Drohbrief-Angriff "ausgesessen"

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Nicht immer gehen Abzocker straffrei aus: Hier verstecken sich zwei von acht Angeklagten beim Auftakt eines spektakulären Prozesses um einen millionenschweren Internet-Betrug mit sogenannten Abo-Fallen in Hamburg. Laut Anklage brachten sie zwischen 2007 und 2010 rund 70 000 Internet-Nutzer um mehr als 5,3 Millionen Euro. Das Urteil wird Ende Januar erwartet.

Stephanskirchen/Landkreis - Sie kommen aus dem Nichts und treffen vor allem ältere Menschen, die wenig Erfahrung mit dem Internet haben, mit voller Wucht:

Gesalzene Rechnungen, die zu Unrecht für nicht erbrachte Dienstleistungen verlangt werden. Die Masche der Abzocker: die Opfer so lange mit Mahnungen und Drohungen einschüchtern, bis sie zahlen. Bei einem OVB-Leser aus Stephanskirchen zog die Masche nicht: Er hat den Drohbrief-Angriff einfach "ausgesessen".

Monatelang bekam der Stephanskirchener Briefe und E-Mails - erst von einem dubiosen Internet-Anbieter, dann von einem Inkasso-Büro. Los ging es mit einem netten Dankeschön "für Ihr Interesse und Ihre kostenpflichtige Anmeldung" bei einer "umfangreichen Datenbank" für Kleidungsverkäufe. 96 Euro waren dafür angeblich fällig.

Doch der Empfänger der Rechnung, dessen Frau tatsächlich auf der Internet-Seite der Firma gesurft war, reagierte einfach nicht darauf. So setzte sich der einseitige Briefverkehr fort mit mehreren Mahnungen. Auch eine Ratenzahlung wurde ihm dabei schmackhaft gemacht. Schließlich kletterte die Forderung - vorgerichtliche Inkassogebühren und -auslagen inklusive - auf 153,06 Euro.

Dabei zog die Inkasso-Firma alle Register: Den Hinweis, dass sich die Kosten bei einer gerichtlichen Geltendmachung wesentlich erhöhen würden, untermauerten die Geldeintreiber mit der Kopie eines vermeintlich aktuellen Amtsgerichtsurteils. Der Inhalt ist nicht schwer zu erraten: Natürlich war der Gläubiger mit seiner Klage gegen den Internet-Anbieter abgeblitzt, es sei ein wirksamer Vertrag zu Stande gekommen, von einer Täuschung könne keine Rede sein.

"Nun zahl doch endlich, die ziehen uns noch vor Gericht - und dann wird's richtig teuer", drängte die Ehefrau schon darauf, endlich klein beizugeben. Doch ihr Mann blieb eisern. "Nur über meine Leiche", habe er gesagt, "das ist doch die reinste Abzocke." Das war vor einem Jahr. Und seither ist Ruhe. Keine Mahnung im Postkasten mehr, kein Urteil im E-Mail-Postfach.

Die komplette Dokumentation der misslungenen Abzocke hat er jetzt unserer Zeitung zur Verfügung gestellt. "Ich will damit den Leuten Mut machen, denen solche Schreiben schlaflose Nächte bereiten", erklärt er. Zumal das Inkasso-Unternehmen das Land zum Jahreswechsel 2011/2012 wieder mit einer neuen Rechnungswelle überzogen hat - und wieder geht es um 96 Euro für die Anmeldung zur Kleidungs-Datenbank.

Allerdings warnen Verbraucherschützer davor, nach dem Vorbild des Stephanskircheners einfach auf Tauchstation zu gehen. Das könne zu einem bösen Erwachen führen. Wer Urteile verhindern wolle, die sich letztlich auf die Seite dubioser Firmen stellen, solle dem Mahnbescheid unbedingt widersprechen. Erst dann könne es um die Rechtmäßigkeit der Forderung gehen.

Auf Verbraucherschutz-Portalen im Internet wird folgender Fünf-Punkte-Plan als der erfolgverprechendste Weg empfohlen, um sich gegen das Abzockergeschäft und Abofallen zu wehren:

1. Zahlen Sie nicht, wenn Sie die Forderung als unrechtmäßig ansehen;

2. Widersprechen Sie ein einziges Mal;

3. Warten Sie auf den Mahnbescheid vom Gericht;

4. Widersprechen Sie dem Mahnbescheid;

5. Gehen Sie mit einem guten Anwalt in eine mögliche Klage hinein.

ls/Oberbayerisches Volksblatt

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