Von Schockstarre bis Erleichterung

Brenner-Nordzulauf: So reagieren die Gemeinden auf die violette Trasse

Die Bestandsstrecke durchs Inntal mit einem Fernreisezug aus Österreich.
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Die Bestandsstrecke durchs Inntal mit einem Fernreisezug aus Österreich.

Die Wahl fiel auf Violett: Die Deutsche Bahn hat von fünf möglichen Trassen des Brenner-Nordzulaufs ihren Favoriten ausgewählt. Die violette Trasse verläuft über weite Teile östlich des Inns und hat die meisten Tunnelanteile. Doch nicht alle Gemeinden sind mit dieser Auswahl glücklich.

Inntal/Rosenheim –  Von Ostermünchen beginnend, verläuft die Auswahltrasse nördlich von Großkarolinenfeld und Rosenheim auf den Inn zu und quert sie auf einer Brücke. Auch, wenn die Trasse nicht durch das Herz des Ortes verläuft, so ist Großkarolinenfeld von der violetten Variante dennoch betroffen.

Knapp 13 Kilometer lang: das geplante Tunnel Steinkirchen, das den Samerberg unterquert.

Bern Fessler war nicht überrascht

Für Bürgermeister Bernd Fessler kam die violette Variante nicht überraschend: „Ich habe damit gerechnet, weil sie die höchsten Tunnelanteile hat.“ Aber Fessler will den Planungsprozess weiterhin „sehr kritisch begleiten“ und versuchen, auf „erhebliche Optimierungen“ hinzuwirken. „Das gilt insbesondere für die Umsetzung der Vorgaben aus der landesplanerischen Beurteilung. Daran ist die Bahn im weiteren Planungsprozess gebunden. Das gilt insbesondere für die Unterquerung des Inns nördlich von Rosenheim, weil sich daraus eine höhenmäßig geänderte Trassenführung ergeben würde. Es ist nicht zielführend, zum jetzigen Zeitpunkt nur mit einer Verweigerungshaltung zu reagieren.“

Der Planungsprozess müsse detailliert betrachtet und begleitet werden. „Ansonsten verpassen wir die Möglichkeiten zu Optimierungen im Sinne unserer Bürger.“

Schechen „total davon betroffen“

Von einem „Schock“ spricht Schechens Bürgermeister Stefan Adam, als er von der Auswahltrasse erfahren hat, die zwischen Pfaffenhofen und Westerndorf St. Peter verläuft: „Man hat den Favoriten bereits rausgehört, aber wir in Schechen sind total davon betroffen.“ Der etwa vier Kilometer lange „Wall“ durchschneide „komplett“ das Gemeindegebiet. Sorgen würde ihm vor allem die Höhe des Damms bereiten. „Das ist unvorstellbar.“ Juristische Schritte will sich der Rathauschef deshalb offen halten. Nichtsdestotrotz werde er weiterhin die Forderung einer Innunterquerung bei Rosenheim unterstützen.

Stephanskirchen will sich wehren

Nach der Innquerung verschwindet die Trasse im etwa 5,5 Kilometer langen Tunnel Ringelfeld, der in einem Bogen östlich um Stephanskirchen herumführt. Und Bürgermeister Karl Mair findet klare Worte für die Auswahlvariante: „Die von der Bahn vorgeschlagene violette Trasse ist die längste, teuerste und technisch aufwendigste Trasse.

Die Entscheidung dafür kann somit nur politisch begründet werden und nicht sachlich.“ Sowohl der Bau als auch die fertige Trasse würde die Gemeinde und ihre Bürger erheblich beeinträchtigen: „Daher werden wir uns in Zukunft argumentativ und juristisch weiterhin gegen das Projekt zur Wehr setzen.“

Nördlich von Geigling: Zwischen Autobahn und Staatsstraße soll die Bahntrasse aus dem Tunnel kommen.

Ein „schwarzer Tag“ für Riedering

Für Christoph Vodermaier, Bürgermeister von Riedering, war der Dienstag, an dem die Vorzugstrasse bekanntgegeben wurde, ein „schwarzer Tag“: „Die violette Trasse wird die Gemeinde Riedering mit ihren zwei Untervarianten in unvorstellbarem Ausmaß betreffen.

Gerade die oberirdische Variante würde Ortsteile im Bereich zwischen Rohrdorf, Stephanskirchen und Riedering zerschneiden, landwirtschaftliche Flächen vernichten und Naherholungsraum einer ganzen Region am Naturschutzgebiet südlicher Simssee unwiederbringlich zerstören.“

Zentraler Punkt im Inntal: die geplante Verknüpfungsstelle Niederaudorf, deren Verlagerung in den Wildbarren aktuell geprüft wird.

Vodermaier plädiert für eine Untertunnelungsvariante, denn die von der Deutschen Bahn angedachte oberirdische Variante sei „nicht raumverträglich.“ Er fordert deshalb die Einstellung der oberirdischen Variante und dass die Maßgaben der Regierung von Oberbayern aus dem Raumordnungsverfahren „zwingend“ umgesetzt werden.

„Hier appelliere ich an alle Entscheidungsträger, an einem Strang zu ziehen, um unsere Heimat zu schützen.“ Es müsse nun „auf allen Ebenen und mit allen Mitteln für eine Nachbesserung dieser Planung“ gekämpft werden.

Rohrdorf will Strategie entwickeln

Bestürzt“ und „enttäuscht“ habe Simon Hausstetter, Bürgermeister von Rohrdorf, auf die violette Variante reagiert. „Die Bestürzung war aber nur von kurzer Dauer; bei Rückschlägen gilt es schnellstmöglich wieder Kraft zu sammeln und mit größtem Engagement dagegen anzukämpfen“, erklärt Hausstetter.

Die violette Trasse sei für Rohrdorf und insbesondere für die Ortsteile Lauterbach denkbar ungünstig: „Sie zerstört dauerhaft Natur, Umwelt und Lebensgrundlage vieler Bürgerinnen und Bürger. Der nächste Schritt ist nun eine Absprache mit den Bürgermeisterkollegen, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln.“

Samerberg wird voll untertunnelt

Besser erwischt hat es die Nachbargemeinde Samerberg, die komplett untertunnelt wird. Doch Bürgermeister Georg Huber wirkt wenig begeistert: Er spricht in Bezug auf die Planung mit der violetten Trasse von einem „unwiderruflichen brutalen Eingriff in die Voralpenlandschaft zugunsten einer Hochleistungsbahnstrecke, deren Bedarf bis heute nicht belegt ist.“

Die Visualisierung der Einfahrt in den Tunnel „Steinkirchen“, der unter dem Samerberg hindurchführen soll.

Zwar möge die geplante Untertunnelung des Samerberger Gemeindegebiets „auf den ersten Blick umweltverträglich“ aussehen. Aber die eigentliche Katastrophe, so Huber weiter, käme auf die Nachbargemeinden Rohrdorf, Riedering und Stephanskirchen zu, wo weiterhin oberirdisch geplant wird. „Auch der Norden von Rosenheim wird in 20,30 Jahren nicht mehr wieder zu erkennen sein.“ Durch diese Verkehrsschneise werde zusätzlicher Verkehr in das Inntal angezogen, ist Huber überzeugt.

Eintreten für mehr Tunnelanteile

Sein Nußdorfer Amtskollege Sepp Oberauer sagt: „Die violette Trasse entspricht allen unseren Anforderungen.“ Auch der Abstand zu den Wohnsiedelungen wäre mit etwa 40 Metern ausreichend. „Nichtsdestotrotz sind wir Inntaler und betreiben keine Kirchturmpolitik“, stellt Oberauer klar.

Er fordert mehrere Tunnelanteile. Die bisherigen Anteile von etwa 60 Prozent würden seiner Ansicht nach noch nicht ausreichen: „Da ist noch Luft nach oben.“ Insbesondere mit Blick auf die Nachbargemeinden Flintsbach und Oberaudorf sei er „sehr dahinter“, dass die Verknüpfungsstelle in Niederaudorf unter dem Wildbarren verläuft.

Nicht alle Probleme gelöst

Daran ist auch Stefan Lederwascher, Rathauschef von Flintsbach, sehr gelegen: „Die Verknüpfungsstelle unter dem Wildbarren zu verlegen, muss Ziel sein“, betont er. Mit der violetten Variante hätte Lederwascher nicht gerechnet. „Ich hab eher gedacht, dass es eine Variante an der Autobahn wird.“ Zwar sei er froh, dass es die violette Trasse geworden ist. „Aber mit Violett sind noch nicht alle Probleme gelöst“, stellt Lederwascher klar.

Gutachten in Auftrag gegeben

So sieht das auch sein Kollege Matthias Bernhardt aus Oberaudorf: „Für das Inntal als Ganzes ist die violette Variante sicher die vorteilhafteste Lösung, nicht aber für Oberaudorf.“ Denn von dieser Trasse wären sehr viele landwirtschaftliche Flächen betroffen. Auch für den Tourismus und die Bürger an sich wäre diese Variante, was den Naherholungsbedarf betrifft „äußerst unzufriedenstellend.“

Deshalb fordert Bernhardt „nach wie vor“, dass die Verknüpfungsstelle in den Wildbarren verlegt wird. Verkehrsminister Andreas Scheuer habe diesbezüglich ein Gutachten beim Zentrum für Schienenverkehrsforschung in Auftrag gegeben. „Große Unterstützung haben wir dabei auch durch die Bundesabgeordnete Daniela Ludwig erfahren.“

Verkehr verlagert sich auf die Schienen

Hajo Gruber, Bürgermeister von Kiefersfelden, ist glücklich über die violette Variante, die unterirdisch durch den Ort verläuft: „Ich empfinde es als Glücksfall, dass ein Großteil unter der Erde ist.“ Dadurch verlagere sich der Verkehr von den Straßen auf die Schienen. Denn das Inntal sei durch den Verkehr schwer belastet. „Wir sollten aber trotzdem alles versuchen, dass die Verknüpfungsstelle in Niederaudorf in den Wildbarren verlegt wird“, macht Gruber deutlich.

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