Das Dilemma mit dem Rotlicht-Monopol

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Keine Verhältnisse wie an der Hamburger Reeperbahn...

Rosenheim/Landkreis - Nicht nur Raucher haben es schwer in Bayern - auch dem horizontalen Gewerbe wird es nicht leicht gemacht. Rosenheim geht gegen Bordelle nun schärfer vor.

Kaum ein Bundesland nimmt es bei Bordellgenehmigungen so genau wie der Freistaat. Seit 1989 ist in Städten unter 30.000 Einwohnern die Prostitution verboten. Das Rotlichtmilieu hat deshalb in Städten wie Kolbermoor (18.000 Einwohner), Traunstein (19.000) oder Wasserburg (12.000) schlechte Karten. Umso mehr Bordellbetreiber und leichte Mädchen drängen nach Rosenheim...

Die Zahl der Freudenhäuser wird auf 15 geschätzt, weit über 100 Prostituierte dürften in der Innstadt anschaffen gehen.

Wie Pilze schießen sie nicht aus dem Boden. Dieser Vergleich wäre überzogen. Aber jedes Jahr dürften es ein bis zwei Bordelle oder bordellähnliche Etablissements zusätzlich sein, die nachts mit ihren roten Laternen Farbe in die Straßen der 60.00-Einwohner-Stadt Rosenheim bringen. Gab es in der Innstraße jahrzehntelang nur das weit über die Landkreis-Grenzen hinaus bekannte Eros-Center „Herz-Ass“, zählen die Anwohner dort nun schon sieben Freudenhäuser – und das auf einer Strecke von wenigen hundert Metern zwischen Inn- und Mangfallbrücke. Kein Wunder, dass manche schon spöttisch von der „Rotlichtmeile“ sprechen.

Die Schmerzgrenze ist damit nicht nur nach dem Geschmack der Nachbarn überschritten. Deshalb handelt die Stadt: Immer mehr Bordellbetreibern und ihren Vermietern zeigt das Ordnungsamt mit Nutzungsuntersagungen die Rote Karte. Die rechtlichen Möglichkeiten zur Verhinderung der Prostitution sind im Geltungsbereich von rechtskräftigen Bebauungsplänen in der Innenstadt in der Regel ausreichend. So läuft es auch in einem aktuellen Rechtsstreit um das „Bienenkörbchen“ in der Innstraße 55 darauf hinaus, dass die Stadt Recht bekommt und der Betreiber mit seiner Klage gegen den Schließungsbescheid abblitzt.

Verwaltungsgerichtspräsident Harald Geiger kam letzte Woche extra aus München zu einem Ortstermin nach Rosenheim, um sich ein Bild von Streitobjekt und Umgebung zu machen. Für ihn ist der Fall klar: „Das Bienenkörbchen“ befindet sich baurechtlich in einem Wohnmischgebiet – und dort dürften keine bordellartigen Einrichtungen betrieben werden.

Rosenheim geht gegen Bordelle nun schärfer vor. Der Betrieb des "Bienenkörbchens" an der Innstraße (rotbraunes Gebäude) wurde untersagt.

So sind die „flotten Bienen“ in der Innstraße ausgeflogen. Das Haus steht leer – und darüber ist vor allem die Besitzerin verärgert, schließlich ist die vielbefahrene Innstraße in ihren Augen mehr Gewerbe- als Wohn- oder Mischgebiet.

Typisch für die Situation in Rosenheim: Beim Ortstermin entdeckten die Beamten vom Ordnungsamt zufällig in unmittelbarer Nachbarschaft zwei Rotlichtbetriebe, von denen sie noch keine Kenntnis hatten. Auch das ist gängige Praxis: Nicht alle Bordell-Chefs oder Vermieter fragen vorher im Rathaus nach einer Genehmigung, so wie es im Schnitt zwei Bewerber pro Woche tun. Manche eröffnen einfach so ihr Freudenhaus – Mischgebiet hin oder her.

Bis die Lichter dort wieder ausgehen, kann es lange dauern. So verfügt die Stadt gegen ein Freudenhaus seit zwei Jahren über einen Verwaltungsgerichtsbeschluss – aber nur gegen den früheren Inhaber. Wenn die Betreiber wechseln und geklagt wird, dann kann sich die Sache hinziehen.

Wie viele Lusthäuser und Bordelle gibt es in Rosenheim? Weder Stadt noch Polizei lassen sich bei der Antwort auf diese Frage auf konkrete Zahlen ein. Die Rotlichtbranche ist ständig in Bewegung. Häuser schließen, andere öffnen, die Mädchen kommen und gehen. Es dürften inzwischen aber mindestens 15 Bordelle und „Massageclubs“ sein, in denen pro Betrieb im Schnitt sechs bis acht Frauen anschaffen gehen, was hochgerechnet 90 bis 120 Prostituierte ergibt. In Wirklichkeit sind es aber

wohl deutlich mehr, schließlich hat in Rosenheim – oft zum Ärger der Nachbarn – auch die Wohnungsprostitution Konjunktur. So hatte es vor Jahren in einem achtstöckigen Wohnblock an der Äußeren Münchener Straße viel Wirbel gegeben, weil in dem 47-Parteien-Haus gleich ein halbes Dutzend Thai-Mädchen ihre Freier empfingen (wir berichteten). Dort hat sich die Lage offenbar wieder entspannt, vermutet das Ordnungsamt. Beschwerden gab es zuletzt nicht mehr. Im Gegensatz zum Bordellbetrieb ist Wohnungsprostitution im Mischgebiet grundsätzlich zulässig – zumal es in Rosenheim keinen Sperrbezirk gibt.

In Städten unter 30.000 Einwohnern wie Kolbermoor, Bad Aibling oder Wasserburg ist neben dem Freudenhaus auch die Wohnungsprostitution gesetzlich verboten. „Einmal gab es eine baurechtliche Anfrage für eine Tabledance-Bar – ansonsten ist das kein Thema bei uns“, sagt Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo, der sich wie seine Kollegen Felix Schwaller (Bad Aibling) und Michael Kölbl (Wasserburg) nicht mit „Rosenheimer“ Problemen herumschlagen muss. Allenfalls an den Stammtischen oder auf der Straße wird in den kleineren Städten im Landkreis Rosenheim hie und da getratscht, wenn verschiedene Männer an der selben Tür klingeln.

Doch nicht nur in der Region hat Rosenheim aufgrund seiner Größe das ungeliebte „Rotlicht-Monopol“. In ganz Südostoberbayern gibt es keine weitere Stadt, die groß genug ist, um „Puff-Standort“ zu werden – was den immer größeren Druck auf die Innstadt erklärt. Zumal unter den Kunden auch viele Münchner und Österreicher sind, die ein „Auswärtsspiel“ in der Fremde dem Schäferstündchen daheim vorziehen, weil sie dort von den falschen Leuten gesehen werden könnten.

So bleibt Rosenheim nur die Hoffnung auf ein Ende der 30.000-Einwohner-Hürde, die es in vielen anderen Bundesländern gar nicht gibt. Würde sie beispielsweise auf 20.000 gesenkt, gingen die roten Lamperl wohl von heute auf morgen auch in Waldkraiburg (24.000) und Traunreut (21.000) an - und die Lage in Rosenheim würde sich entspannen. Traunstein (19.000), Kolbermoor, Bad Aibling, Mühldorf und Burghausen (je 18.000) wären ebenfalls fast reif fürs Milieu, das jede neue Chance ergreift. So war 1999 in Erding (inzwischen 34.000 Einwohner) die Freude über den 30.000. Bürger schnell verflogen, als sich gleich nach dem Jubeltag vier Bordellbetreiber im Rathaus meldeten.

Möglicherweise gibt es auch Entlastung aus Tirol (derzeit sieben Freudenhäuser), wo die Kriterien für Bordellgenehmigungen gelockert werden sollen. Maßgebend ist nach einem neuen Plan künftig nicht mehr die Einwohnerzahl allein, sondern auch der "Tourismusfaktor", sprich die Anzahl der Gästebetten und Tagesausflügler. Das könnte zur Eröffnung zahlreicher neuer Betriebe führen. Die Mitarbeiter im rosenheimer Ordnungsamt hätten sicher nichts dageggen.

ls/je/Oberbayerisches Volksblatt

 

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