ehefrau können den Schmerz über den Verlust in keiner Weise lindern. Aber wichtig ist sie doch.

"Menschen wie Sie und die beiden Verstorbenen sind Vorbilder für unsere Gesellschaft. Sie leben uns vor, eine Kultur des Hinsehens, der Rücksichtnahme und der Achtsamkeit; ein aufmerksames Miteinander, das den anderen Menschen im Blick hat." So beschreibt es Horst Seehofer in seiner kurzen Ansprache.

Dann folgt die Übergabe der Medaillen. Zuerst an die Familien von Melanie und Helmut Hochreiter, dann an das Ehepaar Christina und Josef Holzmair. Auch für Christina Holzmair ist der Moment schwer zu ertragen: "Jetzt kommen wieder die Bilder hoch, wie es gewesen ist." Sie ringt um Fassung, als sie das sagt.

"Wie es gewesen ist", hatte der Protokollchef der Staatskanzlei zuvor nüchtern und sachlich verlesen: Erst stürzen die Buben Sebastian (12) und Vincent (13) beim Spielen in die Mangfall. Vincent kann sich aus eigener Kraft retten, er ruft das Ehepaar Holzmair zu Hilfe, das eben vorbei radelt. Helmut Hochreiter will ebenfalls helfen. Er springt ins Wasser, als er untergeht, stürzt ihm seine Frau Melanie hinterher. Josef Holzmair fasst währenddessen den kleinen Sebastian, zieht ihn an Land. Auch Melanie kann aus dem Wasser gezogen werden. Ihr Mann Helmut treibt weiter in der Mangfall. Etwa 100 Meter weiter spürt ihn der Hund von Anton Faltlhauser auf - zufällig ein ausgebildeter Rettungshund.

Faltlhauser will Gerit Wagner und dessen Freundin um ein Handy bitten, um den Notruf zu wählen. Noch ehe er es verhindern kann, stürzt sich Gerit (20) ins Wasser. Er geht ebenfalls unter. Am Ende kann Faltlhauser den Abiturienten noch herausziehen. Aber er atmet nicht mehr. Dann aber gelingt dem ausgebildeten Sanitäter ein Glanzstück: Er reanimiert Gerit Wagner und er holt mit Hilfe der beiden anderen Passanten Stefan Brehm und Herbert Spitzka sogar Melanie Hochreiter ins Leben zurück. Doch leider nur für kurze Zeit. Die junge Frau stirbt zwei Tage später im Krankenhaus.

So ist es also gewesen. Gerit Wagner und Anton Faltlhauser stehen im Prinz-Carl-Palais Seite an Seite. Der Ältere strahlt den Jüngeren an: "Es ist meine grösste Belohnung, dass du lebst", sagt Faltlhauser zu Gerit. In den ersten Tagen hatte er sich Vorwürfe gemacht, dass Gerit ins Wasser gesprungen war. Die Walze dort war gefährlich. Falthauser hatte das gewusst. Doch Gerits Wunsch zu helfen, hatte ihm keine Zeit gelassen, ihn aufzuhalten.

Der 20-Jährige, der in ein paar Tagen sein Studium der Wirtschaftsinformatik beginnen wird, ist leicht verlegen. Er kann sich an nichts mehr erinnern: "Ich weiss aus Erzählungen, was zehn Minuten vor dem Vorfall am Montag war. Dann bin ich erst am Mittwoch früh wieder aufgewacht." Gerit war in ein künstliches Koma versetzt worden, damit sich sein Körper erholen konnte.

"Ich denke, die Ehrung ist jetzt ein schöner, ein guter Abschluss für alles", sagt sein Vater. Er und seine Frau seien nur froh, dass es Herr Faltlhauser gebe. "Sonst hätten wir jetzt kein Kind mehr."

Diesen Trost haben die Familien von Melanie und Helmut Hochreiter nicht. Ihre Kinder sind tot. Eine Ehrung kann daran nichts ändern. Aber durch sie wissen die Familien, dass sich ganz Bayern vor der heldenhaften, selbstlosen Tat ihrer Kinder verneigt. Horst Seehofer bringt es stelllvertretend auf den Punkt: "Sie, verehrte Lebensretterinnen und Lebensretter, erfüllen die Werte mit Leben, auf denen unsere Gesellschaft ruht: Werte wie Verantwortung und Solidarität, Mitmenschlichkeit und die die Bereitschaft füreinander einzustehen. Dafür kann der Staat nur danke sagen: Vergelt`s Gott!"

Carmen Krippl/rosenheim24.de

Unser Dossier zum dramatischen Fall:

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