Harter Neustart aus dem Nichts

+
Die Barackensiedlung Haidholzen: Erste Heimat vieler Flüchtlinge nach der Vertreibung.

Stephanskirchen (OVB) - Haidholzen stellt heute die zweitgrößte Ortschaft von Stephanskirchen dar. Entstanden ist sie in den 50er Jahren als größte Flüchtlingssiedlung im Landkreis Rosenheim.

Den wohl umfangreichsten Materialbestand über die Entwicklung von Haidholzen hat Webermeister Erwin Licht gesammelt. Erstmals zeigt der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, dessen Familie nach der Vertreibung im Haidholzener Barackenlager den Neustart wagte, seine Bilder in einer Ausstellung im Rathaus.

"Wir haben alles zurückgelassen und kamen mit nichts", erinnert sich Erwin Licht an seine Ankunft in Stephanskirchen nach der Vertreibung seiner Familie aus dem polnischen Kattowitz. Mit zwölf Personen hauste die Großfamilie zuerst in einem Raum in einem Wirtshaus in Westerndorf, bevor die Lichts in die Wohnbaracke der Vertriebenensiedlung in Haidholzen umzogen - endlich in zwei eigene Zimmer. Von hier aus startete die Familie neu durch: Mit Fleiß und Tatkraft wie so viele Vertriebene bauten sich die Lichts in Haidholzen eine Existenz auf - mit eigenem Haus, für dessen finanziellen Grundstock die Mutter zehn Jahre lang auf ihre Rente verzichtete, und eigenem Handwerksbetrieb, den Erwin Licht mittlerweile an seinen Sohn Alfred übergeben hat.

Familien wie die Lichts gibt es viele in Haidholzen. Die Ortschaft ist eng mit dem Neuanfang vieler Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Die von Licht zusammengetragenen 396 Bilder, von denen die bedeutendsten in der Ausstellung zu sehen sind, erzählen vom Leben in den Baracken. Hier fanden Menschen auf engstem Raum Unterschlupf, die von Flucht und Vertreibung gezeichnet waren. Die Präsentation spiegelt den Alltag in der Lagerschule wider, wo die Eltern aus Brennholz Pulte und Stühle zimmerten und die Lehrer aufgrund fehlender Unterrichtsmaterialien sogar die Lesebücher selber schrieben. Die Ausstellung widmet sich der Gründung des ersten Kindergartens. Die Stelltafeln zeigen außerdem, wie die ersten Firmen in Haidholzen entstanden, gegründet oft auch von Vertriebenen.

Licht spannt den Bogen von 1946, als die ersten Flüchtlinge nach Haidholzen kamen, bis heute - dank aktueller Aufnahmen, die eindrucksvoll die Entwicklung von einer Barackensiedlung zu einem modernen Wohngebiet zeigt. Die Ausstellung stellt einen Menschen in den Mittelpunkt, mit dem das frühe Haidholzen eng verbunden ist: Den Lagerschullehrer Leopold Lukas, der heuer 100 Jahre alt geworden wäre. Bilder aus dem Schulleben mit dem strengen, aber sehr verehrten Pädagogen prägen die Ausstellung im Rathaus. Fotos aus den 50er Jahren symbolisieren, wie die Jugend Vertreibung und Flucht hinter sich ließ: Die Aufnahmen zeigen - trotz der Entbehrungen und Not - viele fröhliche Kindergesichter. "Wir waren jung und kannten das Leben nicht anders, also machten wir das Beste daraus", erinnert sich Licht. Die Nachkriegszeit war hart und arbeitsreich, jedoch auch von einer großen Freiheit und von wieder erwachter Lebenskraft geprägt, verdeutlicht seine Präsentation im Rathaus eindrucksvoll.

Die Ausstellung über Haidholzen ist bis zum 18. November zu den Öffnungszeiten der Verwaltung im Foyer zu sehen.

Oberbayerisches Volksblatt

Zurück zur Übersicht: Rosenheim Land

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT