Irre Verfolgungsjagd vor Gericht

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Ein silberfarbener Ford Escort Kombi - mit einem Wagen dieses Typs gab der 24-Jährige Vollgas auf der Autobahn

Rosenheim - Kontrolle um 4.15 Uhr früh am Grenzübergang Kiefersfelden, Happy-End ohne Verletzte oder Tote um 5.20 Uhr an der Ausfahrt Ingolstadt-Süd.

"Es war reines Glück, dass es nicht acht Tote gegeben hat.“ Das sind die ersten Worte, die einem Rosenheimer Polizisten zur vielleicht halsbrecherischsten Verfolgungsjagd einfallen, die es je in der Region gegeben hat. Die filmreife Flucht quer durch Oberbayern begann um 4.15 Uhr früh am Grenzübergang Kiefersfelden und endete um 5.20 Uhr an der Ausfahrt Ingolstadt-Süd. 65 Minuten für knapp 200 Kilometer - kaum zu glauben.

Zu dieser Horrorfahrt kam es bereits am 9. Dezember 2008. Jetzt wurde dem Fahrer, ein 24-jähriger Marokkaner, am Amtsgericht Rosenheim der Prozess gemacht. Dabei wurde deutlich, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod bei dem einstündigen Höllenritt war. Der Schleuser aus Nordafrika saß nicht allein im Wagen. Sieben Männer aus dem Irak hatte er in einen Ford Escort gepfercht – zwei von ihnen lagen im Kofferraum des silberfarbenen Kombis. Die Asiaten hatten Todesangst. Ebenfalls in akuter Lebensgefahr: Die Polizisten in den bis zu 15 Einsatzfahrzeugen, die sich ans Heck des Rasers hefteten, sowie die vielen Autofahrer, die auf der Inntalautobahn A93, der A8 Rosenheim-München, der Münchner Ostumfahrung (A 99) und der A9 in Richtung Ingolstadt von dem 24-Jährigen mit Tempo 200 oder mehr überholt wurden – links, rechts, wenn notwendig auf der Standspur. „Teilweise gab es erhebliche Sichtbehinderungen durch Nebel, die Fahrbahn war streckenweise nass. Wie wahnsinnig gefährlich das war, kann man gar nicht in Worte fassen“, erinnert sich ein Polizist.

200-PS-Motor in Ford Escort eingebaut

Wie kann man mit einem Ford Escort älteren Baujahrs und der Last von acht Männern im Wagen in einer Stunde von Kiefersfelden nach Ingolstadt rasen? Die Antwort auf diese Frage gibt ein getunter 200-PS-Motor, der aus dem Schleuserauto ein Rennauto machte. Um einen schlimmen Unfall zu vermeiden, wartete die Polizei auf einen günstigen Moment. Der war kurz vor Ingolstadt gekommen. Dort gelang es mehreren Streifen, das Auto einzukeilen und zum Stoppen zu zwingen. Der 24-Jährige setzt die Flucht zu Fuß fort. Ohne PS kam er aber nicht weit. Ein sportlicher Beamter hatte ihn schnell eingeholt und überwältigt. Zweiter Schleuser packte aus Dass es bei der Verfolgungsjagd keine Toten oder Verletzten gab, ist nicht die einzige gute Nachricht. Zudem gelang es der ermittelnden Bundespolizei, einen Schleuserring zu sprengen. Den Ermittlern war ein Mitglied der „Bologna-Connection“ ins Netz gegangen. Der rasende Marokkaner war tief in die Strukturen der Schleuserbande eingebunden. Dass er zunächst alles abstritt, nutzte ihm wenig. Denn ein zweiter Schleuser hatte ausgepackt. Die Polizei hatte nämlich am 9. Dezember in Kiefersfelden gleich zwei Autos mit italienischen Kennzeichen zur Routinekontrolle gebeten. Während der 24-Jährige im Ford Escort Vollgas gab, hielt der 30-jährige Fahrer des zweiten Wagens – auch er Marokkaner – vorschriftsgemäß an. Aus dem weißen Fiat Punto stiegen mehrere eingeschleuste Iraker.

Auch der 30-Jährige saß jetzt in Rosenheim auf der Anklagebank. Er wurde von den Ermittlern als Mitläufer eingestuft, war lediglich „Chauffeur“ und hatte mit der Organisation nichts zu tun. Dank seiner Aussagen ermittelte die Bundespolizei Strukturen und Hintermänner dieser Bande. Der Polizei in Italien wurden die Namen der Hintermänner genannt: Fahti H., Fahti N., ein „Asfour“ sowie die tunesischen Staatsangehörigen Afef S. und Ben M. Raser muss fast vier Jahre ins Gefängnis Weil der 30-jährige Schleuser im Fiat geständig war und der Polizei wertvolle Informationen verschafft hatte, kam er mit einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten davon, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der 24-jährige Raser – zweifellos ein wichtiges Glied der Bologneser Schleuserrings – muss dagegen drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Die Vorsitzende Richterin Jacqueline Aßbichler stufte den Mann als Organisator in zweiter Reihe ein. Er habe Aufgaben erledigt, die ihm eindeutig einen festen Platz im inneren Zirkel der „Bologna-Connection“ zuwiesen.

Lesen Sie hier die Vorgeschichte:

Verfolgungsjagd nach Manching

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