Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Flächenfraß

„Höfe werden sterben“: Bauernverband kämpft gegen oberirdische Brenner-Nordzulauf-Trasse

Die Brenner-Nordzulauf-Trasse würde auch die Weiden von Biobauer Kendlinger vernichten. Die Landwirte zeigen das Ausmaß des Flächenfraßes am Beispiel von Ostermünchen: (von rechts) Ralf Huber, Josef Bodmaier, Sebastian Kendlinger, Augustin Hartl, Hans Baumgartner, Alfons Kirchmaier, Nikolaus Bartl, Evi Zehetmeier, Theresa Huber, Jakob Zehetmeier und Thomas Huber.
+
Die Brenner-Nordzulauf-Trasse würde auch die Weiden von Biobauer Kendlinger vernichten. Die Landwirte zeigen das Ausmaß des Flächenfraßes am Beispiel von Ostermünchen: (von rechts) Ralf Huber, Josef Bodmaier, Sebastian Kendlinger, Augustin Hartl, Hans Baumgartner, Alfons Kirchmaier, Nikolaus Bartl, Evi Zehetmeier, Theresa Huber, Jakob Zehetmeier und Thomas Huber.

„Der Protest gegen den Brenner-Nordzulauf muss von einer breiten Bevölkerung getragen werden. Wir brauchen ihre Solidarität, um politischen Druck gegen das Projekt aufzubauen“, betont Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bauernverbandes. Am Donnerstag, 20. Januar, hatte er den oberbayerischen Bauernpräsidenten Ralf Huber nach Ostermünchen eingeladen, denn hier werden die Auswirkungen der geplanten Trasse besonders deutlich.

Ostermünchen – Die Gemeinde Tuntenhausen wäre von der Neubaustrecke, einer geplanten fünfgleisigen Verknüpfungsstelle und einem neuen Bahnhof enorm betroffen. „Wir müssen uns gegen den steigenden Flächenverbrauch starkmachen“, betont Huber. Es reiche nicht aus, allein im Bauwesen auf Nachverdichtung zu setzen. „Und hier zerstört man eine Landwirtschaft, die sich jeder wünscht“, kritisiert der oberbayerische Bauernpräsident, der einen ökologischen Ackerbaubetrieb in Oberallershausen bewirtschaftet.

Der oberbayerische Bauernpräsident Ralf Huber (links) im Gespräch mit Hans Baumgartner, Bio-Bauer und Chef der Bürgerinitiative gegen den Brenner-Nordzulauf.

Viele Bauern werden aufgeben

„Wenn der Brenner kommt, gehen hochwertige landwirtschaftliche Acker- und Grünflächen verloren. Dann werden Höfe sterben“, sagt Hans Baumgartner, Biolandwirt aus Berg und Vorsitzender der Bürgerinitiative gegen den Brenner-Nordzulauf von Tuntenhausen und Ostermünchen.

Die Zahl der bayerischen Bauern schrumpft schon jetzt unaufhaltsam: Ende 2020 gab es nach Angaben des Statistischen Landesamtes 84 600 Höfe, zehn Jahre zuvor waren es noch über 100 000. „Pro Jahr geben in Bayern ein bis zwei Prozent der Landwirte auf“, verdeutlicht Bodmaier.

Auf den Höfen von Aubenhausen über Brettschleipfen, Berg, Stetten und Ostermünchen bis nach Weiching wächst gerade die nächste Generation an Landwirten heran. Die Höfe sind schon über 500 Jahre alt und gehören zur Kulturlandschaft.

Viele Bauern haben schon vor etwa 35 Jahren auf Biolandwirtschaft umgestellt – so wie die Familie Kendlinger aus Stetten. Mit dem Brenner gehen ihre Weideflächen verloren: für eine fünftrassige Strecke und den neuen Bahnhof. Der Austrieb der Tiere wäre nicht mehr möglich. „Dann ist es aus mit Bio“, sagt Kendlinger.

Nikolaus Bartl aus Berg geht es ähnlich. Im Ort fehlt der Platz zum Expandieren. Um seine Bio-Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen, wollte er einen neuen Laufstall bauen. Die Baugenehmigung ist da, doch die Motivation am Boden: „Die Brenner-Trasse würde direkt durch den neuen Stall führen“, erklärt er. Doch machen Umplanungen noch Sinn? „Ich würde mit dem Brenner 20 Prozent meiner hofnahen Weideflächen verlieren. Damit hat unser Hof keine Zukunft mehr.“

In der Existenz bedroht

In ihrer Existenz bedroht sind viele Bauern entlang der geplanten Trasse – unter anderem auch Thomas Huber aus Berg, Augustin Hartl, Alfons Kirchmaier sowie Evi und Jakob Zehetmaier aus Brettschleipfen.

„Der Brenner ist der Todesstoß für die nächste Generation. In der Region sind indirekt alle Landwirte betroffen, da für die Trasse Ausgleichsflächen ausgewiesen werden müssen“, betont Kreisobmann Bodmaier.

„Dieser Flächenverbrauch ist nicht tragbar“, kritisiert Bauernpräsident Huber, zumal „so ein Projekt andere nach sich zieht. An der Trasse wird es zu Gewerbeansiedlungen und Wohnbebauungen in der Nähe des Bahnhofes kommen“, befürchtet er.

Deshalb fordern die Landwirte die Ertüchtigung und Auslastung der Bestandsstrecke, den Nachweis des tatsächlichen Bedarfs für den Brenner-Nordzulauf. Sollte das Projekt nicht aufzuhalten sein, „dürfen nur Tunnel, aber nicht in offener Trogbauweise, gebaut werden“, so Bodmaier. Zudem fordert er, dass Ausgleichsflächen dann nicht nur im Landkreis Rosenheim, sondern deutschlandweit ausgewiesen werden müssten.

Nach Informationen des Bund Naturschutz werden in Bayern täglich 13 Hektar unbebauter Fläche „verbraucht“. Das entspricht einer Größe von etwa 18 Fußballfeldern. Rund die Hälfte davon wurden für Siedlungszwecke genutzt, ein Viertel für Straßen- und Verkehrswege sowie ein weiteres Viertel für Gewerbe- und Industrieflächen.

Kreisbauern-Chef Josef Bodmaier (rechts) weiß um die Existenzbedrohung für die Landwirte (von links) Alfons Kirchmaier, Sebastian Kendlinger und Augustin Hartl.

Der zunehmende Flächenfraß Bayern ist eines der größten regionalen Umweltprobleme. 2019 lag er bei 11,9 Hektar, 2019 bei 10,8 Hektar und 2018 bei 10 Hektar. Die Folgen von Flächenfraß beeinträchtigen nicht nur die Landschaft, sondern auch Natur und Artenvielfalt, Arbeits- und Einkaufswege, Lärm- und Luftbelastung nehmen zu.

Immer mehr Landwirtschafts-Fläche geht verloren

Im Landkreis Rosenheim sind nach Informationen von Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bauernverbandes, von 1988 bis 2020 etwa 6500 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verloren gegangen. Durch den Bau des Brenner-Nordzulaufs würden nach Schätzungen des Kreisbauernverbandes allein im Landkreis circa 110 Hektar Fläche verbraucht, hinzu kämen noch ökologische Ausgleichsflächen.

Der Brenner-Nordzulauf gefährdet hunderte Bauernfamilien in ihrer Existenz. Etwa 2800 Bauern bewirtschaften in der Region eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 67 700 Hektar. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei rund 24 Hektar. Dabei sei nach Informationen des Bauernverbandes meist nicht einmal die Hälfte der Flächen im Eigenbesitz der Landwirte, die andere Hälfte gepachtet.

„Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts München spricht man bei einem Abtretungsverlust von fünf Prozent der Eigenflächen oder langfristigen Pachtflächen eines gesunden landwirtschaftlichen Betriebes bereits von Existenzbedrohung“, erklärt BBV-Geschäftsführer Josef Steingraber.