Brennerzulauf: "Wir bieten Berlin die Stirn"

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Luftbild der Gemeinde Flintsbach: Bis an die Gleise reicht die Wohnbebauung. Auch das "schönste Freibad im Inntal", wie viele sagen, grenzt direkt an die Trasse.

Kiefersfelden/Tuntenhausen - "Unsere Bürger sind sehr verunsichert. Wir schließen unsere Reihen und bieten gemeinsam die Stirn", so der Tenor vieler einheimischer Bürgermeister zum Brennerzulauf.

Es war ein Treffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, doch geheim soll es keinesfalls bleiben: Das Zusammenkommen aller Inntalbürgermeister von Kiefersfelden bis Raubling sowie die Gemeindechefs aus Großkarolinenfeld und Tuntenhausen zum Thema Zulaufstrecke des Brennerbasistunnels.

Tagtäglich wird Wolfgang Berthaler, Sprecher der Bürgermeister, oder einer seiner Amtskollegen mit dem Problem konfrontiert: "Sobald ich auf die Straße gehe, sprechen mich verunsicherte Bürger an. Da wird sogar von Zwangsenteignung oder Unverkäuflichkeit der Immobilien gesprochen. Wir wollen diesen wilden Gerüchten ein Ende machen und das Heft in die Hand nehmen", so Berthaler.

Der "ehrliche Planungsdialog" müsse nun hurtig gestartet werden. Es könne nicht sein, dass plötzlich aus irgendwelchen Schubladen des Bundesverkehrsministeriums Federstrich-Trassenverläufe im Inntal ins Gespräch gebracht werden, die den "Eindruck von Situationsunkenntnis und fehlender Sensibilität" verstärken, heißt es in einer Resolution an Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, die alle acht Inntalbürgermeister unterschrieben haben. "So kann man mit uns nicht umgehen. Das verstehe ich nicht unter Dialog", schimpft Berthaler.

Auch wurde bei dem Treffen in Flintsbach ein Brief verfasst, der an Ministerpräsident Horst Seehofer, an Bundesministerin Ilse Aigner und den bayerischen Verkehrsminister Martin Zeil gerichtet ist. Berthaler: "Es ist uns Ernst, denn die Verlautbarungen aus dem Verkehrsministerium zur Trassenführung sind für uns im Inntal existenzbedrohend. Die Angst geht bei den Bürgern um. Wir bitten um Hilfe und Unterstützung."

Die acht Inntalbürgermeister hätten zwar alle ein schwarzes Parteibuch, das sei aber "kein heiliges Buch". Man habe sich jetzt in Flintsbach getroffen, um gemeinsam eine Linie zu finden, so der Bürgermeister. Man wolle keine blinde Opposition gegen Berlin betreiben, sondern den sachlichen Dialog einleiten. Doch eines sei klar: "Wir im Inntal sind nicht Menschen zweiter Klasse. Wir fordern den gleichen, aktiven Lärmschutz wie in Tirol." Sollte der Schienenausbau um zwei weitere neue Gleise in Erwägung gezogen werden, "fordern wir grundsätzlich eine Untertunnelung der Strecke", heißt es in der Resolution. Für den oberirdischen Trassenausbau sei im Inntal einfach kein Platz. Außerdem verlangen die Bürgermeister, dass umgehend Planungen eingeleitet werden, um "aussagefähige Fakten zu ermitteln und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie der gesamte Schienenverkehr zukünftig durch das Inntal" geführt werden könne.

Für den 7. Oktober ist in der Brannenburger Wendelsteinhalle ein großes Treffen aller Räte der zehn betroffenen Gemeinden verabredet. "Wir erwarten 200 gewählte Volksvertreter und werden hier ein Signal setzen", sagt auch Oberaudorfs Bürgermeister Hubert Wildgruber. Die große Politik müsse lernen, mit den Bürgern zusammenzuarbeiten und nicht über deren Köpfe hinweg zu entscheiden.

Ziel des Treffens sei, Informationen aus erster Hand zu geben und alle Gemeinderäte jeglicher politischer Coleur auf denselben Wissensstand zu bringen, so Wildgruber. Das Parteibuch spiele in dieser "Überlebensfrage" keine Rolle. "Wir machen alle zusammen den Schulterschluss und wollen vermeiden, dass sich kleine Grüppchen mit Extraforderungen absplittern. Gemeinsam sind wir stark."

Man werde die Infoveranstaltung Anfang Oktober "klug vorbereiten" und auch Tiroler Bürgermeister, die den Planungsdialog bereits erfolgreich durchgezogen haben, um Stellungnahmen und Ratschläge bitten. "Lieber vorher länger miteinander reden und um Lösungen im Einzelfall ringen, als nachher langwierige juristische Kämpfe ausfechten", erklärt Berthaler. Auch Vertreter der planenden und bauenden Firmen aus Tirol werden kommen. "Der Kampf ist angesagt. Wenn es sein muss, legen wir mit einer Großdemo auch die Autobahn lahm", so ein entschlossener Flintsbacher Bürgermeister.

Sigrid Knothe (Oberbayerisches Volksblatt)

 

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