Zum Weltgedenktag der verstorbenen Kinder

Wenn das eigene Kind stirbt: Eine Mutter aus Großkarolinenfeld erträgt das Unerträgliche

Ein echter Bayern-München-Fan: Markus Redl ist vor sechs Monaten im Alter von 13 Jahren an Leukämie verstorben.
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Ein echter Bayern-München-Fan: Markus Redl ist vor sechs Monaten im Alter von 13 Jahren an Leukämie verstorben.

Großkarolinenfeld - Gerda Redl (58) hat vor einem halben Jahr ihren Sohn verloren. Jetzt spricht sie über ihren Schmerz, Rückschläge und warum Manuel Neuer für einige Glücksmomente gesorgt hat. Eine Geschichte über einen unermesslichen Verlust zum Weltgedenktag verstorbener Kinder.

Markus Redl ist acht Jahre alt, als die Ärzte bei ihm Leukämie diagnostizieren. Erst hatte er Kopfweh, dann Gliederschmerzen und Verspannungen. „Wir dachten, er hat sich ein Virus eingefangen“, sagt seine Mutter Gerda Redl. Es sei kurz nach den Herbstferien gewesen. Markus habe einige Tage zuvor noch Fußball gespielt und mit seinem Jack-Russel-Terrier herumgetobt. Dann sei sein Zustand immer schlechter geworden, so schlecht, dass er nicht mehr alleine gehen konnte.

Kortisonspritzen und Chemotherapien

Er kommt ins Krankenhaus. Es folgen etliche Untersuchungen und schließlich die Diagnose, die das Leben der Familie Redl für immer verändert: Markus hat Leukämie. Die Ärzte beginnen sofort mit der Behandlung. Es folgen Kortisonspritzen und Chemotherapien. Wochenlange Krankenhausaufenthalte und Gespräche mit verschiedenen Ärzten.

Im Juni 2016 dann die Nachricht, dass Markus den Kampf gewonnen hat. Er kann wieder nach Hause. Zurück in sein Zimmer mit dem großen Manuel-Neuer-Poster an der Wand. Zurück zu seinen beiden älteren Geschwistern und dem geliebten Hund. „Es war alles gut“, sagt Gerda Redl.

„Markus hat unheimlich viel durchgemacht“

Bis Markus fünf Monate später einen Rückfall hat. Es geht zurück ins Krankenhaus, zurück in die Ungewissheit. Die Ärzte versuchen es mit einer Knochenmarktransplantation. Dann mit einer Zelltherapie. Seine Mutter Gerda weicht während der gesamten Zeit nicht von seiner Seite. Sie schläft in seinem Krankenhauszimmer, begleitet ihn zu den Behandlungen und hält seine Hand, wenn er eine Spritze bekommt. „Er hat unheimlich viel durchgemacht“, sagt die heute 58-Jährige. Aber er sei eben ein Kämpfer gewesen. Ein Optimist. Ein Stehaufmännchen. Einer, der den Leuten, die ihm gesagt haben, dass er es nicht schafft, gezeigt hat, dass er es eben doch schafft. So einer war er, der Markus.

Manuel Neuer meldet sich per Videoanruf

Torwart Manuel Neuer vom FC Bayern München

Nach der Zelltherapie sei es ihm besser gegangen. Wieder schicken die Ärzte ihn nach Hause. Wieder wächst die Hoffnung, dass die Familie den Albtraum hinter sich gelassen hat. Dass sie noch einmal Glück gehabt haben. „Ein Jahr hatten wir Ruhe“, sagt Mutter Gerda.

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Markus habe wieder Fußball gespielt, habe die Spiele des FC Bayern München im Fernsehen verfolgt. Bei jeder Parade von Manuel Neuer gejubelt. Das Leben war gut. Und wurde noch besser, als sich Manuel Neuer per Videoanruf mit Markus in Verbindung setzte. Seine Ärztin hatte den Kontakt hergestellt.

„Die beiden haben fast 45 Minuten telefoniert“, sagt Gerda Redl. Neuer habe sich für die Unterstützung bedankt, habe sich nach Markus‘ Gesundheit erkundigt und ihm für die Zukunft alles Gute gewünscht. Einige Tage später bekommt Markus ein Paket mit Neuers Originalhandschuhen. „Die waren Markus‘ Heiligtum“, sagt Gerda Redl.

Mutter spricht von einem Tiefschlag

Das Glück scheint perfekt. Bis die Krankheit vor einem Jahr erneut zuschlägt. Noch aggressiver und unberechenbarer. Seine Mutter spricht von einem Tiefschlag, davon, dass Markus „einfach keine Kraft mehr hatte“. „Er wollte nicht mehr ins Krankenhaus und hat gesagt, er wird sowieso nicht wieder gesund.“ Als Markus aufhört zu kämpfen, kämpft seine Mutter weiter. Auch dann noch, als die Ärzte sie darauf vorbereiten, dass es Zeit ist, sich zu verabschieden. Dass es keine Hoffnung mehr gibt. Dass der Kampf bereits verloren ist.

Vorweihnachtszeit besonders schlimm

Sechs Monate ist es jetzt her, dass Markus im Alter von 13 Jahren gestorben ist. Sechs Monate, in denen Gerda Redl jeden Tag das Unerträgliche erträgt. „Mir geht es beschissen“, sagt sie. Trotzdem habe sie nur wenige Wochen nach dem Tod ihres Sohnes wieder angefangen zu arbeiten. Es ist der Versuch, sich abzulenken. Irgendwie. „Wenn ich zu Hause bin, erinnert mich alles an Markus“, sagt sie.

Christbaum soll auf dem Grab aufgestellt werden

Die Vorweihnachtszeit sei besonders schlimm. Denn was ist schon ein Weihnachten ohne ihren Markus, der den Christbaum dekoriert und in der Küche Plätzchen backt. Statt sich mit ihm gemeinsam auf Heiligabend zu freuen, wird sie in den kommenden Tagen sein Grab auf den Friedhof in Großkarolinenfeld umdekorieren. Sie wird einen Christbaum aufstellen, wird sich mit ihm unterhalten. Dann wird sie nach Hause gehen. Zu ihrer Familie und ihrem neuen Leben. Einem Leben ohne Markus.

Unterstützung hat Gerda Redl vom AKM-Zentrum Südostoberbayern mit Sitz in Rosenheim erhalten. Das Zentrum unterstützt Familien mit schwerkranken Kindern und Jugendlichen. Anspruch auf die Angebote haben alle Familien mit einem oder mehreren Ungeborenen, Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen mit einer lebensbedrohlichen und möglichen lebensverkürzenden Erkrankung ab der Diagnose. Das Ambulante Kinderhospiz unterstützt auch Familien, in denen ein Elternteil schwer erkrankt ist und in der minderjährige Kinder leben. Alle Angebote sind für die Eltern kostenlos. Die Kinderhospizarbeit kann nicht mit Erwachsenenhospizvereinen gleichgestellt werden. „Wir begleiten das Leben“, sagt Mitarbeiterin Christiane Greinsberger. Sie betreut Gerda Redl auch nach dem Tod ihres Sohnes. „Es ist bewundernswert, wie sie mit der Situation umgeht“, sagt Greinsberger.

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