Kirche tadelt Umgang mit "Gabe Gottes"

Rosenheim - Aus Protest gegen den niedrigen Milchpreis verschütteten heimische Bauern vor wenigen Tagen rund 300.000 Liter Milch auf einem Feld nahe Rosenheim. Jetzt gab es erneut heftige Kritik! ** Video der Protestaktion ** Video-Interview mit dem BDM ** Video-Interview mit dem Bauernverband ** Video-Umfrage ** Die große User-Diskussion **

Das Evangelisch-Lutherische Dekanat Rosenheim übte jetzt scharfe Kritik an diesem Vorgehen. BDM-Vorsitzender Jakob Niedermaier dagegen verteidigte die Aktion.

"Bei allem Verständnis für die brisante Situation in der Landwirtschaft: Als evangelische Christinnen und Christen können wir diese Form des Protests und des Umgangs mit Lebensmitteln nicht gutheißen", erklärte Pfarrer Dr. Bernhard Liess, Referent im Dekanat Rosenheim. Lebens- und Nahrungsmittel seien eine Gabe Gottes, die - auch nicht mit dem Ziel eines öffentlichkeitswirksamen Protests - einfach vernichtet werden könnten.

Video-Umfrage: Was sagen Sie zur Milchvernichtung?

Video-Interview: Milch aufs Feld: BDM steht dazu

Video-Interview mit dem Bauernverband

Die große User-Diskussion

Gleichzeitig, so Liess weiter, sehe man aber auch die Not und Verzweiflung der Milchbauern, die sie zu so einem, auch für die Milchbauern sicher schmerzhaften Schritt genötigt hätten. Der im wahrsten Sinne des Wortes "sündhaft niedrige Milchpreis" bedrohe die Existenz zahlreicher Milchbauern. Er führe zu gravierenden Einkommensproblemen und zahlreichen Betriebsaufgaben.

Der Dekanatsreferent appelliert an alle Beteiligten - Milchbauern, Molkereien, Discounter, Politiker und Banken - mit Mut und Fantasie an Lösungen zu arbeiten, die "den Milchbauern dauerhaft zu einer gesicherten und ihrer wertvollen Arbeit würdigen und angemessenen Existenzweise verhelfen". Er ruft zugleich die Verbraucher auf, sich der Spirale "immer noch billiger" zu entziehen, etwa durch den Kauf biologisch erzeugter Milch aus der Region.

Fotostrecke: Protestaktion der Milchbauern

Milchbauern demonstrierten

Beim Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) scheint inzwischen die Zustimmung zum Milch-Wegschütt-Protest zu bröckeln. Der Traunsteiner BDM-Vorsitzende Sepp Hubert sagte, er habe zwar Verständnis für die Aktion, er halte sie aber für "nicht glücklich".

Dagegen erklärte der Rosenheimer BDM-Kreisvorsitzende Jakob Niedermaier gegenüber dem Oberbayerischen Volksblatt: "Es ist kein Vergnügen, Milch wegzuschütten. Wir haben aber über Jahre vergeblich versucht, die Aufmerksamkeit der Politik in Sachen Milchpreisverfall zu erregen. Die gegenwärtige Lage zwingt uns zu harten Maßnahmen." Zu den gegenwärtigen Konditionen könne kein Milchbauer überleben. Ob die harte Linie beibehalten wird, sei noch nicht entschieden.

Bauernverbands-Kreisobmann Josef Bodmaier, der sich von Anfang an von den Milchvernichtungs-Aktionen distanzierte, fordert von der Politik "schnell wirksame Maßnahmen für alle Bauern". An Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte er, im Vorfeld des Sonderagrarrats am 5. Oktober in Brüssel verstärkt Druck auf EU-Kommissionspräsident Barroso auszuüben, damit die EU endlich tätig werde.

Zu den Forderungen des BBV-Chefs gehören unter anderem die Ausweitung der Exporterstattungen, die zur Sicherung bestehender Absatzmärkte beitrügen sowie Exportgarantien, die Einführung von Verwertungsbeihilfen für Bäckerbutter, Speiseeis, Sozialeinrichtungen, Vereinfachung und Ausbau der Schulmilchprogramme. Eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln mit Milchbestandteilen im Sinne eines Reinheitsgebots sowie die Wiedereinführung und Stärkung der Verfütterungsbeihilfe stehen ebenfalls auf der Agenda von Bodmaier. Auch auf den Getreide-, Ölsaaten- und Kartoffelmärkten sei die Preislage "katastrophal schlecht". Hier könnte eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage den Bauern helfen. Endlich beseitigt werden müsse der nach wie vor hohe Kostennachteil bei der Besteuerung von Agrar-Diesel gegenüber anderen EU-Staaten.

la/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © Josef Reisner

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