"Verrückt, da mitzufahren"

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Ein Blick zurück auf die großen Erfolge: Sepp Folger gewann als erster Deutscher überhaupt das Slalomrennen in Kitzbühel. 63 Jahre ist das her.

Bruckmühl - Wenn sich am Sonntag die besten Slalomfahrer Kitzbühel messen, schlägt bei Sepp Folger das Herz schneller. Vor 63 Jahren fuhr er in beiden Läufen Bestzeit.

Wenn sich am Sonntag die besten Slalomfahrer der Welt am Hahnenkamm in Kitzbühel messen, schlägt bei Sepp Folger das Herz schneller. Vor 63 Jahren fuhr der Bruckmühler in beiden Läufen Bestzeit und gewann damit das legendäre Rennen - als erster Deutscher überhaupt.

Im Starthaus zu stehen mit Blick in den Ganslernhang, jeden Pulsschlag zu spüren, bis es endlich losgeht. Und dann mit voller Konzentration, vor Tausenden von Zuschauern, um die Stangen herum: Dieses Gefühl kennt Sepp Folger nur zu gut.

Mit Herzblut und voller Anspannung fiebert er bei den Fahrten von Felix Neureuther und Co. mit. Sepp Folger wird die Rennen jedoch von zu Hause aus verfolgen. "Ich wurde zwar eingeladen. Aber der Aufwand war mir zu groß."

Eins steht jetzt schon fest: Wenn sich am Wochenende die Weltcupfahrer wieder waghalsig den Hahnenkamm in Kitzbühel hinabstürzen, wird er keine Zehntelsekunde verpassen. So hat Folger ein straffes Programm vor sich: Heute ist Super-G, am Samstag Abfahrt und am Sonntag treten dann die Slalomfahrer gegeneinander an.

Der erste deutsche Hahnenkamm-Sieger überhaupt

Zu letzteren gehörte der Bruckmühler. Folger hat das geschafft, was insgesamt erst fünf deutschen Skirennläufern gelungen ist: Er gewann den Slalom der Hahnenkammrennen - mit Startnummer 30. Das war 1950. Folger war somit der erste deutsche Hahnenkamm-Sieger überhaupt.

"Der Hang ist immer noch derselbe wie damals", so der 90-Jährige. Allerdings heute viel besser präpariert. "Bei uns waren noch Buckel und Schläge drin", erinnert sich Folger. "Jetzt fahren sie auf Autobahnen." Auch die Ausrüstung ist wesentlich besser geworden. Folger trat noch in Keilhose und Anorak auf 2,10 Meter langen Skiern an. Jetzt sind sie nur noch etwa 1,65 Meter kurz und wesentlich taillierter. "Da schlurft man natürlich leichter durch die Stangen als wir damals mit unseren langen Hunden", so der ehemalige Skiprofi. Was sich natürlich auch an den Zeiten und Höchstgeschwindigkeiten widerspiegelt. "Aber auch bei 100 km/h auf zwei Latten pfiff der Wind damals ganz schön", so Folger.

Statt Helm eine Haube, statt Skistiefel Lederschuhe - klar, dass da die Knie bei der Fahrt noch mehr gezittert haben. "Um da mitzufahren, musste man verrückt sein", so Folger. Und die heute nachgebenden Kippstangen seien damals noch richtige Prügel gewesen. Die Ideallinie - damals eine schmerzhafte Angelegenheit.

Am Sonntag drückt Deutschlands ehemals bester Slalomfahrer dem heute Besten die Daumen: "Fünf Fahrer kommen für den Sieg in Frage. Einer davon ist Felix Neureuther. Er hat gute Chancen, das Rennen zu gewinnen."

Neureuther sei top vorbereitet, könne sich auf sein Material verlassen und habe die besten Trainer und Trainingsbedingungen. Folger dagegen fuhr so oft wie möglich mit dem Fahrrad nach Brannenburg zum Wendelstein. "Die Skier hatten wir seitlich ans Rad gebunden, die Schuhe hingen am Lenker", so der 90-Jährige. Für 75 Pfennig ging es dann mit der Bahn hinauf ins Skigebiet. Die Bahnfahrt allein war für die damalige Zeit ein Luxus für den Skirennläufer. Das war finanziell nicht allzu oft drinnen.

Jeder Sieger bekommt eigene Gondel

Deshalb gehörte auch eine kleine Anhöhe nahe Bruckmühl zu Folgers Trainingsplätzen. "Der Hügel hatte nur zwölf bis 15 Höhenmeter. Dort habe ich mir Stangen in den Hang gesteckt und dann stundenlang Slalom trainiert", erinnert er sich.

Große Geschwindigkeiten waren nicht möglich, es ging eher um die Technik und das Gefühl auf Skiern. Der Weg vom Buben am Bruckmühler Hügel bis zum Gewinner des Hahnenkamm-Rennens war ein sehr weiter. Folger ist ihn gegangen - und erhält dafür noch heute Wertschätzung. An die Erfolge der Hahnenkamm-Sieger erinnern die Gondeln der gleichnamigen Bergbahn. Auf der Gondel 52 prangt in goldenen Lettern sein Name. "Hahnenkamm ist Hahnenkamm. Wenn man da gewinnt, bleibt man auf ewig unvergessen."

Nur ein Ziel blieb für den Ski-Rennfahrer unerreichbar: Olympia. "1940 und 1944 sind die Spiele wegen des Zweiten Weltkriegs ausgefallen und 1948 durften wir Deutsche als Kriegsverbrecher nicht teilnehmen."

Nach seiner aktiven Karriere trainierte Folger hoffnungsvolle Talente. Zudem halfen seine Erfahrungen einigen Skiherstellern bei der Entwicklung neuer Modelle. Bei der Geburtsstunde der Marker-Bindung etwa war Folger hautnah dabei - die erste Bindung, die bei Stürzen aufging, um Verletzungen zu vermeiden.

Noch heute verbindet Folger die Leidenschaft am Sport mit vielen anderen Prominenten. Seinen 90. Geburtstag im März feierte er unter anderem mit Franz Beckenbauer. Und auch Ex-Fußballbundestrainer Erich Ribbeck gehört zu seinen regelmäßigen Gästen.

Robert Feiner/Oberbayerisches Volksblatt

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