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Gesundheitsamtschef appelliert an Vernunft

Herbstfest beginnt: Rosenheims Wiesn als Prüfstein für entspannten Corona-Kurs

Wie wird das Herbstfest Rosenheim die Corona-Lage in der Region Rosenheim beeinflussen?
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Wie wird das Herbstfest Rosenheim die Corona-Lage in der Region Rosenheim beeinflussen?

Heiße Sehnsucht, kaltes Grausen? Das so sehnlich erwartete Rosenheimer Herbstfest wird zum großen Prüfstein für den Corona-Kurs. Wird die Gaudi ein böses Nachspiel haben? Dabei ist kaum zu erwarten, dass die Intensivstationen überlastet werden. Was Ärzten wirklich Sorge macht, ist etwas anderes.

Rosenheim – Optimisten könnten annehmen, die Rosenheimer hätten in Erwartung des Herbstfestes ihre sozialen Kontakte weitestgehend eingeschränkt, um sich ja nicht durch eine Infektion kurz vor Anpfiff selbst aus dem Spiel nehmen. So sind die Zahlen der Stadt in den vergangenen Tagen kontinuierlich gesunken: von 226 auf 160. (Landkreis auf 203 von 196).

Nicht ganz so zuversichtliche Zeitgenossen könnten dagegen vermuten, die Menschen hätten einfacher weniger getestet. Womöglich, um sich nicht durch eine positive Testung das Herbstfest zu verbauen.

Zu den insgesamt kritischeren Beobachtern gehört Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamts in Rosenheim. „Jeder, der beabsichtigt, dieses Event zu besuchen, muss sich bewusstmachen, dass er auch Risiken eingeht“, sagt Hierl. „Wir haben nach der Frühjahrsdult in Landshut, der Bergkirchweih in Erlangen, der Kulmbacher Bierwoche und zuletzt dem Gäubodenfest Straubing deutlich ansteigende Infektionszahlen erlebt.“ Hierl berichtet von überregionalen Ereignissen. Kenner der regionalen Festszene könnten die Liste vermutlich um Beispiele aus der Nachbarschaft Rosenheims fortschreiben.

Jedenfalls stellt Hierl fest, dass PCR-Tests immer weniger in Anspruch genommen werden. Sie allein jedoch gehen in die Statistik ein. Durch das deutliche Minus bei den PCR-Tests spiegelt die „Statistik nicht die wahre Infektionsaktivität in der Bevölkerung wieder“.

Schwere Verläufe sind nicht die einzige Bedrohung

Was Hoffnung macht: Rasant steigende Infektionszahlen müssen keine unmittelbare Wirkung entfalten. Die weiterhin vorherrschende Omikron-Variante des Corona-Virus macht ihrem Ruf als mildere Variante insofern Ehre, indem sie verhältnismäßig wenige Menschen ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation zwingt.

Auch sterben weniger Infizierte als etwa zu Zeiten der Delta-Variante; nach Angaben des Gesundheitsamtes ist ein Mensch aus dem Landkreis in den vergangenen zwei Wochen an oder mit Corona verstorben. Die Person - das Geschlecht gibt das Gesundheitsamt aus Gründen des Datenschutzes nicht an - war in einem Heim betreut worden.

Hierl appelliert: Menschen sollen die Notaufnahmen schonen

Aber, so wendet auch Hierl ein: Auch jüngere Menschen sind nicht vor schwerwiegenden, langfristigen Folgen gefeit. Und: Aufgrund seiner hohen Ansteckungskraft kann der Virus schnell ganze Gruppen infizieren. Da könnte mancher Chef ins Grübeln geraten, ob Betriebsausflüge auf die Wiesn heuer noch die bevorzugte Version der Mitarbeitermotivation darstellen sollten.

Vor allem die kritische Infrastruktur hält das Gesundheitsamt unter Beobachtung. Zum Beispiel in den Krankenhäusern. Problematisch bleibe der hohe krankheitsbedingte Personalausfall im ärztlichen und pflegerischen Bereich, stellt Hierl fest. „Dadurch kommt es in den Romed-Kliniken zu einer massiven Belastung des Betriebs, weiterhin müssen elektive Eingriffe abgesagt oder verschoben werden, und Betten können nicht betrieben werden.“

Hierl appelliert an Hilfesuchende, die Zentralen Notaufnahmen nicht ohne zwingende Gründe aufzusuchen. Erste Ansprechpartner im Falle einer Erkrankung oder leichteren Verletzung seien Hausarzt oder kassenärztlicher Notdienst.

Die Aufnahmeeinrichtungen der Krankenhäuser seien durch die permanent hohe Zahl an Patienten und den Krankenstand des Personals bereits stark belastet. Darauf hatte in den vergangenen Wochen auch Dr. Michael Bayeff-Filoff, Chef der Notaufnahme im Romed-Klinikum Rosenheim, hingewiesen.

Leichte Entspannung in den Heimen der Region Rosenheim

Eine erleichternde Nachricht nach den schweren Ausbrüchen mit vielen Todesfällen in den vergangenen zwei Jahren: Die Situation in den Heimen ist nach Angaben des Gesundheitsamtes relativ entspannt.

Demnach sinken die Infektionszahlen bei Bewohnern und Mitarbeitern seit dem Lagebericht Mitte August. Seit diesem letzten Zwischenstand habe der Virus drei Bewohner hospitalisiert. Allerdings: Schon treten vermehrt Infektionen unter dem Personal auf, das nunmehr aus dem Urlaub zurückkehrt.

Die Zahl der Neuinfizierten in der Region Rosenheim binnen zwei Wochen (Stand 26.8.22).

Ansteckungen mit Corona: Bad Aibling fällt in der Statistik auf

Die eingangs angesprochene, möglicherweise aber trügerische leichte Entspannung bei den Inzidenzzahlen liest sich in den absoluten Zahlen beeindruckend. Seit dem letzten Wochenbericht mit Stand 11. August um Mitternacht wurden dem Gesundheitsamt 1.289 neue Fälle für Stadt und Landkreis Rosenheim gemeldet. Im Bericht zwei Wochen zuvor waren es mit 2.649 noch doppelt so viele gewesen.

Rosenheim steht - angesichts seiner Bevölkerungszahl von 63.000 nicht überraschend - mit 281 registrierten Infektionen im Landkreis an der Spitze. Auffällig viele Infektionen wurden in den vergangenen zwei Wochen in Bad Aibling verzeichnet: Bei 116 offiziell registrierten Ansteckungen fing sich dort einer unter 155 Einwohnern das Virus ein. In Rosenheim war‘s einer von 224 Menschen. Wolfgang Hierl wird gespannt beobachten, wie sich die Zahlen in der kreisfreien Stadt in den nächsten zwei, drei Wochen entwickeln.

Die Impfquote im Vergleich in der Region Rosenheim.

Was Wolfgang Hierl fürs Herbstfest rät

Als die Pandemie begann, im März 2020, folgte die Stadt Rosenheim dem Rat vom Gesundheitsamtschef nicht. Starkbierfest abblasen, das hatte der Gesundheitsamtschef empfohlen. Ozapft sei! entschied dagegen die Stadt. Und stoppte das Starbierfest dann doch kurz nach Beginn, der emporschnellenden Corona-Zahlen wegen.

Und im Herbst 2022? Steht Rosenheim vor der heiß ersehnten Wiederaufnahme des Herbstfestes, das 2019 zuletzt stattgefunden hatte. Samstag (27. August) geht es los. Und Hierl sagt: „Bürgerinnen und Bürger haben sich das kommende Vergnügen absolut verdient.“ Man hat seine Erfahrungen mit Corona gesammelt, das Geschehen scheint leichter kontrollierbar.

Hierl spricht aber auch von „gemischten Gefühlen“. Und sagt, was Experten für geboten halten:

1. Impfung vervollständigen; nur dadurch sind Sie bestmöglich geschützt.

2. Bei typischen Symptomen wie Husten, Fieber, Schnupfen, Störung des Geruchs- und Geschmackssinns, oder nach kürzlichem Kontakt zu einem positiv Getesteten: Bloß nicht zum Herbstfest!

3. Selbsttest vor Besuch des Herbstfests.

4. Erneuter Selbsttest zwei Tage danach.

5. Vulnerable Personen sollten sich einen Besuch sehr gut überlegen.

6. Professioneller Antigen-Schnelltest bei Erkältungssymptomen bis zu 14 Tage nach dem Besuch.

7. Bei ernsteren Beschwerden, gleich welcher Art: den ärztlichen Wies`n-Dienst aufsuchen, Hausarzt oder kassenärztlichen Notdienst konsultieren, nicht die Notaufnahmen. Sie sollten unbedingt schweren Fällen vorbehalten bleiben.

Bei all diesen Ratschlägen ist sich Hierl wie viele andere Experten über eines im klaren: Fast nirgendwo ist das Infektionsrisiko höher als auf einem Volksfest. „Durch den hautnahen Kontakt mit Menschenmassen, durch lautstarke Gesänge in den Zelten, ohne Masken, ohne Abstand und ohne große Hygienemaßnahmen werden Viren sehr leicht übertragen“, sagt Hierl.

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