Ein Dorf baggert selbst

Drei Generationen sind am Werk, um ein Leerrohr für ein Glasfaserkabel von Schwabering nach Osterfing zu verlegen.

Söchtenau - Noch Jahre hätte Osterfing auf eine schnelle Internet-Anbindung warten müssen. Da griffen die Osterfinger kurzerhand zu Schaufel und Bagger:

In einer wohl bayernweit einmaligen Aktion graben sie selbst die eineinhalb Kilometer lange Verbindung. Und das ganze Dorf hilft mit, denn kein Anbieter war bereit, auf seine Kosten den 30-Seelen-Weiler in der Gemeinde Söchtenau an das Glasfasernetz anzuschließen.

Söchtenau ist eine typische Landgemeinde, wie es sie in Bayern hundertfach gibt. Knapp 2700 Einwohner verteilen sich nördlich des Simssees auf 36 verschiedene Ortsteile. Für den Ausbau und Unterhalt der Infrastruktur bedeutet die idyllische Lage aber eine immense Herausforderung. Beim Anschluss an das World Wide Web waren die Söchtenauer bislang hoffnungslos abgehängt.

"In Sachen schnelles Internet waren wir ein weißer Fleck", bestätigt Bürgermeister Sebastian Forstner. Weniger als ein Megabite in der Sekunde betrug die Übertragungsgeschwindigkeit. Zum Vergleich: Eine schnelle Verbindung bietet heute 50 Megabite in der Sekunde. Für eine Gemeinde bedeutet das ein ernsthaftes Problem: "Wir hatten Abwanderungen von Gewerbebetrieben. Andere sind aufgrund der schlechten Internet-Verbindung gar nicht gekommen", so Forstner. Auch für Privatleute sei eine Anbindung an die Datenautobahn immer wichtiger.

Nun ist es aber gelungen, große Teile der Gemeinde an das schnelle Glasfasernetz anzuschließen. Im Bereich Schwabering und Krottenmühl können die Rohre des Stromversorgers benutzt werden, um Glasfaserleitungen zu installieren. In Söchtenau wird im Augenblick ein Leerrohrnetz verlegt. Das Projekt wird vom Bundeswirtschaftsministerium mit 400 000 Euro unterstützt.

Nur Osterfing mit seinen neun Haushalten, rund 1,5 Kilometer vom Ortsteil Schwabering entfernt, hätte noch Jahre warten müssen. Josef Schlosser dauerte das zu lang. Der Osterfinger hat selbst eine IT-Firma und braucht auch zu Hause eine schnelle Internet-Verbindung. Was tun? Schlosser trommelte im Juli die gesamte Dorfgemeinschaft zusammen. Schnell war die Idee geboren: Wir nehmen das selbst in die Hand und graben uns unsere eigene Verbindungstrasse.

Großes Entgegenkommen

Dann ging alles ganz schnell: Grundstückseigentümer gaben ihre Zustimmung, die Gemeinde erklärte sich bereit, Sand und Kies zur Verfügung zu stellen und der Internet-Anbieter Sternkom aus Bad Endorf lieferte kostenlos die Rohre, durch die später die Glasfaserleitungen geführt werden. Die Arbeitsleistung kommt von den Bewohnern von Osterfing.

Am vergangenen Wochenende legte das kleine Dorf dann los. "Das Schöne war, dass wirklich alle mitgemacht haben, vom Elfjährigen bis zum 70-Jährigen", so Schlosser zu der ungewöhnlichen Solidaritätsaktion. Zwei Landwirte waren mit ihren Traktoren und Maschinen zur Stelle. Praktisch, dass ein Bewohner von Osterfing mal Baggerführer war. Kinder machten mit dem Besen die Straße sauber, die Erwachsenen griffen zu Schaufel und Rüttler. Gut 60 Zentimeter breit und 90 Zentimeter tief ist der Graben, den die Osterfinger ausgehoben haben. Nach dem Verlegen des Rohres wird der Graben wieder geschlossen - alles ganz fachgemäß.

Bei dem schönen Wetter sind sie am Wochenende an zwei arbeitsreichen Tagen gut vorangekommen. "Es fehlen noch 400 Meter, die schaffen wir noch bis Sonntag", ist sich Schlosser sicher. Auch Walter Wüst, der in Osterfing lebt, nennt die Aktion außergewöhnlich: "Ich komme aus der Nähe von München. Eine solche Dorfgemeinschaft wie hier habe ich noch nie erlebt."

Doch in Osterfing wissen sie, dass die Aktion ohne Unterstützung von außen nicht möglich gewesen wäre. Schlosser und Wüst loben das "unheimliche Entgegenkommen" der Grundstückseigentümer, die unbürokratische Hilfe vonseiten der Gemeinde und die Unterstützung des Netzanbieters Sternkom aus Bad Endorf, der auch den Bagger zur Verfügung stellt.

Internet-Verbindung de luxe

Bis zum Ende des Jahres will der Netzanbieter nun die neun Haushalte in Osterfing endgültig anschließen. Die Glasfaserleitungen führen dann direkt in jedes Haus. Normalerweise reicht die schnelle Anbindung in einem Ort nur bis zu einem Verteilerpunkt. Die letzte Strecke zum Haus wird in der Regel per Kupferkabel überbrückt. In Osterfing entfällt der Verteilerknoten. Bei so wenigen Haushalten hätte sich das nicht gelohnt. Ab dem neuen Jahr können die Osterfinger dann wirklich schnell surfen. Bis zu 300 Megabite pro Sekunde sind möglich. Da wird wohl so mancher Großstädter neidisch.

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