Pandemie-Maßnahmen

Das Corona-Gefälle: Frust in Rosenheim, Frühlingsgefühle in Raubling

Ob durch Fernunterricht an den Schulen, nächtliche Ausgangssperre oder Shopping-Verbot: Die Corona-Maßnahmen wirken sich auf jeden Menschen aus. Im Landkreis sind die Inzidenz-Zahlen gefallen, in der Stadt gestiegen: Was das außer nächtlichem Hausarrest für Rosenheim heißt.

Rosenheim – Eine Rundfahrt durch die Region gleicht aktuell einem Wechselbad der Gefühle. In der Innenstadt in Rosenheim herrscht bei einer 7-Tage-Inzidenz von 107 bei vielen Händler frostige Stimmung. Und nur ein paar Kilometer weiter, außerhalb der Stadtgrenze, freuen sich Händler bei einer Landkreis- Inzidenz von 76 auf den Frühling und auf ersten wirklichen Schritt raus aus dem Lockdown.

Enttäuschung über die Regierung

„Was haben wir der Regierung getan, dass die uns dermaßen bestraft“, schimpft Paul Adlmaier vom Herrenmode-Spezialisten Adlmaier und Vorsitzender des City-Marketings Rosenheim. Noch am vergangenen Freitag hatte „Adlmaier for Man“ via Facebook seine Vorfreude auf den Kontakt mit vereinzelten Kunden nach vorheriger Terminabsprache kundgetan: „Wir haben alles auf Frühling umgestimmt und freuen uns schon sehr auf Euch.“

Mit Beginn der neuen Woche kam gleich die Ernüchterung: Rosenheim schon wieder über 100, „Click & Meet“, so heißt besagter verabredeter und direkter Kundenkontakt auf Corona-Deutsch, damit schon wieder untersagt, der ganze Aufwand mit Personaleinsatz und Terminvereinbarungen vergebens.

Und das alles wegen der kleinen Unterschiede in der 7-Tage-Inzidenz. Sie sind es die einer Kommune so wie ihren Einzelhändlern, Nachtschwärmern und Schülern bescheidenes Wohl oder großes Wehe bescheren.

Heißt: Im Landkreis sind vorsichtige Öffnungen wie Click & Meet für Einzelhändler und Wechselunterricht an den Schulen drin. In der Stadt aber kehren eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr und Distanzunterricht (außer für Abschlussklassen) zurück. In der Stadtverwaltung nahmen gestern die Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Bestimmungen der 12. bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnungen unter die Lupe. Ergebnis der Bemühungen: Die konkreten Umsetzungen der bayerischen Beschlüsse in einer Allgemeinverfügung für die Stadt Rosenheim.

Frühlingsgefühle draußen vor der Stadt Rosenheim

Nur wenige Kilometer weiter gedeihen erste Frühlingsgefühle. In Raubling freut sich iko-Geschäftsführerin Tessa Irlbacher über die Sonne und den anhaltenden Outdoor-Trend. „Bei dem schönen Wetter sieht man schon viele Menschen radeln.“ Radfahren sei vergangenes Jahr schon ganz groß in Mode gekommen, nun kauften die Leute das nötige Zubehör, vom Fahrradhandschuh bis zum Helm.

Click & Meet als Hoffnungsschimmer

Für sie ist die vergangene Woche verkündete Lockerung mit der Möglichkeit, eine beschränkte Anzahl Kunden nach Online-Terminvereinbarung bedienen zu können, ein Hoffnungsschimmer. Click & Collect habe sich nicht gelohnt, der direkte Kontakt zum Kunden sei eben nicht zu ersetzen. So habe man denn die Mitarbeiter eiligst aus der Kurzarbeit geholt, einen Kalender zum Vereinbaren der Termine in die Homepage eingebunden und über soziale Netzwerke getrommelt, „damit wir fit fürs Frühjahr sind“, sagt sie.

iko hat auch ein Geschäft in Salzburg, Irlbacher kennt also auch die Verhältnisse bei den Nachbar in Österreich ganz gut. Was sie sich fragt: „Ist die Inzidenzzahl tatsächlich zum einzigen Anhaltspunkt geeignet?“ Und warum kommen die Österreicher beim Testen und vor allem beim Impfen besser voran? Verdachtsfälle würden bei den Nachbarn schneller entdeckt und isoliert, sagt Irlbacher. „Bei denen fühlt sich die Lage entspannter an als bei uns.“

Corona-Lockdown: Warum nur hängt alles an der Inzidenz?

Gleich mehrfach gestraft sieht sich dagegen Udo Siebzehnrübl. Der Sporthändler betreibt Intersportgeschäfte in Altötting, Rosenheim und München. Und hat überall mit Einschränkungen zu kämpfen. In Altötting immerhin fällt die Zahl wieder, dort scheint Hoffnung. In München aber und mehr noch in Rosenheim sieht sich Siebzehnrübl im Hintertreffen. „Am Samstag hätten wir noch Click & Meet machen können, da durften wir noch nicht. Am Montag hätten wir gedurft, da konnten wir aber nicht mehr, weil die Inzidenzzahl übers Wochenende so nach oben gegangen war.“

Bei seinen Geschäftsführern, so sagt er, liegen die Nerven blank, „es ist wirklich ein Alptraum, mit dieser Ungewissheit, wann wir wieder aufmachen können.“ In Rosenheim muss er weiter auf Online-Versand setzen, „und damit machen wir trotz aufwendiger telefonischer Beratung gerade mal fünf Prozent von unserm normalen Umsatz.“ Die wackeligen Rechnungen mit den Inzidenzzahlen – für Siebzehnrübl gleichen sie einem „Kartenhaus“.

Viele Rosenheimer Einzelhändler können Einschränkung nicht nachvollziehen

Auf großes Unverständnis stoßen die Maßnahmen und die Konzentration auf die Inzidenzahl auch bei Maria Reiter, der Rosenheimer Ortsvorsitzenden des Handelsverbands Bayern.

Sie hatte die Möglichkeit des vereinzelten Kundenkotakts nach Terminvereinbarung zunächst „als kleinen Schritt in die richtige Richtung“ begrüßt. Jetzt sieht es für sie so aus, als ob da zwei Schritte getan werden, und zwar in zwei Richtungen. „Das Blöde ist, dass die Einzelhändler in der Stadt die Einzigen sind, die gar nicht aufmachen dürfen, während das im Landkreis und überall in der Umgebung sonst anders ist.“

Sie spricht daher von Wettbewerbsverzerrung. Wie man die einen begnadigt und die anderen unter Verschluss hält, die Gastronomie sogar noch länger als alle anderen, und das alles, wie gesagt, wegen einer Zahl, findet sie unverständlich. „Das ist in meinen Augen Willkür“, sagt sie.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte

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