Vor 50 Jahren Eiger bezwungen

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Kurz vor dem Gipfel: Gerhard Mayer bewältigt das letzte Eisfeld.

Grindelwald/Inntal - Genau vor 50 Jahren bezwangen zwei Kletterer aus dem Inntal die wohl berühmteste und berüchtigste Kletterwand der Alpen:

Die 1650 Meter hohe Eiger-Nordwand. Dreieinhalb Tage kämpften sich Georg Huber aus Flintsbach und Gerhard Mayer aus Brannenburg durch Fels und Eis. Es war die 21. Gipfelbegehung auf der legendären Heckmair-Route.

Wer vor der 1650 Meter hohen Nordwand des Eiger steht, sieht eine gewaltige Barriere aus Stein und Eis vor sich. "Mulmig war mir schon", erzählt der heute 69-jährige Gerhard Mayer. Am 19. September 1961 stieg der damals 19-jährige Brannenburger zusammen mit seinem Kletterpartner Georg Huber aus Flintsbach in die Wand ein. Ein gefährliches Abenteuer: Vor ihnen hatten es erst 20 Seilschaften auf den Gipfel geschafft. 18 Menschen waren bei dem Versuch bis dahin ums Leben gekommen.

Dreieinhalb Tage zwischen Himmel und Erde: Die Inntaler müssen eine Strecke von fast vier Kilometern durchklettern.

Kennengelernt hatten sich die beiden Inntaler als Jugendliche bei der Brannenburger Bergwacht. Bald unternahmen sie gemeinsame Klettertouren, die mit der Zeit immer schwieriger wurden. 1961 gönnten sich Mayer und Huber eine Auszeit als Bergvagabunden. "Wir haben damals schwierige Touren unternommen", erzählt Mayer. Zehn Wochen lang waren sie unterwegs in den Dolomiten, am Ortler und am Montblanc. "Wir waren in Top-Form. Also haben wir beschlossen, die Eiger-Nordwand zu versuchen." Die beiden sind gut ausgerüstet. Doch 1961 kennt man beispielsweise noch keine Klettergurte. Zur Sicherung knotet man sich einfach das Seil um.

In Grindelwald treffen die jungen Männer aus dem Inntal zufällig die Bergsteiger Toni Hiebeler und Robert Seiler. Hiebeler hat erst ein halbes Jahr zuvor gemeinsam mit Walter Almberger, Toni Kinshofer und Anderl Mannhardt die erste Winterbegehung der Nordwand geschafft. Von den beiden erhalten die Inntaler nicht nur wertvolle Tipps, sondern auch damals neuartige Alu-Karabiner geliehen statt der schweren Eisenkarabiner.

In der Wand merken Mayer und Huber schnell, dass sie nicht allein sind. Kurz nach dem Hinterstoisser-Quergang holen zwei österreichische Bergsteiger, Helmut Wagner und Karl Frehsner, die beiden ein. Die vier beschließen, die Wand gemeinsam zu durchklettern.

Am zweiten Eisfeld kommen sie allerdings nur langsam voran. Die Schnee- und Eisverhältnisse sind tückisch. Mühsam schlagen die Bergsteiger Stufen ins Eis. Am oberen Rand des zweiten Eisfelds wird auf einer zwei Quadratmeter großen Eisfläche das erste Biwak bezogen - nach 21 Stunden Kletterei. Die Bergsteiger sichern sich gegenseitig, während sie die Steigeisen abschnallen und jedes verfügbare Kleidungsstück anziehen. Danach geht es ab in den Biwaksack.

Kletterseil verklemmt sich

Wieder daheim: Die Strapazen sind Georg Huber (links) und Gerhard Mayer ins Gesicht geschrieben.

Am nächsten Tag passiert die Seilschaft das dritte Eisfeld und kommt gut vorwärts, als ein brenzlige Situation entsteht. Mayer, der seinen Partner sichert, bemerkt nicht, dass das eingeholte Seil auf der abgewandten Körperseite in die Tiefe fällt, wo es sich in einer Spalte verklemmt. Es lässt sich nicht mehr einholen. Doch die Bergsteiger brauchen es unbedingt. Mayer klettert schließlich abwärts, gesichert von seinen drei Kameraden. Er kann sich nirgends mehr abstützen, hängt ausschließlich am zweiten Seil. Doch das verklemmte Seil lässt sich nicht lösen, so sehr Mayer auch zieht und zerrt. Der 19-Jährige fühlt, wie ihm die Kräfte schwinden. Verzweifelt fasst er ein letztes Mal nach dem Seil und springt mit aller verbliebener Kraft von der Wand weg. Das Seil ist wieder frei! Zwei Stunden hat die Aktion gekostet.

Bald bricht die Dämmerung herein. Huber und Mayer schlagen ihr Biwak auf einem schmalen Grat unterhalb eines Überhangs auf. Es ist kaum Platz für den Kocher. Die Steigeisen an den Füßen, verbringen sie im Sitzen eine unruhige Nacht. Endlich wird es Morgen. Sie klettern weiter. Plötzlich ein Dröhnen. Alle ziehen die Köpfe ein. Doch es ist kein Steinschlag: Ein Sportflugzeug fliegt in 100 Metern Entfernung vorüber. "Das Wetter bleibt schön" ruft ihnen der Pilot zu.

Das Gelände wird schwierig, sie haben es mit losem, von Schnee bedecktem Gestein zu tun. Vor jedem Schritt prüfen die Männer sorgfältig, ob der Boden sie trägt. Am berüchtigten Götterquergang, einem schmalen Felsband, geht es genauso weiter. Mayer hat die undankbare Aufgabe, als letzter die Sicherungshaken wieder herauszuschlagen. Fest sitzen sie nicht. "Stürzen darf hier keiner", weiß er.

"Ein Riesenmassel mit dem Wetter"

Noch einmal wird ein Biwak aufgeschlagen, wieder verbringen Huber und Mayer die Nacht im Sitzen. Doch der schwierigste Teil der Wand ist geschafft. Am vierten Tag erreichen sie nachmittags den Mittelgrat und folgen ihm bei strahlendem Sonnenschein zum Gipfel.

Dort reichen sich die Männer die Hände, geredet wird kaum. "Uns war allen bewusst, dass wir mit dem Wetter ein Riesenmassel gehabt hatten", so Mayer. Über die Westflanke geht es hinunter zur Bergbahnstation Eigergletscher.

Für März 1962 haben sich Huber und Mayer erneut ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Sie wollen zusammen mit Albert Schwarz als erste die Matterhorn-Nordwand im Winter durchsteigen. Aber sie kommen zu spät: "Ein paar Wochen vorher hat uns eine andere Seilschaft die Erstbegehung weggeschnappt." Auch das Wetter ist schlecht. Drei Wochen warten die Kletterer, dann muss Mayer wieder heim: Sein Urlaub ist unwiderruflich zu Ende. Huber bleibt und will die Besteigung zusammen mit einem englischen Bergsteiger schaffen. Doch kurz vor dem Gipfel müssen sie abbrechen. Im Jahr darauf wird er auf eine Expedition in den Himalaya eingeladen. Beim Versuch der ersten Skibesteigung des Cho Oyu, des sechsthöchsten Berges der Welt, stirbt Huber an Erschöpfung.

Mayer hat das Klettern kurz danach aufgegeben. Doch die Eiger-Nordwand lässt ihn bis heute nicht los: "Mich sprechen immer wieder Leute darauf an." Ihn treibt auch die Erinnerung an Huber und die tragischen Umstände seines Todes um. Mayer ist überzeugt: Sein Freund hätte ein ganz Großer unter den Alpinisten werden können. "Das Zeug dazu hatte er."

ku/Oberbayerisches Volksblatt

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