Oberaudorfer Verbandszeug für Haiti

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Nichts als Tote, Verletzte und Ruinen: Suche nach Opfern in Port-au-Prince.

Oberaudorf/Port-au-Prince - Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Antibiotika - Die Menschen auf Haiti brauchen genau diese Dinge dringend. Damit hilft der Oberaudorfer Apotheker Ulrich Brunner.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus dem Oberbayerischen Volksblatt:

"Die Lage ist erschütternd"

Das Ausmaß der Katastrophe auf Haiti und die nur zäh in Fahrt kommende Rettungsmaschinerie - im Raum Rosenheim verfolgt sie kaum jemand so intensiv wie Ulrich Brunner aus Oberaudorf.

Der Oberaudorfer Apotheker ist Vorsitzender der von ihm gegründeten Vereinigung "Apotheker ohne Grenzen", die schon eine Helferin ins Katastrophengebiet geschickt hat. Drei weitere Apotheker sollen ihr bald folgen.

Der Oberaudorfer Apotheker Ulrich Brunner (2.v.l.).

Seit zehn Jahren gibt es "Apotheker ohne Grenzen" in Deutschland. Der Tsunami in Fernost war Ende 2004 der erste große Auslandseinsatz für die Hilfsorganisation, die bundesweit rund 850 Mitglieder hat. Ironie des Schicksals: Die SMS mit der Nachricht vom Erdbeben in Haiti erreichte Ulrich Brunner (kleines Bild) im Tsunami-Gebiet auf Sri Lanka. Dort leisten die "grenzenlosen" Apotheker auch fünf Jahre nach dem verheerenden Seebeben nachhaltige Wiederaufbauarbeit. Seit er aus Asien zurück ist, steht Brunner in Oberaudorf pausenlos per Telefon und Internet mit Kollegen und Helfern in Kontakt. Unsere Zeitung sprach mit dem Apotheker.

Herr Brunner, wie helfen die "Apotheker ohne Grenzen" auf Haiti?

Apothekerin Dr. Julia Micklinghoff ist am Montag gemeinsam mit einem Team unserer Partnerorganisation, der Humedica e.V. mit Sitz in Kaufbeuren, nach Haiti aufgebrochen. Die Pharmazeutin wird sich in Port-au-Prince im Krankenhaus der Organisation "Fondation pour les enfants d'Haiti" vor allem um die Verteilung von Medikamenten kümmern und die Lagerung der aus Deutschland gelieferten Hilfsgüter koordinieren.

Ist das Krankenhaus nicht völlig zerstört?

Nein. Micklinghoff ist auf relativ gute Arbeitsbedingungen gestoßen. Das weitgehend intakte Klinikgebäude verfügt über einen OP-Saal, Labor und Röntgen und kann stationäre Patienten aufnehmen. Nur aufgrund von Personal- und Materialmangel musste es nach dem Erdbeben vorübergehend geschlossen werden.

Wann bekommt Ihre Kollegin Unterstützung?

Flog nach Haiti: Dr. Julia Micklinghoff von "Apotheker ohne Grenzen".

Wir haben es geschafft, in einer Maschine drei Plätze für zwei Apotheker und einen Koordinator zu bekommen - es handelt sich um erfahrene und geschulte Leute, die über die Dominikanische Republik ins Katastrophengebiet reisen und ein - so wird das international genannt - "Emergency Health Kit" dabei haben. Mit dieser extra für Katastropheneinsätze konzipierten Riesenbox, die unter anderem Desinfektions- und Schmerzmittel, Antibiotika, Verbandmaterial und Wasserentkeimungstabletten enthält, können bis zu 10 000 Menschen für drei Monate lang versorgt werden.

Kann man die Lage auf Haiti mit der Situation der Tsunami-Opfer vergleichen?

Was die Dimension betrifft, ja - die Tragödie auf Haiti hat aber eine ganz andere Qualität. Nach dem Tsunami war die große Mehrheit der Betroffenen entweder tot oder unverletzt. Auf Haiti ist die Zahl der Schwerst- und Schwerverletzten noch überhaupt nicht absehbar. Sie durchleiden unvorstellbare Qualen. Die Lage ist erschütternd und katastrophal. Umso wichtiger ist es, den Ärzten den Rücken für lebensrettende Operationen frei zu halten und den Nachschub an Medikamenten zu steuern. Das ist unsere Aufgabe.

Wie schafft es Ihre Organisation, ehrenamtliche Pharmazeuten so schnell und unbürokratisch von ihren Verpflichtungen daheim zu entbinden?

Durch einen Notfallplan, mit dem das ganze Jahr abgedeckt wird. Jeder von uns stellt sich für einen Zeitraum von drei bis vier Wochen zur Verfügung, in dem er keinen Urlaub nimmt, im Katastrophenfall in der Apotheke abkömmlich ist oder vom Arbeitgeber freigestellt wird. So stehen stets zwei Mitarbeiter auf Abruf bereit. Gleichzeitig wird laufend unter realitätsnahen Bedingungen geschult, unter anderem in einem Zeltcamp in Landsberg. Gerade bei einer Katastrophe von einem solchen Ausmaß ist es wichtig, dass wir uns als Fachleute effizient um die Arzneimittelversorgung, etwa per "Emergency Health Kit", kümmern.

Wie lange wird das Engagement Ihres Vereins auf Haiti dauern?

Das ist noch überhaupt nicht abschätzbar. Nach dem Tsunami haben sich 16 Apotheker in Zweierteams über Monate hinweg abgewechselt. Auf Haiti werden sich die Einsätze wohl deutlich länger hinziehen.

Mehr Infos: www.apotheker-ohne-grenzen.de, Spendenkonto: "Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V.", Konto 0005077591, Dt. Apotheker- und Ärztebank, BLZ 30060601.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

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