Berge mit sprechenden Gipfeln

OVB
+
Zum Greifen nah: Ein einzigartiges Modell bringt blinden und sehenden Besuchern der Landesgartenschau die Faszination der heimischen Bergwelt näher.

Rosenheim/Landkreis - Im Zuge der Landesgartenschau läuft die Ideen-Werkstatt in der Region auf Hochtouren. Jüngstes Beispiel: ein einzigartiges Holzrelief der heimischen Bergwelt zum Ertasten und Anfassen.

In erster Linie für blinde Besucher der Gartenschau geschaffen, verleiht das Tastmodell auch nicht sehbehinderten Menschen eine völlig neue Perspektive auf die Voralpenkette. Eine Besonderheit sind dabei die "sprechenden Gipfel".

Vom Wendelstein-Massiv im Westen bis zur Kampenwand im Chiemgau - der für Rosenheim so typische, 230 Quadratkilometer umfassende Gebirgszug wurde für das Projekt unter wissenschaftlichen Kriterien auf sieben Quadratmeter verkleinert. Das Modell ist während der Gartenschau in einem Pavillon im Mangfallpark Süd zu bestaunen.

Drei Studenten der Staatlichen Fachschule für Holztechnik und Holzbetriebswirtschaft haben Thermoholz und Furnier schichtenweise zu Rohblöcken verarbeitet. Das helle Ahornfurnier zeichnet im dunkelbraunen Buchenholz im Abstand von realen 150 Metern die einzelnen Höhenlinien nach. Die Linien verschaffen auch Sehenden einen dreidimensionalen Eindruck vom Rosenheimer Alpenpanorama.

Damit blinde und sehbehinderte Menschen auch erfahren, wie die Berge heißen, die sie ertasten, kommt eine völlig neue Technik zum Einsatz: Die Gipfel werden mit einem Chip versehen. Wer ihn mit einem Datenstift berührt, bringt die Berge zum Sprechen: Eine Hördatei informiert über Namen, Höhe und weitere Details. Hinweistafeln in Pyramiden- und Blindenschrift weisen dabei den richtigen Weg durch die Alpenlandschaft.

Weltrekord am Himalaya

Die Gipfel hat übrigens ein Weltrekordhalter im Auftrag der Alpenvereinssektion Rosenheim akribisch bestimmt: Rudolf Jauk, der jeden heimischen Berg kennt wie kaum ein Zweiter, stieg im Himalaya von Himo (850 Meter Höhe) in einem Tag zum Uhuru Peak (5896 Meter) auf - 5045 Höhenmeter und 52 Kilometer in 24 Stunden.

Ideengeber und treibende Kraft beim außergewöhnlichen Projekt war Fritz Gerlmaier, Vorsitzender der Rosenheimer Bezirksgruppe des Blindenbundes. Auch ohne den Einsatz von Kurt Franz, ehemaliger Direktor am Lehrinstitut der Holzwirtschaft und Kunststofftechnik, und Professor Gottfried Brandner, Schulleiter der Staatlichen Fachschule Rosenheim für Holztechnik und Holzbetriebswirtschaft, wäre es nie zur Verwirklichung gekommen.

Ein Modell und drei treibende Kräfte des Projekts (von rechts): Fritz Gerlmaier, Professor Gottfried Brandner und Kurt Franz.

Aber dann ging es voran. Die Studenten Carolin Ziegler, Felix Meixner und Matthias Bichler nahmen die große Herausforderung im Zuge ihrer Projektarbeit an. Wertvolle Basisdaten lieferte das Landesamt für Vermessung in München. Mit Hilfe eines digitalen Geländemodells und modernsten Computerprogrammen nahm der Volumenkörper Formen an: Erst bearbeiteten computergesteuerte Schlichtfräser den Block stufenweise, ehe Kugelfräser das eigentliche Relief abzeilten. Schließlich wurden die Modell-Alpen noch geschliffen und mit einer farblosen Lasur veredelt. Zur besseren und einfacheren Bearbeitung wurde das Gebiet von Kampenwand bis Wendelstein in drei Teilen angefertigt - ein Vorteil auch im Hinblick auf den Transport. Wo das Alpenrelief nach der Gartenschau steht, ist noch offen. Das Modell kann der Region laut Alpenverein vielfältige didaktische und touristische Dienste erweisen - vielleicht sogar im Alpendom, wenn er einmal gebaut werden sollte.

In Bayern gibt es 17.500 blinde und 55.000 stark sehbehinderte Menschen. Fritz Gerlmaier ist froh, dass nun auch sie die Faszination der Rosenheimer Berge erfassen können. Gerlmaier: "Der Dank gilt allen, die an der Umsetzung der Vision mitgewirkt haben - voran der Fachschule für Holztechnik, der Stiftung zur Förderung für behinderte Menschen im Kreis Rosenheim, der Blinden- und Sehbehindertenstiftung Bayern und der Alpenvereinssektion Rosenheim."

Franz Knarr, Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Kommentare