Eltern sind verzweifelt

Corona-Krise: Werden Kinder mit Beeinträchtigungen einfach im Stich gelassen?

Landkreis - Auch Bayerns Schulen haben auf Notbetrieb umgestellt: Der Unterricht findet nun zuhause statt. Gerade Kinder mit Beeinträchtigungen und deren Familien stellt dies vor besondere Herausforderungen. Die Situation wird durch eine Maßnahme des bayerischen Kreis- und Städtetages weiter erschwert.

Der 24. März sollte zum einschneidenden Datum für Dutzende Familien in Rosenheim werden. In einem Schreiben mit dem sperrigen Titel „Umgang mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie in der Kinder- und Jugendhilfe“ listen Bayerischer Landkreistag und Bayerischer Städtetag eine Reihe von Empfehlungen auf. Punkt vier betrifft Schul- und Individualbegleitungen. Dort heißt es unter anderem: „Aufgrund der aktuellen Entwicklung ist ein persönlicher (häuslicher) Kontakt zur tatsächlichen Unterstützung im schulischen Kontext nicht möglich.“

Es ist ein Satz wie ein Albtraum für viele Rosenheimer Familien. Mit wenigen Worten wird ihre Welt von einem Moment auf den nächsten auf den Kopf gestellt. 

Worum geht es konkret? Auch in Bayern nehmen Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen, wenn irgendwie möglich, am regulären Unterricht in Schulen teil. Möglich machen diesen Inklusionsunterricht sogenannte Schulbegleiter: Während eine Lehrperson den Unterricht leitet, leisten sie zusätzliche Hilfe für Kinder mit Beeinträchtigungen. 

Je nach Schweregrad und Art der Beeinträchtigung werden die Begleitpersonen entweder vom Bezirk Oberbayern oder von den Jugendämtern, welche in den Landratsämtern untergebracht sind, finanziert. Die finanziellen Mittel für die schulische Begleitung von Kindern mit Asperger-Syndrom oder Autismus etwa werden durch die Landratsämter gestellt. Genau an dieser Finanzierung spießt es sich nun. 

Bezirk Oberbayern fordert: Unterstützung im häuslichen Umfeld 

Wegen der Corona-Krise machten die Schulen in Bayern bekanntlich dicht. Kinder und Jugendliche müssen den Unterrichtsstoff nun zuhause bearbeiten. Sie erhalten meist digital, beispielsweise via Skype, Aufgaben und Arbeitspakete. Dies gilt auch für Kinder mit Beeinträchtigungen. Dabei war anfangs alles in Ordnung. Die Kinder konnten sich zunächst auf die Hilfe ihrer Schulbegleiter verlassen, welche zu ihnen nach Hause kamen, um unterstützend bei der Bewältigung der Aufgaben zu wirken. Genau dazu wurde auch in einem Schreiben des Bezirks Oberbayern, im kompletten Gegensatz zum Schreiben von Landkreis- und Städtetag, explizit aufgerufen: Man „appelliert“ darin, „die Leistungen… im häuslichen Umfeld zu erbringen“. So weit, so gut. Doch dann wurde es kompliziert.

Landkreis- und Städtetag: Keine Unterstützung im häuslichen Umfeld 

Mit dem Schreiben des Landkreistages und des Städtetages vom 24. März änderte sich dies abrupt. Zwar helfen Schulbegleiter, die vom Bezirk Oberbayern finanziert werden, den Kindern und Jugendlichen weiterhin im häuslichen Umfeld. Bei jenen Kindern, deren Finanzierung über die Jugendämter läuft wurde dies aber verunmöglicht. 

Vom einen Tag auf den nächsten waren sie – und ihre Familien – auf sich selbst gestellt. In Summe ist das Ergebnis des zweiten Schreibens eine paradoxe Parallelsituation, in welcher Kinder je nach Kostenträger im häuslichen Umfeld unterstützt werden, oder eben gar nicht. 

Dutzende Kinder drohen jedenfalls schulisch abgehängt zu werden. Opfer, wie es zumindest von außen scheint, eines Behörden Hick-Hacks und verklausulierten Schreiben mit gegenläufigem Inhalt. 

Landratsamts-Sprecher: Maßnahme aufgrund derzeitiger Situation 

Michael Fischer, Pressesprecher des Landratsamts Rosenheim, bestätigt auf Anfrage, dass das Jugendamt die Bezahlung des Unterrichts im häuslichen Umfeld nicht übernehme. Dies hänge mit der gegenwärtigen Situation zusammen. Ein persönlicher Kontakt im häuslichen Umfeld sei zurzeit „nicht mehr möglich“, deshalb hätten sich die Jugendämter zurückgezogen. Er sagt, dass die Unterstützung via Skype erfolgen hätte können, hier wäre die Bezahlung auch übernommen worden. Er setzt seine Hoffnungen aber darauf, dass es schon bald Lockerungen bei Besuchen für haushaltsfremde Personen gebe. Momentan sei zwar noch nicht absehbar, wann der Unterricht im häuslichen Umfeld unter dieser Bedingung wieder aufgenommen werden könne - man warte noch auf diesbezügliche „Anweisungen“. Auf Nachfrage, dass der Bezirk die Situation grundsätzlich anders handhabe, wollte er nicht näher eingehen - dies, führt Fischer aus, sei Sache des Bezirks. 

Eine unbefriedigende Situation für jene Eltern und Kinder, deren Unterstützung so abrupt weggefallen ist und die sich im Stich gelassen fühlen. Nun heißt es warten und hoffen, dass sich die Behörden hier einig werden und die Empfehlungen zur häuslichen Betreuung gleichermaßen anwenden - der Kinder wegen.

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