"Hexenjagd" im Gemeinderat Riedering

Riedering - Abrechnung mit drei Mitbürgern: Franz Xaver Kratzer, langjähriger Geschäftsleiter der Gemeinde, hat beim Verlesen einer Stellungnahme persönliche Kritik geäußert.

Franz Xaver Kratzer, langjähriger Geschäftsleiter der Gemeinde Riedering, hat in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats das Verlesen einer Stellungnahme der Verwaltung dazu genutzt, persönliche Kritik an drei namentlich erwähnten Mitbürgern zu üben. Er räumt ein, auch Bürgermeister Josef Häusler damit überrascht zu haben. Die von der Interessengemeinschaft (IG) Daxlberg geforderte Entschuldigung für sein Verhalten lehnt Kratzer ab.

Nach Ansicht von IG-Sprecher Bernhard Daxlberger ist deshalb das Gemeindeoberhaupt gefordert. "Wenn die Entschuldigung nicht erfolgt, erwarten wir vom Bürgermeister geeignete Maßnahmen", sagt er. Er sei "brutal getroffen" wegen dieser persönlichen Angriffe, die nicht in die Sitzung gehört hätten. Kratzer hat bei seinem Auftritt vor dem Gremium unter anderem daran erinnert, dass ein IG-Mitglied zwei Schwarzbauten im Gemeinde-Bereich erstellt und die nachfolgenden juristischen Auseinandersetzungen verloren habe. Außerdem habe er Entscheidungen eines früheren Bürgermeisters gewertet, dessen Sohn Mitglied der Bürgerinitiative ist.

"Der hat sich da bewusst Leute rausgepickt"

"Der hat sich da bewusst Leute rausgepickt", beurteilt Daxlberger den Eklat, zu dem es während der Beratung zur Änderung des Flächennutzungsplans für den Bereich "Puttinger Bach - Daxlberg - Gewerbegebiet Perr" kam. Konkret geht es darum, einen Streifen, der entlang des Gewerbegebiets verläuft, in ein Mischgebiet umzuwandeln. Die IG lehnt das unter Berufung auf eine Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1844 ab, die ihrer Ansicht nach eine solche Umwandlung der im Gemeindebesitz befindlichen Fläche ausschließt.

Bürgermeister Josef Häusler will jetzt zunächst das Gespräch mit Kratzer suchen, der im August in Ruhestand geht. "Dann sehen wir weiter", sagt Häusler, der die Attacken seines Geschäftsleiters gegen Gemeindebürger während der Sitzung nicht unterbunden hat. Klar ist für ihn, unabhängig vom Ausgang des Gesprächs, dass Kratzers Verhalten keinen Anlass für arbeitsrechtliche Konsequenzen bietet. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass er und Andreas Uhlig - er ist Kratzers Nachfolger - über dessen Vorgehen im Vorfeld nicht unterrichtet gewesen seien.

Josef Loferer war der einzige Gemeinderat, der Kratzer noch während der Sitzung für seinen Auftritt heftig kritisierte. "Das war ein unmögliches Verhalten. Wo kommen wir denn hin, wenn auf berechtigte Einwände von Bürgern so reagiert wird?" Loferer ist überzeugt, dass ein Großteil der Gemeinderäte dieser Meinung ist, sie aber leider nicht öffentlich artikuliert hat.

Franz Xaver Kratzer beeindruckt das wenig, da er sich keiner Schuld bewusst sei. Er habe niemanden beleidigt und nur Fakten aufgezählt, die belegbar seien. Er sei im 46. Dienstjahr und müsse sich nicht vorwerfen lassen, unkorrekt gehandelt zu haben. "Ich kusche nicht", geht der Gemeindebeamte in die Offensive. Alles, was er gesagt habe, könnte er ohne schlechtes Gewissen wiederholen.

Einig ist sich Kratzer mit Bürgermeister Häusler, dass auch die IG Daxlberg in zwei Schreiben, die in den vergangenen Monaten in der Gemeinde eingegangen sind, nicht gerade moderate Töne angeschlagen hat. Dass die IG der Gemeinde im Zusammenhang mit der angestrebten Änderung des Flächennutzungsplans "reine Spekulations- und Gewinnsucht" sowie "Missachtung der christlichen Ethik" vorgeworfen hat, empfindet Kratzer als ehrverletzend.

Landratsamt wird sich nicht damit befassen

Das Landratsamt wird sich mit dieser Angelegenheit auf jeden Fall nicht befassen. "Herr Kratzer ist Gemeindebeamter, da liegt die arbeitsrechtliche Zuständigkeit ganz klar beim Bürgermeister", sagt Pressesprecher Michael Fischer. Eine Besucherin der Gemeinderatssitzung durfte sich jedenfalls über spontanen Beifall weiterer Anwesender freuen, als sie ihre Meinung zu den Vorgängen während der Sitzung in einem Zwischenruf kundtat, der nur aus einem Wort bestand: "Hexenjagd".

Norbert Kotter/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © pa

Zurück zur Übersicht: Rosenheim Land

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT