Heimlicher Waldbewohner

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Nur noch selten in heimischen Wäldern anzutreffen: der Haselhahn.

Rosenheim/Landkreis - Die Wölfe tauchen in Bayern wieder auf, aber manchem kleineren Waldbewohner wird der menschliche Eingriff in den Lebensraum zu "bunt". So auch dem Raufußhuhn...

Lesen Sie hier den Originalartikel aus der Wasserburger Zeitung:

Heimlicher Waldbewohner

Nicht viele Menschen haben noch das Glück, eines Haselhuhns (Bonasa bonasia) ansichtig zu werden - es ist sehr selten geworden. Mit einer Körperlänge von 35 Zentimetern ist es das kleinste in unserer Heimat vorkommende Raufußhuhn, kleiner also als Birk- und Auerhuhn. Gerade mal an die 450 Gramm schwer wird der heimliche Bewohner unserer Bergmischwälder. Die rostbraungraue Färbung verleiht ihm eine perfekte Tarnung. Die schwarze Kehle und die kleinen roten Rosen über den Augen unterscheiden Hahn und Henne.

Als absoluter Kulturflüchter haben Biotopveränderungen (zum Beispiel Monokulturen und intensive Forstwirtschaft, einhergehend mit einem üppigen Wegebau), die die allerletzten stillen, relativ unberührten Ecken erschlossen haben, ihn in seinem Bestand drastisch reduziert. Stark durchforsteter Wirtschaftswald sowie dichte Bestände ohne Lichtungen werden gemieden. Das Haselhuhn liebt forstlich vernachlässigte Flächen und kleinflächig genutzten Bauernwald mit nicht zu dicht stehender Kraut-, Hochstauden- und Zwergstrauchflora.

Durch Ringfunde weiß man um die Standorttreue der Haselhühner. Meist betrug die Entfernung zum Beringungsort lediglich 200 bis 1500 Meter, nur ausnahmsweise mehrere Kilometer. Sie weichen verschlechterten Biotopen eben nicht aus, sondern "verschwinden" einfach. Bejagt wird das Haselhuhn in Bayern schon seit 1968 nicht mehr, trotzdem gingen die Bestandszahlen nach unten und pendelten sich auf tiefstem Niveau ein. Aufs Jahr gesehen bekomme ich bei meinen Reviergängen höchstens fünfmal Haselwild zu Gesicht. Wobei zu berücksichtigen ist, dass dieses Raufußhuhn sehr versteckt lebt.

Während meiner Lehrzeit im schönen Wildbad Kreuth gab es in der Langenau im Sommer und Herbst mehrere Gesperre (Henne mit Jungen). 20 bis 30 Stück waren keine Seltenheit. Wenn man sie auftrat, baumten sie vor uns auf und schimpften leise "Wit-wit-wit". Dabei wippten sie mit dem Schwanz und stellten ihre Federholle auf, die beim Hahn wesentlich ausgeprägter ist als bei Hennen und Jungen.

Das Sanatorium Wildbad Kreuth hatte damals einen guten Chefkoch der alten Garde, der noch wusste, dass ein Haselhuhn mit seinem weißen Fleisch eine Delikatesse ist. Er fragte deshalb in unserem Beisein Seine königliche Hoheit Herzog Ludwig, ob die Jäger denn nicht ein Haselhuhn erlegen könnten, damit er es ihm braten könne. Lapidare Antwort des Herzogs: "Es gibt ja eh kaum mehr welche." Wieviel mehr dieser Vögel muss es da früher gegeben haben...

In der Hirschbrunft, Mitte September bis Mitte Oktober, beginnt für die Haselhühner die Balz und Paarbildung. Die eigentliche Balz mit dem Treten der Henne folgt im März und April. Früher machten sich das die Jäger zunutze und lockten mit dem Wusperl, einem dünnen Knochen, der in der Winterzeit aus einem Hasenvorderlauf mühevoll hergestellt wurde. Mit ihm konnte man den Balzlaut mit sehr hohen Pfeiftönen nachahmen. Das territoriale Männchen reagierte, in dem es mit einem purrenden Flügelschlag einfiel oder es kam, immer wieder rufend, zu Fuß anmarschiert.

Haselhühner leben in Einehe, aber nur für eine Saison. Ich selbst sah das Gesperre mal mit Hahn und mal ohne. Wahrscheinlich ist es nur eine kurze Saisonehe. 24 Tage bebrütet die Henne allein ihre bis zu zwölf Eier in einem sehr einfachen Nest am Boden. In den ersten zehn Tagen nehmen die Jungen nur tierische Nahrung zu sich, unter anderem Ameisen, Raupen oder Puppen. Zwischen dem 10. und 20. Tag geht die Nahrung allmählich in pflanzliche Anteile über. Mit 14 Tagen sind die Jungen schon flugfähig. Bis zum Herbst löst sich das Gesperre auf.

Durch Kropfuntersuchung weiß man, dass das Haselhuhn auch Seidelbastbeeren und Tollkirschen nicht verschmäht. Spielt sich in der vegetationsreichen Zeit das Leben am Boden ab, so geschieht die Nahrungsaufnahme im Winter meist auf den Bäumen. Beeren von großen Sträuchern, Bucheckern, Birken- und Haselkätzchen gehören dabei zur wichtigsten Nahrung. Sind die Nächte besonders kalt, übernachtet das Haselwild im alpinen Bereich bei starken Minusgraden in bis zu zwei Meter langen gegrabenen Schneegängen.

Die Zeiten, in denen zum Beispiel der Haselhuhnbestand einer Gutsherrschaft im Jahre 1879 auf 55 Exemplare geschätzt wurde, sind längst vorbei. Heute freuen wir uns, dass es überhaupt noch Haselhühner gibt...

sh/Wasserburger Zeitung

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