Kampf gegen Kassen und Behörden

Eine Gehhilfe für ihre Tochter: Mutter aus Großkarolinenfeld ist die Bürokratie leid

Karin Müller und ihre Tochter Anna Sophie
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Ein Herz und eine Seele: Karin Müller und ihre Tochter Anna Sophie.

Karin Müller aus Großkarolinenfeld kümmert sich allein um ihre behinderte Tochter. Nach einer Operation beantragte sie eine Gehhilfe für das Mädchen, scheiterte jedoch an den Gutachtern des medizinischen Dienstes.

Großkarolinenfeld – Es wäre vermessen zu sagen, Anna Sophie Müller sei ein Sorgenkind. Das würde ihre Mutter Karin so nie stehen lassen. Zu viel Freude bereitet ihr die 13 Jahre alte Tochter, auch wenn der Aufwand für ihre Pflege inzwischen an den Kräften der 57-Jährigen zehrt. Zumal sie ihre Tochter alleine großzieht.

Anna Sophie ist ein freundliches Mädchen, das Nähe sucht. Die wichtigste Bezugsperson: ihre Mutter. Und umgekehrt ist die 13-Jährige Karin Müllers Ein und Alles. Mit drei Jahren wurde deutlich, dass sich Anna Sophies Leben wohl nicht normal entwickeln würde. Ärzte diagnostizieren bei ihr eine Cerebralparese – einen Hirnschaden, durch den sie in ihrer Bewegung eingeschränkt ist. Inzwischen sind viele Krankheiten hinzugekomen, darunter Epilepsie.

Mit jedem Zentimeter schlechter

Aus dem Kindesalter ist das Mädchen freilich schon entwachsen, das machte ihre Probleme beim Gehen nicht besser – im Gegenteil: mit jedem Zentimeter Körpergröße stand es schlechter um ihre Mobilität.

Im Oktober vergangenen Jahres wurde Anna Sophie deswegen operiert. Seitlich korrigierte man die Hüfte des Mädchens, in beide Kniescheiben setzten die Chirurgen Platten, die Muskeln beider Oberschenkel wurden verlängert. All dies, um der 13-Jährigen wieder normales Gehen zu ermöglichen.

14 Stufen hinauf bis zur Wohnung

Nur: Bis dahin ist es ein weiter Weg. Bis die Rehabiliation abgeschlossen ist, bleibt Anna Sophie in ihrer Bewegung eingeschränkt. Seit Oktober ist sie bettlägrig. Das ist umso schlimmer, als dass die Wohung der Müllers im ersten Stock liegt. 14 Stufen führen bis zur Wohnung hinauf.

Für den Teenager derzeit unmöglich zu bewältigen. Stattdessen ist das Mädchen, aber auch seine Mutter, auf die Hilfe von Nachbarn angewiesen.

Auf Hilfe der Nachbarn angewiesen

Deswegen hat Karin Müller bei ihrer Krankenkasse eine Hilfe zum Treppensteigen beantragt, ein sogenanntes Scala-Mobil. Das Gerät wirkt wie ein motorisierter Sackkarren: Räderpaare schmiegen sich im Wechsel an die Treppenstufen, der Rollstuhl wird an die Steighilfe angedockt. Kostenpunkt: rund 6.000 Euro.

Zumindest, wenn man das Gerät neu anschaffen und behalten möchte. Müller indes brauchte den Treppensteiger nur für drei Monate, bis die Rehabilitation ihrer Tochter abgeschlossen ist und sie wieder genug Kraft in den Beinen hat.

Widerspruch gegen Gutachten

Doch mit ihrem Anliegen scheitert die Mutter an den Hürden der Bürokratie. Wie so oft. Schon als es darum ging, einen Behindertenausweis zu erhalten, um ihrer Tochter weite Laufwege zu ersparen, habe sie zwei Jahre kämpfen müssen. Auch die Beantragung der entsprechenden Pflegestufe für Anna Sophie sei einer Tortur gleichgekommen. Und immer wieder kommt sie auf einen zu sprechen: den medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK).

Seinen Mitarbeitern obliegt die Begutachtung der Betroffenen in diesen Fällen. Und selten sei diese schon im ersten Anlauf so ausgefallen, dass Karin Müller dies hätte nachvollziehen können. Oft habe sie Einspruch gegen die Erstgutachten einlegen müssen, bis sie beantragte Hilfen erhielt. Und um es gelinde zu sagen: Sie ist es leid, sich ständig mit dem MDK anlegen zu müssen.

Ärger mit dem medizinischen Dienst: Immer wieder muss Karin Müller gegen Gutachten Widerspruch einlegen, um Hilfe zu erhalten.

Derzeit behilft sich Müller anders, wenn sie ihre Tochter über die Treppe nach oben hieven muss und gerade kein Nachbar zur Hand ist: „Ich fahre sie mit dem Toilettenstuhl manchmal rauf und runter.“ Das ginge mit dem Rollstuhl und seinen großen Rädern nicht so einfach.

Situation hat sich geändert

Inzwischen hat sich die Situation verändert – zugunsten der 13-jährigen Anna Sophie. Seit Anfang des Jahres dürfen die Krankenkassen darüber entscheiden, welche Hilfsmittel sie zur Pflege gewähren, ohne dass sie vorher den medizinischen Dienst beaufragten müssen. Dies galt bis zum Dezember vergangenen Jahres, also auch für jenen Zeitraum, in dem Karin Müller den Antrag für ihre Tochter gestellt hatte.

Kasse will Gehhilfe nun besorgen

So oder so hat Müller inzwischen auf den Treppensteiger verzichtet. Auch, wenn sie diesen nunmehr ohne Schwierigkeiten von der Krankenkasse bezahlt bekäme. Das würde auch keinen Sinn mehr ergeben, denn inzwischen setzt die 57-Jährige vollends auf die bevorstehende Reha ihrer Tochter.

„Und nach unseren Informationen ist davon auszugehen, dass Anna Sophie danach eigenständig gehen und Treppensteigen kann. Das hoffen wir sehr für die beiden“, sagt die Versicherung. Sollte Karin Müller zu einem späteren Zeitpunkt erneut einen Treppensteiger für ihre Tochter benötigen „werden wir sicherlich alles tun, um ihr die schwierige Situation mit dem behinderten Kind zu erleichtern.“

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