Waldkraiburg

Europa-Lust oder Europa-Frust?

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In gut fünf Wochen ist Wahl: Europawahl. Bürger aus 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union bestimmen dann die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments. Wie halten es Waldkraiburger EU-Bürger aus anderen Mitgliedsstaaten mit dieser Wahl?

847 Waldkraiburger hat das Einwohnermeldeamt der Stadt angeschrieben. Sie haben die Wahl bei der Wahl. Sie können ihre Stimme in ihrem Heimatland oder auch in Deutschland abgeben, müssen sich dazu aber in Waldkraiburg in ein Wählerverzeichnis eintragen lassen.


Wo bleibt die Entbürokratisierung?

Thomas Berger ist einer von ihnen. Dem Unternehmer schmeckt so manches nicht an dieser EU "der Geldverschwender". Er ärgert sich über "Millionen, die in Ländern wie Rumänien verschwinden", über Subventionen für die Landwirtschaft in osteuropäischen Ländern "und bei uns bekommen die Bauern 20 Cent für den Liter Milch". Viel zu groß sei der Apparat in Brüssel, meint Berger. "Und Stoibers Stab für die Entbürokratisierung - was hat das bisher eigentlich gebracht?" Aber trotz aller Kritik -wählen will Berger auf jeden Fall, wohl in Österreich, "weil's einfacher ist". Der Waldkraiburger: "Sonst trage ich ja nicht dazu bei, dass sich was verändert."

Im Übrigen sei natürlich nicht alles schlecht. "Die Währungsunion ist sehr positiv und der freie Grenzverkehr und die Völkerverständigung." Bei Letzterem stimmt dem Südkärntner auch Wirt Janez Smogavc zu. Von der anderen Seite der Karawanken aus sieht man die Europäische Union nach seinen Erfahrungen insgesamt jedoch eher kritisch.


Für den Slowenen, der seit fast 30 Jahren in Waldkraiburg ist, überwiegen die Nachteile. "Die Preise sind gestiegen, viel schneller als die Löhne." Vor allem die vielen Vorschriften aus Brüssel ärgern ihn und viele seiner Landsleute. Auch das Nichtrauchergesetz gehe letztlich auf die EU zurück. Smogavc, der wahrscheinlich nicht wählen wird: "Man hat das Gefühl, nichts mehr entscheiden zu können." Den Abbau von Bürokratie und das Eindämmen von Geldverschwendung wünscht sich auch Jutta Gotsi. Die griechische Geschäftsinhaberin will wählen, "weil es aus demokratischen Gründen wichtig ist".

"Ohne EU wäre Europa schon kaputt!"

 

"Als Französin, die mit einem Deutschen verheiratet ist und in Deutschland lebt, kann ich nicht gegen die europäische Einigung sein", meint Francoise Budig, die wegen des ungünstigen Wahltermins mitten in den Pfingstferien allerdings erstmals wohl nicht wählen wird. So manches könnten die Länder voneinander lernen, glaubt sie, Deutschland zum Beispiel von Frankreich, wie sich Beruf und Familie für Frauen leichter vereinbaren lassen, Frankreich von Deutschland, dessen Berufsausbildungssystem nach der Lehre den Weg zum Abitur offen lässt und handwerklichen Berufen viel größere Wertschätzung entgegenbringt. Vieles gehe zu langsam, sei zu bürokratisch in diesem Europa, aber "die EU ist die beste Lösung für unseren alten Kontinent".

Der italienische Koch Giorgio Magagna

Giorgio Magagna pflichet ihr bei: "Ohne EU wäre Europa schon kaputt." Der italienische Koch und Wirt bedauert, dass die Politiker der einzelnen Länder noch immer die eigenen Interessen allzu sehr in den Vordergrund stellen, dabei oft übersehen werde, wie wichtig die Europäische Einigung sei und wie positiv sie sich insgesamt auch auf die Wirtschaft auswirke. Er denkt zurück an die Grenzen, "die man früher im Kopf hatte. Heute merkt man langsam, dass man Europäer ist und nicht mehr Italiener oder Deutscher." Magagna hat fest vor, seine Stimme abzugeben. "Ich werde versuchen, nach Italien zu fahren. Man kann nicht über die Politiker jammern und nicht wählen."

"Die Demokratie funktioniert überhaupt nur, wenn man wählt", sagt Adolfo Pumar. Für sein Heimatland Spanien und dessen wirtschaftliche Entwicklung war der Beitritt zur Europäischen Union positiv, ist der Galizier überzeugt. Pumar, der bei Kommunalwahlen schon einmal selbst in Waldkraiburg für den Stadtrat kandidiert hatte: "Seit die EU existiert, kommen die Europäer miteinander besser zurecht." "Für mich überwiegen die Vorteile."

Die Nachteile übersieht Pumar nicht. Der freie Markt bringe es mit sich, dass zum Beispiel im Baugewerbe Firmen aus Osteuropa, die billiger arbeiten, bevorzugt würden. Er sehe aber nicht, wie sich das ändern ließe. "Wahrscheinlich ist das der Preis, den wir für die Vorteile bezahlen müssen." hg

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