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OVB-Exklusivinterview

Inn-Tunnel beim Brenner-Nordzulauf: Ministerin Kaniber sieht die Politik in der Pflicht

Bauern fürchten wegen des Brenner-Nordzulaufs um ihre Existenz. Viele von ihnen protestierten kürzlich in Lauterbach. Ministerin Kaniber sieht die Politik in der Pflicht.
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Stehen Dutzende Bauernhöfe auf der Kippe? Bauern fürchten wegen des Brenner-Nordzulaufs um ihre Existenz. Viele von ihnen protestierten kürzlich in Lauterbach. Ministerin Kaniber sieht die Politik in der Pflicht.

Herbstzeit, Erntedank-Zeit. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) zieht im OVB-Exklusivinterview die Bilanz eines Sommers der Extreme. Und sagt, was die Bauern in der Region beim Brenner-Nordzulauf tun können.

Rosenheim – Herbstzeit, Erntedank-Zeit. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) zieht die Bilanz eines Sommers der Extreme und blickt in die Zukunft. Wie können die landwirtschaftlichen Betriebe in der Region widerstandsfähiger gegen den Klimawandel werden? Und: Kaniber sieht das letzte Wort in der Frage Inn-Untertunnelung beim Brenner-Nordzulauf auf Höhe Pfaffenhofen/Stephanskirchen noch nicht gesprochen.

Forstbetriebe kommen von der Fichte ab, setzen mehr auf Mischung. Wie können die Bauern auf die zunehmende Häufigkeit von Hitze-Sommern reagieren?

Michaela Kaniber: Indem sie bei der Bewirtschaftung neue Wege gehen. Indem sie verstärkt mit Hirse arbeiten, oder mit Quinoa, mit Pflanzen also, die Trockenheit leichter aushalten und somit klimaresistenter sind.

Haben Sie Vertrauen, das die Bauern da mitziehen? Quinoa ist man hier in der Region womöglich nicht gewohnt.

Kaniber: Wenn man sich die jüngere Generation ansieht: Da nimmt der Trend der Bowls Fahrt auf, Essen aus einer Schale, vegan oder auch mit Fleisch, mit allen Zutaten, die der Körper benötigt. Alle Zutaten, von Sattmachern wie Bulgur über Gemüse bis hin zu Proteinlieferanten werden in einer Schale kalt angerichtet. Diese Bowls werden auch mit Quinoa zubereitet. Und warum muss das aus einem anderen Landkommen? Ich habe kein Problem mit Food-Trends. Aber für uns ist entscheidend, dass die Lebensmittel aus Bayern kommen.

Mehrgefahrenversicherung soll Existenz der Bauern schützen

Bauern können von Ernährungstrends profitieren. So lange überhaupt etwas auf den Feldern gedeiht.

Kaniber: Ja, wir werden uns darauf einstellen, dass Wasser nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Da kommt uns die Technik zur Hilfe. Zum Beispiel Wassermanagement mittels Rückhaltebecken, aber auch technische Lösungen wie die Tröpfchenbewässerung. Wir sind dafür extra nach Israel geflogen, wo man damit bereits einen hohen Standard erreicht hat. Der dritte Punkt ist besonders wichtig – die Mehrgefahrenversicherung für Bauern.

Wie weit sind Sie da?

Kaniber: Da haben wir bei der Bundesregierung noch keinen Fuß in die Tür gekommen. Aber wir werden da auch nicht warten, bis sich was rührt, sondern wir machen das dann halt alleine, von Seiten des Freistaats aus. Wir haben das letztes Jahr schon gestartet, und zwar für Obst und Weinbauern, und 2023 starten wir bei allen Kulturen.

Dann springt wieder der Staat in die Bresche?

Kaniber: Der Staat kann Dürreschäden unmöglich auf Dauer ausgleichen. Was das kosten könnte, haben wir das für das Dürrejahr 2018 berechnet. Und die Folgen dieses Trockenjahres auszugleichen, hätte schon 400 Millionen Euro gekostet. Da macht der Verbraucher irgendwann auch nicht mehr mit. Also bringen wir die Mehrgefahrenversicherung auf den Weg. Und unterstützen die Landwirte mit 50 Prozent der Versicherungsprämie.

Die heimische Pflanzenwelt wird sich ändern

Die Region Rosenheim kam glimpflich durch den heißen Sommer. Anders der Norden Bayerns. Werden gewisse Nutzpflanzen verschwinden?

Kaniber: Sie werden nicht vollkommen verschwinden. Es wird aber Lagen geben, in denen es nicht mehr sinnvoll ist, sie anzubauen. Schauen wir uns den Mais an, der in manchen Gegenden Frankens gar nicht mehr aufkommen kann.

Der Verbraucher spricht gerne von Bio und Regionalität. Bezahlt er’s auch gerne?

Kaniber: So hart die Pandemie war, hat sich doch der Verbraucher auf den Weg des bewussteren Einkaufens gemacht. Die Geiz-ist-geil-Menatlität hat sich da mal für eine Zeit von den Lebensmitteln zurückgezogen. 84 Prozent der Menschen in Bayern sagten, sie achten darauf, wo sie was einkaufen. Biokisten waren extrem beliebt, die Anbieter haben teilweise gar nicht genügend Biokisten hergebracht.

Schreiben unter Ex-Kollegen: Ministerin Kaniber hat Antwort von Verkehrsminister Wissing

Wenn wir weniger importieren würden, bräuchten wir vielleicht weniger Verkehr über den Brenner. Auch das ein Thema, das Menschen beschäftigt.

Kaniber: Ich bin eine Verfechterin des Binnenmarktes. Es geht nicht nur um Lebensmittel. Wir müssen ehrlich sein, wenn wir Verkehr von der Straße runter soll, werden wir einen Schienenverkehr brauchen. Ich bin selbst betroffen von vielen Blockabfertigungen. Wir sind aktuell dabei, eine Planung einzureichen, wie man Ausgleichsflächen gestalten könnte, ohne sie stillzulegen. Vielmehr sollen sie unter Naturschutzaspekt bewirtschaftet werden. Wir haben Bundesverkehrsminister Volker Wissing geschrieben. Und er hat geantwortet...

Ehrlich? Da haben Sie vielen etwas voraus.

Kaniber: Wir waren Kollegen, er war mal Landwirtschafts- und Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz.

„Wir wissen, wie wichtig das für die Bauernschaft ist“

Die Planer der Bahn haben einen Inntunnel zwischen Langenpfunzen und Leonhardspfunzen als nicht praktikabel aussortiert. Gibt es noch Chancen, da politisch Einfluss auszuüben?

Kaniber: Es ist eine Geldfrage. Dann kommt das Kosten-Nutzen-Prinzip. Wenn man sieht, dass in Tirol so viel möglich ist, dann sollte man sich auch in der Bundesregierung ein Herz fassen. Da halten wir alle zusammen, wir wissen ja, wie wichtig das für unsere Bauernschaft ist.

Man hat den Eindruck, Berlin ist einfach zu weit weg. In der Regierung ist man auch nicht mehr vertreten. Wie kann der Freistaat noch Einfluss auf die Planung entwickeln?

Kaniber: Daniela Ludwig hat deutliche Worte dazu gefunden, ebenso Landrat Otto Lederer. Man muss natürlich auch sagen, Tirol ist nun schon fast fertig, und wir kommen nicht ans Ziel. Wir beschweren uns aber auch über den Verkehr im Inntal und auf der A8. Alle sind weiter als wir.

Es gibt jede Menge Vorschriften, die weit entfernt ausgedacht werden. Wie sehr haben die Bauern mit Bürokratie und Regulierung zu kämpfen? Stichwort Anbindehaltung.

Bauern müssen auf Kundenwünsche reagieren

Kaniber: Das ist eine Grundsatzfrage. Was wünscht sich der Verbraucher, wie weit können Molkereien und Lebensmitteleinzelhandel die Bauern begleiten? Wir als Politik tun das, uns ist jeder einzelne Landwirt wichtig. Bei der Anbindehaltung ist es so, dass ich immer gesagt habe: Liebe Bauernschaft, bei der ganzjährigen Anbindehaltung müssen wir reagieren. Zur Zeit ist die Ware fast schon knapp. Aber in Zeiten hohen Produktionsstands macht man sich mehr Gedanken, welche Milch man nimmt und welche nicht.

Ob man auf solche Verbraucherwünsche reagieren kann, hängt aber auch von den finanziellen Möglichkeiten ab. Viele Betriebe hier in der Region sind einfach zu klein.

Kaniber: Daher geben wir beispielsweise mit der einzelbetrieblichen Förderung bis zu 40 Prozent der Kosten eines Laufstalls dazu. Es ist nun Zeit, dass der Bund endlich seine Versprechungen einhält. Dabei haben wir allerdings den Eindruck, dass für Berlin die Nutztierhaltung eine untergeordnete Rolle spielt – was wir nicht verstehen. Ein Drittel der Landesfläche sind Wiesen und Weiden. Hier ist der Anteil sogar noch höher. Die können aber nur Nutztiere verarbeiten. So haben wir hervorragendes Fleisch, hervorragende Milch. Und wir haben Düngemittel. Kunstdünger ist knapp wegen Russlands Krieg in der Ukraine. So sind wir auf eine Kreislaufwirtschaft angewiesen.

Wo wollen Sie in Bayern hin?

Kaniber: Der Strukturwandel in Bayern ist ja auf konstant niedrigem Niveau. Wir sehen aber auch, dass die Milchwirtschaft und Schweinebauern extrem gelitten haben. Da sehen wir schon einen deutlichen Strukturwandel. Wir versuchen mit einer Diversifizierung der Betriebe, die Betriebe zu halten. Wir brauchen uns nichts vorzumachen, die Betriebe werden größer werden. Aber sie werden nicht so groß werden wie in Mecklenburg-Vorpommern. Der Landesdurchschnitt liegt bei 35 Hektar, hier ist er noch um ein Drittel kleiner. Es gibt Landwirte, die warten darauf, dass ganz kleine Bauern aufhören, damit sie deren Flächen aufkaufen können. Aber das sind in Bayern, aber erst recht auch in der Region Rosenheim noch immer nicht die Dimensionen wie im Osten oder Norden.

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