Neue Trasse durch das Inntal

Brenner-Nordzulauf: Deutsche Bahn will Trasse östlich des Inns - erste Gegenstimmen werden laut

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Zugsituation Inntal in Bezug auf die anstehende Trassenführungsentscheidung: Blick von Höhe Brannenburg Richtung Petersberg

Die Deutsche Bahn hat ihren Favoriten für die Trasse des Brenner-Nordzulaufs vorgestellt. Die violette Trasse, die östlich des Inns verläuft, soll nach Wunsch der Bahn im bayerischen Inntal als Zubringer zum künftigen Brenner-Basistunnel fungieren.

Rosenheim – Es ist die violette Trasse: Im virtuellen Gespräch haben Klaus-Dieter Josel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Bayern, gemeinsam mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sowie Matthias Neumaier, Gesamtprojektleiter der DB, die über weite Strecken östlich des Inns verlaufende Auswahltrasse für den Brenner-Nordzulauf vorgestellt. Zuletzt waren vier mögliche Routen der Strecke noch zur Auswahl gestanden.

Die violette Trasse wurde am 13. April 2021 als Wunsch-Strecke der Deutschen Bahn vorgestellt.

Für die Vertreter der Region, die sich mit zwei Gleisen zusätzlich zur Bestandsstrecke anfreunden können, ist es die eine Lösung, die am meisten Akzeptanz erwarten darf. Weite Teile der Trasse, die nördlich an Großkarolinenfeld und Rosenheim vorbei den Inn quert, Stephanskirchen in einem Bogen östlich umfährt, bevor sie zwischen Rohrdorf und Riedering ins Inntal eintritt, können nach Ansicht von Experten zwischen Rohrdorf und Samerberg unterirdisch verlegt werden.

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Knotenpunkt im Wildbarrenmassiv bei Oberaudorf

So wird auch die Verlegung der südlichen Verknüpfungsstelle, an der alte und neue Gleise wieder zu einer einzigien Schienentrasse zusammengeführt werden, diskutiert: Dieser baulich sehr aufwendige Knotenpunkt könnte demnach bei Oberaudorf in das Wildbarrenmassiv hineingebaut werden. Davon erhoffen sich nicht zuletzt die Bürgermeister der Inntalgemeinden eine enorme Entlastung ihres vom Verkehr heimgesuchten Tals.

Die Bahn will den Brenner-Nordzulauf bis 2040 – so lautet eine Aussage von Klaus-Dieter Josel bereits beim Abschluss des Raumordnungsverfahrens – in Betrieb nehmen können. Für die nächsten Monate steht die Detailplanung an.

„Ideen aus der Region sind eingeflossen in die Auswahl der am besten vertretbaren Trasse.“ , sagt Klaus-Dieter Josel. Der Dialog sei so intensiv wie bei keinem anderen Großprojekt in Bayern. Er spricht von einem „großen Meilenstein“ für den Schienenverkehr in Deutschland und Europa.

Auch Verkehrsminister Scheuer äußert sich zur Trassenwahl östlich des Inns: „Auf den Bestandsstrecken besteht kein Engpass, aber langfristig brauchen wir einen leistungsfähigen Schienenverkehr für den gesamten Brenner-Korridor.“ Man könne nicht Verlagerung von Verkehr auf die Schiene fordern, dann aber solche Projekte stoppen. Er erinnert an den Beschluss des höchsten deutschen Parlaments: „Es gibt danach kein vielleicht oder ein ob, es gibt ein wie.“ Das Ziel ist die Anwohner, die Heimat, die Natur und die Umwelt zu schützen.“

„Ich weiß, dass auch kritische Stimmen da sind. Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich mit der Kollegin Ludwig geführt habe.” Sie habe schonungslos und direkt die Belange der Region vertreten. „Die erste Priorität bei diesem Jahrhundertprojekt ist nicht der spitze Bleistift. Fürihn sei nicht nur die Wirtschaftlichkeit wichtig,  „sondern auch der Bevölkerungs- und Landschaftsschutz.“

Machbarkeitsstudie zu unterirdischer Führung in Arbeit

Die Machbarkeitsstudie zur Verlagerung der Verknüpfungsstelle bei Oberaudorf ist bereits in Arbeit, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer auf Anfragen der OVB-Heimatzeitungen. Bis Ende 2021 soll nach seinen Worten feststehen, ob die Bestands- und die Neubaustrecke zum Brennernordzulauf in einem Tunnel im Wildbarrenmassiv zusammengeführt werden können. Das ist ein zentrales Anliegen der Bürgermeister der Inntalgemeinden. „Daran wird zu arbeiten sein“, sagte gestern zum Beispiel Oberaudorfs Bürgermeister Matthias Bernhardt in einer ersten Reaktion.

Im Sommer des vergangenen Jahres forderte der Rosenheimer Kreistag in einer Stellungnahme zum Raumordnungsverfahren zum Brenner-Nordzulauf, dass überall wo es möglich ist, die Bahnstrecke unterirdisch geplant werden muss. Ähnlich wie in Tirol, sollen auch auf bayerischer Seite mindestens 80 Prozent der Zulaufstrecke unter die Erde gebracht werden.

Von fünf möglichen Streckenführungen schneidet die sogenannte „Variante Violett“ mit rund 60 Prozent Tunnelanteil am besten ab. Sie führt vom österreichischen Schaftenau über die Gemeinden Kiefersfelden, Oberaudorf und Stephanskirchen östlich an Rosenheim vorbei bis Ostermünchen.

Von einem „Schritt in die richtige Richtung“ spricht Landrat Otto Lederer (CSU). „Weil die Flächen-Inanspruchnahme aller vier Varianten hier am geringsten ausfällt, kommt sie den Erwartungen der Kreisrätinnen und Kreisräte am nächsten.“

Klar sei aber auch, dass noch nachzubessern sei. „So ist es schwer zu verstehen und nicht nachvollziehbar, dass in der heutigen Zeit eine Neubaustrecke so geplant wird, dass sie bestehende Infrastruktureinrichtungen, wie zum Beispiel Bundessstraße oder Bahngleise, durch oberirdische Bauwerke kreuzt, anstatt sie zu untertunneln“, sagte Lederer. „Auch die Tatsache, dass derzeit nördlich und westlich von Rosenheim keine unterirdischen Streckenanteile geplant sind, ist nicht vermittelbar.“

Auch CSU-Landtagsabgeordneter Klaus Stöttner sieht noch Verbesserungsbedarf: „Unser Ziel war es, dass die von der Bahn geplante Trasse für den Brenner-Nordzulauf die höchstmöglichen Standards in Bezug auf Lärmschutz, Umweltschutz und damit die Belastung der Menschen im Landkreis Rosenheim durch dieses Projekt so gering wie möglich gehalten wird. Dafür muss so viel Schiene wie möglich unter die Erde. Dies wurde im Süden größtenteils erfüllt im nördlichen Teil bin ich mit dem Vorschlag nicht zufrieden, somit bedarf dieser dringend einer Nachbesserung.“

Kritik an der bisherigen Entscheidung kommt auch von AfD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Andreas Winhart stellt. „Die Trassenentscheidung der Bahn schafft im Moment nur eines: Neue Fragen.“, erklärt Winhard. „Ungeklärt ist weiterhin die Lage im Inntal besonders bezüglich der Verknüpfungsstelle unter dem Wildbarren und weshalb im weiteren Verlauf nicht ein Tunnel in den Bergen hinter Oberaudorf und Kiefersfelden möglich ist. Ungeklärt bleibt auch die Frage nach der Beeinträchtigung für Stephanskirchen, Samerberg und Rohrdorf während und nach möglichen Bauarbeiten. Völlig ungeklärt ist auch die Frage nach dem Bedarf der Strecke sowie der Sicherstellung, dass Rosenheim nicht vom internationalen Personenzugverkehr abgekoppelt wird.“

Rosenheims OB März will sich für Untertunnelung bei Langenpfunzen einsetzen

Auch Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März sieht noch einige offene Fragen bei der weiteren Entwicklung der Trasse. „Im Rosenheimer Norden soll die Streckenführung jedoch oberirdisch erfolgen. Und das obwohl im Raumordnungsverfahren eine unterirdische Lösung aus Gründen der Raumverträglichkeit als Maßgabe festgesetzt wurde.“, heißt es aus dem Rosenheimer Rathaus zur Bekanntgabe der Deutschen Bahn.

Einer der wichtigsten Punkte sei für März die Untertunnelung des Inns bei Langenpfunzen, für die es sich im Rahmen der vertieften Planung besonders einsetzen will. Ebenfalls sei der Bedarfsnachweis, ohne den es keine Trasse für den Brenner-Nordzulauf geben dürfe, ein wichtiger Punkt.

„Sollte der Bund im Rahmen der parlamentarischen Befassung 2025 den Bedarf für eine Zulaufstrecke feststellen, kann die nur als Neubaustrecke mit einer Umfahrung der Stadt Rosenheim realisiert werden. Und dann auch nur mit der genannten Nachbesserung im Rosenheimer Norden.“, erklärt März weiter.

Ebenso sei ein Ausbau der Bestandsstrecke für die Stadt Rosenheim nicht hinnehmbar. Die Stadt Rosenheim will weiterhin die vertieften Planungen bis Ende 2024 verfolgen.

Aiwanger will Gütertransport auf Schienen attraktiver machen

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger fordert angesichts der Entscheidung für die violette Trasse für den Brenner-Nordzulauf mehr Güterverlagerung auf die Schiene. Aiwanger: „Bundesregierung und Deutsche Bahn müssen endlich dafür sorgen, dass die Schiene im Vergleich zur Straße für den Gütertransport attraktiver wird. Sonst würden künftig trotz neuer Bahntrassen die meisten Gütertransporte wie jetzt über die Autobahn rollen. Wir brauchen rasch attraktivere Angebote durch die Bahn und bessere Rahmenbedingungen für den Schienenverkehr.“

Weitere Nachrichten rund um das Thema finden Sie auf unserer Themenseite „Brenner-Nordzulauf“.

Mit der nunmehr bekannt gegebenen Trasse kann bereits jetzt für große Streckenabschnitte Anwohner- und Landschaftsschutz garantiert werden, wie es auch im Koalitionsvertrag und im Raumordnungsverfahren gefordert wurde. Aiwanger: „Bei den weiteren Planungsschritten werden wir von bayerischer Seite auf die Umsetzung der Maßgaben des Raumordnungsverfahren, insbesondere bei obertägig geführten Streckenabschnitten, achten. Daher ist wichtig, dass wir weiterhin das Projekt umsichtig begleiten, damit die Region Rosenheim und Bayern nicht stark belastet werden und bestmöglich von diesem Projekt profitieren.“

CSU-Abgeordnete Daniela Ludwig über Trassenwahl erfreut

„Seit 16 Jahren begleite ich dieses europäische Projekt und habe es dabei den Bundesverkehrsministern auch nicht leicht gemacht. Dieser Druck hat sich ausgezahlt, sonst gäbe es die violette Trasse -mit bereits zum jetzigen Stand 60 Prozent Untertunnelungen- nicht.“, erklärt die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig in einem Videostatement. „Andreas Scheuer hat mit uns in der Region an einem Strang gezogen und die Interessen der Bürgerinnen und Bürger zur Chefsache erklärt. Der Planungsdialog hat sich gelohnt. Diese Lösung wäre ohne eine Beteiligung der betroffenen Gemeinden, Verbände und Bürger nicht zustande gekommen.“

Damit sei ein deutliches Signal gesetzt worden: „Der Schutz unserer Bürger und der Umwelt ist wichtiger als eine billige Lösung!“

Verhaltene Reaktion von Samerbergs Bürgermeister Huber

Samerbergs Bürgermeister Georg Huber äußerte sich in einer ersten Reaktion wie folgt: „Die vorliegende bevorzugte Auswahltrasse ist ja nicht überraschend, hier ist der Raumwiderstand ja offensichtlich am geringsten. Diese Trasse unterquert den Samerberg auf annähernd Niveau des Inns und kommt unter Umständen unserem Trinkwasserschutzgebiet sehr nahe. Das muss natürlich noch abgeklärt werden.

Ansonsten sind andere Kommunen wie z.B. Rohrdorf, Riedering, Stephanskirchen, der Rosenheimer Norden oder Schechen, wo nach wie vor oberirdisch geplant wird, weitaus mehr betroffen.Trotz des großen Tunnelanteils der Trasse, sehe ich keinen Anlass für Euphorie, denn der Landkreis wird durch diese neue Verkehrsader zerschnitten, ohne dass der tatsächliche Bedarf für diesen immensen Eingriff ausreichend belegt ist.

Mehr Verkehr auf die Schiene ist super, aber das könnte man schon jetzt erreichen, wenn die Politik hier die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen würde.“

„Unglückstag für die Gemeinde Stephanskirchen“

Von einem schwarzen Dienstag spricht Stephanskirchens Bürgermeister Karl Mair.„Der 13. April 2021 ist ein Unglückstag für die Gemeinde Stephanskirchen, die heutige Entscheidung eine Katastrophe für uns“, sagte Mair unmittelbar nach der Präsentation der violetten Trasse als Wunschführung für den Brennernordzulauf.

„Die nun von der Bahn vorgeschlagene violette Trasse ist die längste, teuerste und technisch aufwändigste Trasse“, sagte Mair, die Entscheidung dafür könne somit nur politisch und nicht sachlich begründet werden. Die Gemeinde Stephanskirchen ist auf sechs Kilometern Länge von der Trasse betroffen, überwiegend durch einen Verlauf im Tunnel.

Was Mair nur bedingt tröstet: „Die Trasse liegt nur geringfügig neben dem FFH-Gebiet Innauen, dem Naturschutzgebiet Südufer des Simssees und unserem künftigen Wasserschutzgebiet. Sowohl der Bau als auch die fertige Trasse beeinträchtigen unsere Gemeinde und ihre Bürger ganz erheblich.“ Er kündigte an, sich zusammen mit seiner Gemeinde argumentativ und juristisch zu wehren. 

Juristische Gegenmaßnahmen kündigte auch Riederings Bürgermeister Christoph Vodermaier an. „Das ist für uns ein Worst Case-Szenario. Wie es jetzt gekommen ist, ist absolut schlecht. Unser Bestreben wird dahin gehen, dass die Tunnelanteile erhöht werden. Das betrifft auch den nördlichen Bereich des Brennernordzulaufs.“ Schon im Gutachten des Raumordnungsverfahrens der Regierung von Oberbayern seien massive Raumunverträglichkeiten festgestellt worden, diese gelte es zu bereinigen.  

Landwirte in der Region wollen oberirdische Flächen erhalten

Die Landwirte in der Region Rosenheim sehen in der violetten Trasse das kleinste Übel, aber auch Bedarf zum Nachbessern. Die Vorzugstrasse sei durch den hohen Tunnelanteil die am „meisten flä­chensparende aller bisher diskutierten Möglichkeiten“.

Jetzt gelte es, die noch oberirdischen Streckenverläufe so flä­chenschonend wie möglich umzugestalten, „um unsere wertvollen Landwirtschaftsflächen größtmöglich zu erhal­ten“. Eine Kernforderung des BBV: Der Streckenabschnitt zwischen Lauterbach und Riedering soll weiterlaufend im Tunnel gehalten werden und nicht, wie in einer zweiten Möglichkeit, oberirdisch verlaufen. 

Proteste noch vor Verkündung angekündigt

Noch bevor die Auswahltrasse der Bahn verkündet wurde, riefen die Bürgerinitiativen gegen die neuen Trassen für den Brenner-Nordzulauf bereits zum Protest auf. Auf Facebook mobilisieren die Gruppen ihre Mitglieder zur Lärmwelle am Samstag, 24. April. Es soll eine „Protestwelle“ durchs Inntal schwappen. Wörtlich heißt es auf Facebook: „Die Bürgerinitiativen (BI) planen lauten Protest gegen Bahntrasse und fordern Modernisierung bestehender Infrastruktur.

Am Samstag, 24. April soll von 15 bis 16 Uhr von Ostermünchen bis Oberaudorf mit Töpfen, Trillerpfeifen, Kuhglocken und anderen ,Instrumenten‘ ein akustisches Signal gesetzt werden.“

Auch die Initiative „PRO RIEDERING – brenna tuats“ hat ihren Widerstand angekündigt. Mit der Veröffentlichung wird die Voraussetzung für zivilrechtliche Unterlassungsklagen gegen die geplante Trasse geschaffen. Betroffene Eigentümer, über deren Grundstück die Trasse verlaufen würde, haben dann ein sofortiges Klagerecht, da sie in ihrem Eigentum verletzt werden können. „Davon werden die Riederinger nun regen Gebrauch machen.“, erklärte die Initiative in einer Pressemeldung.

Auch Bund Naturschutz lehnt Trassenwahl ab

Der Bund Naturschutz lehnt die von der Bahn als violett gekennzeichnete Trasse als Ergebnis des Auswahlverfahrens ab. „Nach wie vor ist aus unserer Sicht der Bedarf noch nicht ausreichend geprüft, erklärt Martin Geilhufe, Landesbeauftragter des Bund Naturschutz in einer Pressererklärung.

„So muss die Ertüchtigung des Bestandes, mit Schutzmaßnahmen gegen Lärm und Erschütterung nach Neubaustandard in die Alternativen- Prüfung aufgenommen werden und der notwendige Anschluss an den Güter-Ostkorridor zwischen Landshut, Mühldorf und Freilassing muss zwingend Berücksichtigung finden“, fordert Geilhufe weiter. 

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