BAP rockte Mühldorf

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Wolfgang Niedecken und BAP rockten Mühldorf.

Mühldorf - Vorfreude gehört nunmal zu einem richtigen Familientreffen dazu. Zum Beispiel bei Mike Toole vom Mühldorfer Sommerfestivalteam, der so richtig glücklich ist, weil die großen Gäste aus dem entfernten Köln so unkompliziert und nett sind.

Oder bei den beiden Herren in der ersten Reihe, die darauf warten, ihre Fußballfanschals auf die Bühne werfen zu dürfen; oder bei den übrigen gut 600 und damit deutlich zu wenigen Zuhörer, weil sie BAP auf der Bühne erleben dürfen. Manche zum ersten Mal - eigentlich unvorstellbar!

Nicht dabei ist die neunköpfige Familie aus Norwegen, die seit Jahren aus dem hohen Norden die Kölner Rockband verfolgt und beim Konzert in Meersburg endlich BAP hören kann. Ihren Sommerurlaub haben die Norweger nach dem BAP-Tourplan ausgerichtet, die Band übt für sie in Mühldorf ein Stück, das eigentlich nicht auf dem Programm steht. Als BAP-Chef Wolfgang Niedecken diese Geschichte erzählt, hat er längst die Schals vom FC Barcelona und Real Madrid um den Hals, die die beiden Herren aus Reihe eins zu "Röver noh Tanger" auf die Bühne geworfen haben. Der Bandleader bedankt sich freundlich und etwas ironisch dafür, dass die Gäste seit 35 Jahren so täten, als verstünden sie ihn. Zum Dank dürfen sie der Band den "Wellenreiter" vorsingen.

"Das hat noch immer geklappt", in Köln genauso wie in Osnabrück - oder eben in Oberbayern. Davor die "Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau", eines der frechsten und ältesten Lieder von BAP, frisch intoniert und noch immer witzig. Wesentlich mehr Respekt bringt Niedecken der Mühldorferin Isabella Zentner und ihrem Hutladen entgegen, den er beim Spaziergang unter den Arkaden entdeckt hat. Er schwärmt vom vielfältigen Angebot, den tollen Hüten. Leider sei das Geschäft geschlossen gewesen, klagt der Panamahutträger, wie gerne hätte er mit der Modistin gesprochen, sie seiner Menschensammlung hinzugefügt, wie so viele andere, denen er in seinen Liedern Alltagsdenkmäler setzt. Auch "Diego Paz", dem 19-jährigen Soldaten, der im Falklandkrieg sein Leben lässt. Es ist eine der neuen und doch klassischen Niedeckengeschichten über Menschen, die mit ihrem Leben für die Irrungen und Wirrungen der Weltläufte haften müssen. Die Musik dazu ist hart, changiert von ZZ Top zu Metallica, vor allem dank des Gitarrenriffs von Helmut Krummiga. Der wechselt die Gitarren weit häufiger als andere Menschen ihre Unterwäsche, manchmal ist sein Spiel auf einem der Dutzend Instrumente maniriert. Ein Besessener, der den BAP-Sound der letzten zehn Jahre geprägt und rockiger gemacht hat.

Niedecken, inzwischen 58 und seit fast 35 Jahren mit BAP unterwegs, spielt in Mühldorf keine Greatest-Hits-Tour. 29 Stücke stehen auf dem Programm, darunter die apokalyptisch dargebotenen "Kristallnaach" und "Bahnhofskino", dazu "Rääts un links vom Bahndamm" und ein sensationeller Mix aus Bob Dylans "Hurricane" und dem alten Kriegsdienstverweigererlied "Stell dir vür" mit Anne de Wolf an der Geige. Es erklingen viele Stücke aus den letzten Jahren, vor allem aus dem "Radio Pandora"-Album", auch das Erstklassige: "Musik, die nit stührt". Aber Niedecken wäre nicht Niedecken, hielte er nicht während des Familienfests plötzlich inne und erzählte von einer Reise ins Bürgerkriegsland Uganda. Von Kindern, die ihre Eltern töten müssen, Mädchen, die als Sexbeute an Kriegsherren gehen. Ihnen widmet er "Noh Gulu" und ruft zur Hilfe auf, Infos gibt es an einem Stand in der Ecke des Innenhofs. Ein klassisches Familienfest halt: Partystimmung, Gedanken an Menschen in Not, Erinnerung an ehemalige Bandmitglieder und Verstorbene, den Vater. Dann nimmt der Abend wieder Fahrt auf, neigt sich dem Ende zu, natürlich mit dem unsterblichen "Verdamp lang her".

Die Band geht von der Bühne. Die Zuschauer bleiben. Sie wissen: Nach kaum zwei Stunden endet ein BAP-Konzert nicht. Niemals. Nicht Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts im Kölner Clodwigseck, nicht in den 80ern in der Hinterlandhalle in Dautphetal, nicht in den 90ern in Innsbruck und nicht heute in Mühldorf. Die Kapelle kehrt zurück, zunächst Niedecken allein mit Mundharmonika, später neben Gitarrist Krummiga und Geigerin de Wolf auch Werner Kopal (Bass), Michael Nass (Keybords) und Jürgen Zöller (Schlagzeug). Sie gehen erneut, sie kommen wieder. "Du kanns zaubre", "Sonx sinn Dräume - Lieder sind Träume." Das Licht auf der Bühne geht aus, es ist viertel nach elf, mehr als drei Stunden Familientreffen sind um. "Ich habe nix verstanden", sagt ein Gast. "Aber es war toll." Er ist glücklich.

 

BAP - live - Verdammt lang her - 1982

Zurück zur Übersicht: Mangfalltal

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser