"Der Kuchen wird nicht größer"

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Der Fahrradsport - ein umkämpfter Wachstumsmarkt, in dem sich auch in der Region zahlreiche Ausrüster behaupten wollen. Wenn Aventura kommt, so befürchten sie, ist es mit den rosaroten Aussichten vorbei.

Rosenheim - "Unsinnig", "schädlich", "nicht nachvollziehbar": Der Sportfachhandel im Raum Rosenheim ist sich in der Beurteilung des geplanten Aventura-Einkaufs- und Erlebniszentrums in Kiefersfelden einig.

Die Ablehnung des Shopping-Giganten liegt aufgrund der drohenden Konkurrenz auf der Hand. Das Hauptargument des Einzelhandels, das dieser mit Zahlen untermauert sieht, lautet: "Es besteht kein Bedarf."


"Das Oberzentrum Rosenheim ist mehr als ausreichend mit Sportangeboten ausgestattet, der Markt ist sogar als überfrachtet anzusehen", so Karstadt-Geschäftsführer Matthias Ecke. Neben den Großflächenanbietern wie das Karstadt-Sporthaus seien in der Region "mehrere Dutzend Spezialisten und kleine Fachgeschäfte" ansässig, die das Sortiment abrunden. Als "wirtschaftlich nicht nachvollziehbar" sieht er deshalb den Ansiedlungswunsch von Aventura in Kiefersfelden.

"Der Sport ist sehr gut besetzt in der Region", findet auch Paul Adlmaier, Vorsitzender des City-Managements Rosenheim. "Weiteren Bedarf gibt es nicht", ist er überzeugt. Auch aus dem derzeit vielzitierten Einzelhandelsgutachten für Rosenheim, das angeblich für das Oberzentrum einen innenstadtverträglichen zusätzlichen Bedarf an einem Sportartikelfachmarkt erkennen lasse, sei "genau dies nicht herauszulesen".


Dass immer wieder weiterer Bedarf für einen Sportfachmarkt gewittert wird, liegt nach Ansicht von Sylvester Schütz, Geschäftsführer von Iko-Sport, an saisonalen Nachfragehochs, wenn das Wetter mitspielt. Verregnete Monate wie im Frühsommer müssten Investoren eigentlich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückführen, findet er.

Die Gutachten widersprechen sich

Mit dem Ergebnis eines Gutachtens, das Iko im Mai 2010 in Auftrag gegeben hat, sieht sich Schütz in seiner Meinung, der Sportfachhandel sei im Raum Rosenheim ausgereizt, bestätigt. Im aktiven Einzugsgebiet, das in einem Umkreis von 35 Fahrminuten liege, würden demnach 290 000 Einwohner als Kunden in Frage kommen. Derzeit werde in diesem Bereich pro Jahr vom bestehenden Sportfacheinzelhandel 27,5 Millionen Euro Umsatz mit sportrelevanten Artikeln getätigt. Das errechnete mögliche Umsatzvolumen liege bei 28 Millionen Euro.

Die Unterberger Liegenschaftsentwicklungs GmbH, die hinter dem Vorhaben Aventura steht, beziehe ihre Umsatzerwartungen allerdings auf ein Einzugsgebiet, das 95 Fahrminuten umfasse. Nur eine Stunde entfernt würden jedoch bereits die nächsten Großflächenanbieter ansässig sein.

Zieht vielleicht der Event-Charakter des neuen Einkaufszentrums? Schütz kann sich dies angesichts der Tatsache, dass bereits in München die größte Kletterhalle Europas steht und Bikestrecken für Radler "in unserer Region vor der Haustüre liegen", nicht vorstellen.

"Von Urlauber-Stopps kann niemand leben"

Auch Achim Wippermann, Geschäftsführer des Sporthauses Ankirchner in Rosenheim, ist überzeugt: "Wir brauchen keinen weiteren Sporthandel mehr". "Der Kuchen wird nicht größer", ist Wippermann auch angesichts des wachsenden Internethandels überzeugt. Vehement widerspricht er der Erklärung der Investoren, vor allem auf der Autobahn vorbeifahrende Urlauber ansprechen zu können: "Von ihren Kurzstopps kann man nicht leben. Es wird auf jeden Fall Kaufkraft abgezogen."

Rosenheim: Hotel statt Einkaufsgigant

Die aufgeflackerten Diskussionen über eine mögliche Ansiedlung eines ähnlichen Projektes wie Aventura, in verkleinerter Form auf dem Rosenheimer Bahnhofsgelände, findet er "ungeheuerlich". "Wir sind der Meinung, dass am Bahnhof etwas passieren muss - beispielsweise durch die Ansiedlung eines weiteren Hotels, damit Rosenheim den Namen Kongressstadt auch wirklich zu Recht tragen kann." Iko-GeschäftsführerSchütz beklagt, dass für die Aventura-Ansiedlung mit Zahlen aus einer Studie argumentiert wird, die nur Großflächenstandorte ab 500 Quadratmeter aufwärts untersucht haben. "Wir persönlich haben keine Probleme mit Mitbewerbern, befürchten jedoch einen harten Verdrängungswettbewerb, bei dem die vielen kleinen und mittleren Fachhändler in der Region auf der Strecke bleiben."

Michael Brosig, Juniorchef des gleichnamigen Traditionssporthauses in Kiefersfelden, sieht dies als direkt Betroffener genauso. Das 1970 gegründete Sportgeschäft bietet mit Skischule, Fahrradgeschäft und einer Spezialisierung auf Outdoor genau die Kernkompetenz, auf die sich jetzt auch das neue Einkaufs- und Erlebniszentrum an der nahen Autobahnausfahrt konzentrieren möchte.

"Es ist niemandem geholfen, wenn 200 neue Arbeitsplätze geschaffen werden und dafür viele bereits bestehende draufgehen", findet er. Auch ihn ärgert es, dass die Aventura-Studie nur Verkaufsflächen über 500 Quadratmeter berücksichtigt: "Im ganzen Inntal gibt es nur einen Anbieter, der dies erreicht, alle anderen - auch wir mit unseren 450 Quadratmetern, mit denen wir uns als relativ großes Sporthaus betrachten - fallen unter den Tisch." "Mit den Zahlen aus der GfK-Studie zu argumentieren, ist Propaganda", ärgert sich Brosig. Er sieht außerdem die Gefahr, dass sich das Einkaufszentrum auf Dauer nicht trägt und die Immobilie dann in ein Outlet-Center übergehen könnte.

Als "unfair" empfindet der Juniorchef die Tatsache, dass die Investoren mit einem Abwandern über die Grenze Druck auf den Gemeinderat ausgeübt hätten. "Das Projekt ist jedoch schon zweimal von Tiroler Seite abgelehnt worden." Ebenso wie Iko ärgert sich das Sporthaus Brosig darüber, dass immer wieder behauptet werde, die bestehenden Fachhändler ständen der Ansiedlung von Aventura positiv gegenüber. "Wir gehen da nicht rein", so Schütz. "Wir warten seit sieben Wochen auf eine Antwort zu einer Anfrage von uns", berichtet Brosig, der angesichts "vieler konträrer Aussagen" der Projektverantwortlichen viele Fragezeichen rund um das Projekt sieht.

"Der gesamte Einzelhandel in der Region würde Schaden nehmen", ist sogar der Vorsitzende des City-Managements Rosenheim, Adlmaier, überzeugt. "Wie negativ sich solch großflächige Einkaufszentren auf die Funktion der Innenstädte auswirken, dafür gibt es schließlich genug Beispiele."

duc/Oberbayerisches Volksblatt

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