"Regieren würden wir schon gern"

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Rosenheim - "Die bayerischen Grünen haben inzwischen einen hohen Grad an Professionalität erreicht", sagt Theresa Schopper, die Landesvorsitzende jener Partei, die im Raum Rosenheim drauf und dran ist, der SPD den Rang als zweite politische Kraft abzulaufen. ** Video**

Das mit der Professionalität mag man ihr glauben oder nicht - eines zeigt ihr Besuch in der OVB-Redaktion wieder einmal: Die Zeiten der ideologischen Verbissenheit sind bei den Grünen längst vorbei.

Sogar Reizthemen wie dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr begegnet Schopper entspannt, pragmatisch und parolenfrei. "Trotz aller Streitigkeiten", sagt sie, "muss sich Deutschland innerhalb der EU und der NATO an Auslandseinsätzen beteiligen. Dieser Verantwortung stellen wir uns." Worte, wie sie noch vor Jahren - aus dem Mund eines führenden Grünen-Politikers gesprochen - undenkbar gewesen wären. Ebenso wie der ungewöhnliche Vorstoß eines renommierten Wirtschaftsmagazins wie der "Financial Times Deutschland", das im Vorfeld der Europawahl 2009 ein Kreuz bei den Grünen empfahl, weil sich "die öko-Partei als marktfreundlicher Innovationsmotor gebe".

Kein Wunder, dass die Grünen neuneinhalb Wochen vor der Bundestagswahl als gefragter Koalitionspartner gelten. "Regieren würden wir schon gern", gibt die gebürtige Füssenerin zu. "Aber wir sind nicht auf Brautschau. Die Avancen fanden wir amüsant, sie haben uns jedoch nicht liebestoll gemacht." Die dritte politische Kraft in Deutschland werden, Schwarz-Gelb verhindern und die Große Koalition beenden - das sei die Zielsetzung für die Wahl am 27. September.

Eine Zusammenarbeit mit den Linken kann sich die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag aber schwer vorstellen: "Die Linken verteilen Freibier für alle, haben aber keinen Wirt, der sie bezahlt - das ist unglaubwürdig."

Im Raum Rosenheim haben die Grünen die SPD in manchen Kommunen schon von Platz zwei verdrängt. Auch das schien vor zehn Jahren kaum vorstellbar. Woran liegt das? Während die Grünen ihr Stadtpartei-Image abgestreift hätten, habe die SPD als Verlierer der Großen Koalition ihren Markenkern eingebüßt, analysiert Schopper, die seit 2003 Landesvorsitzende der Grünen ist und sich dieses Amt seit 2008 mit Dieter Janecek teilt. "Die Grünen sind in der ökologie führend, die SPD ist nirgendwo mehr führend - weder in der Bildungs- noch in der Sozialpolitik." Die Attacken der Linken und das teilweise zerrüttete Verhältnis zu den Gewerkschaften machten es den Sozialdemokraten zusätzlich schwer, so Schopper, die mit Anna Rutz, der Direktkandidatin der Grünen für den Bundestag im Wahlkreis Rosenheim, zum Redaktionsgespräch ins OVB-Medienhaus gekommen war.

Gerade in Zeiten der Finanzkrise schlage die Stunde einer nachhaltigen grünen Wirtschaftspolitik. "Wir müssen die erneuerbaren Energien vorantreiben, durch Innovationen neue Arbeitsplätze schaffen und andere Autos mit neuen Technologien bauen - sonst erleidet der Autostandort Bayern ein ähnliches Schicksal wie Grundig in Nürnberg", warnt Schopper.

In der Bildung plädiert die verheiratete Mutter von zwei Töchtern für mehr individuelle Förderung und weniger Auslesedruck durch eine gemeinsame Schulzeit von neun Jahren - allerdings in einer Form, die mit den gescheiterten Gesamtschulmodellen vergangener Tage wenig gemeinsam hat.

Trotz zunehmender Kritik von Natur- und Tierschützern an Windkraftwerken setzt die 48-Jährige weiter auf die Windenergie. "In Bayern gibt es noch rund 1000 ungenutzte und geeignete Standorte für Windkraftanlagen."

Auch an der wachsenden Zahl von Maisfeldern, die zu Biogaslieferanten werden, stört sie sich nicht - "solange die Böden nicht überdüngt werden". Sie sei froh, dass sich die Bauern durch ihre Existenz als Energiewirte ein zweites oder drittes Standbein erschließen können. Vor dem Hintergrund von Hungersnöten und der wachsenden Weltbevölkerung müsse in der Landwirtschaft allerdings der Grundsatz gelten: "Das Essen kommt zuerst."

Dass die Landwirte im Gegensatz zu anderen Branchen auf EU-Subventionen bauen können, empfindet Schopper, die ein Diplom für Kriminologie, Soziologie und Psychologie in der Tasche hat, nicht als ungerecht. "Auch wenn mir ein Bekannter, der Landwirt ist, erzählt hat, dass es für ihn schlimmere finanzielle Folgen hat, wenn er in Brüssel einen Antrag nicht rechtzeitig einreicht, als wenn er ein Jahr seine Kühe nicht melken würde."

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © cs

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